Flüchtlinge im Hostel im Berliner Grunewald : 18 Fragen an die Betreuer - und die Antworten

Ein Unternehmer-Paar stellte sein Hostel für 40 jugendliche Flüchtlinge bereit und erhebt Vorwürfe an den Verein, der sie betreute. Hier die Antworten

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Blick von der Küche in den Speisesaal des JETpak-Hostels in Grunewald.
Blick von der Küche in den Speisesaal des JETpak-Hostels in Grunewald.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Neil und Gülnur Nadarajah (beide 45) betreiben eine kleine Hostel-Kette in Berlin: JETpak Hostels. Zwischen Mitte September und Anfang Januar stellten sie ihr Haus im Grunewald für 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge bereit. Der Berliner Jugendhilfeverein Trialog e.V. wurde vom Senat beauftragt, sich um diese Kinder und Jugendlichen zu kümmern. Nach Ansicht der Nadarajahs hat er weitgehend versagt. Lesen Sie HIER die ganze Geschichte dazu. Der Tagesspiegel schickte dem Verein 18 Fragen dazu. Er selbst durfte nicht antworten, beriet sich jedoch mit der zuständigen Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Die schickte nach einer Woche eine ausführliche Stellungnahme.

Die Fragen und Antworten in voller Länge

1. Die Nadarajahs berichten, dass bei Ihnen ein augenscheinlich und offensichtlich nicht mehr minderjähriger Mann aus Algerien untergebracht worden sei, der einen jungen Tschetschenen mit einem Messer das Gesicht aufgeschlitzt habe und andere mit einer abgebrochenen Flasche bedroht habe. Ihre Mitarbeiter hätten Versuche, den Mann bei der Polizei anzuzeigen und abholen zu lassen, mehrfach vereitelt. Können Sie das bestätigen?

„Offensichtlich“ volljährige unbegleitete Flüchtlinge werden nicht in Obhut genommen. Hier mag sich möglicherweise für einen Laien um eine offensichtlich nicht mehr minderjährige Person gehandelt haben. Die Einschätzung des Alters einer geflüchteten Person liegt daher auch in der Hand von Fachkräften, die beispielsweise die möglichen Auswirkungen der Fluchtstrapazen auf das äußere Erscheinungsbild angemessener berücksichtigen können als Laien.

Der Träger widerspricht der Darstellung des Betreibers entschieden: Ein Tschetschene sei mit dem Algerier am 12. September 2015 auf dem eingezäunten Hostelgelände aneinander geraten. Der Tschetschene habe dabei eine leichte Kopfverletzung am Oberkopf erlitten, die durch die vom Träger herbeigerufenen Rettungssanitäter vor Ort behandelt werden konnte (Schürfwunde – das Blut habe durch Wundauflage gestillt werden können). Der Algerier sei ebenfalls verletzt worden. Offensichtlich habe dieser mit einer am Baum lehnenden Laubharke auf den Kopf des Tschetschenen geschlagen. Daraus habe sich eine mit Fäusten ausgeführte Schlägerei entwickelt. Die Polizei habe den Vorgang aufgenommen die Verletzungen fotografisch dokumentiert.

Spaziergang durch das Hostel JETpak Ecololodge
Gülnur und Neil Nadarajah (45) vor Ihrem Hostel. Hier brachten sie zeitweilig 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter.
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1 von 12Foto: Kitty Kleist-Heinrich
05.03.2016 00:16Gülnur und Neil Nadarajah (45) vor Ihrem Hostel. Hier brachten sie zeitweilig 40 unbegleitete minderjährige Flüchtlinge unter.

Dem Algerier sei nach diesem Vorfall unverzüglich Hausverbot erteilt worden, woraufhin er noch am selben Abend zur Erstaufnahme- und Clearingeinrichtung in der Wupperstraße gebracht worden sei. Der Träger hatte uns ordnungsgemäß zwei Sonderfallmeldungen zu diesem Sachverhalt gefertigt.

2. Frage. Ihr Verein habe sich gegen die Hilfe eines Sicherheitsdienstes (Fa. Securitas) gewehrt. Es sei den Mitarbeitern untersagt worden, den Jugendlichen Ansagen zu machen, Regeln (Morgens Aufstehen z.B.) aufzustellen oder auch nur die Schlafräume ohne vorheriges Anklopfen zu betreten. Dabei habe es einmal sogar Feuer in einem Papierkorb gegeben. Zugleich sollen die Mitarbeiter dem Vernehmen nach ein sehr gutes Vertrauensverhältnis zu den Jugendlichen entwickelt haben, sie seien zu "väterlichen Figuren" geworden und respektiert gewesen. "Immer wenn die sich gekümmert haben, gab es keinen Stress", heißt es.

 Der Kontakt zu den Jugendlichen, sowie die Einübung einer Tagesstruktur sind dem pädagogischen Fachpersonal der von uns beauftragten Träger vorbehalten. Eine Einmischung bzw. Übernahme dieser Aufgaben durch Sicherheitskräfte sehen die Auflagen unseres Hauses ausdrücklich nicht vor. Auch ist es nicht Aufgabe der Hostelbetreiber, pädagogisch auf die Jugendlichen einzuwirken. Ihnen obliegt die Sicherstellung der Unterbringung und Verpflegung der Jugendlichen. Die Schlafräume stellen einen besonderen Schutzraum der jungen Menschen dar, den Sicherheitsmitarbeiter nur im Notfall, beispielsweise im Fall eines brennenden Papierkorbs, betreten dürfen.

Vor diesem Hintergrund hat der Träger völlig korrekt gehandelt, indem er fachlichen Übergriffstendenzen einzelner Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes klare Grenzen gesetzt hat, die sich übrigens mittlerweile auch in einer entsprechenden, uns vorliegenden Einzeldienstanweisung von Securitas wieder finden.

 3. In dem Zusammenhang hören wir auch, dass Ihr Verein vor wenigen Tagen hat durchsetzen lassen, dass diese beiden Securitas-Mitarbeiter nicht mehr an der neuen Bleibe in Westend, in die viele der 40 Jugendlichen umgezogen sind, tätig sein dürfen. Begründung: Die Männer seien den Jugendlichen "zu nah". Dem Vernehmen nach wehrt sich ein größerer Teil der Jugendlichen aktuell gegen diese Maßnahme. Von "Hungerstreik" ist die Rede. Können Sie das bestätigen?

 Der Träger bestätigt, dass es Proteste einiger Jugendlicher gegen die Versetzung einiger Sicherheitsmitarbeiter gegeben hat. Nachdem sie an jenem Abend das Essen verweigert hatten, seien die Jugendlichen am nächsten Morgen in pädagogischen Gesprächen aufgefangen worden. Im Verlauf dieser Gespräche sei es erfolgreich gelungen, den Jugendlichen die Hintergrunde der getroffenen Entscheidung zu vermitteln.

4. Entgegen Beteuerungen Ihres Vereins, dass Mitarbeiter, die verhindert oder krank waren, vollständig durch andere Kräfte ersetzt werden, sei dies "in der Regel/sehr oft" nicht geschehen. Oft sei lediglich ein Mitarbeiter/In vor Ort gewesen. Ab ca. 19 Uhr niemand mehr.

 Der Träger hat nach eigener Aussage sichergestellt, dass erkrankte Mitarbeiter/innen unverzüglich ersetzt wurden. Der Träger hat uns glaubhaft vermittelt, dass er eine vereinbarungsgemäße Präsenz und fachpädagogische Betreuung von 7:30 bis 19:00 Uhr sichergestellt gestellt hat. Ab dem 01.01.2016 sei die Betreuungszeit bis 22:00 Uhr ausgedehnt worden. Seit dem 01.03.2016 ist zusätzlich eine Nachtschicht im Einsatz.

 5. Die Mitarbeiter hätten sich in den bereitgestellten Raum "verschanzt", hätten sich "so gut wie nie" in den Aufenthaltsraum aufgehalten, um die Jugendlichen zu betreuen. Auf Nachfrage hieß es stets: "Wir schreiben Anträge, arbeiten Konzepte aus".

 Neben den notwendigen verwaltungstechnischen Abläufen ist es auch Aufgabe des Trägers, die Jugendlichen mit Kleidung und Hygieneartikeln zu versorgen, sie ärztlich versorgen zu lassen und mit ihnen einen strukturierten und sinnvollen Tagesablauf einzuüben. Neben Freizeitgestaltung, wie sportlichen Aktivitäten oder dem Erkunden der Stadt (z.B. auch Theater- und Museumsbesuche), bildet auch ein regelmäßiges Deutschkurs-Angebot einen wichtigen Bestandteil der integrativen pädagogischen Arbeit. Zu diesen Aufgaben bekennt sich Trialog e.V. und wir haben bislang keine Anhaltspunkte dafür gewinnen können, dass dieser Sachverhalt anzuzweifeln wäre.

 6. Die Jugendlichen hätten sich über das installierte W-Lan und die stationären Rechner öfter islamistische Propagandavideos angeschaut, inklusive Filme von Enthauptungen. Ihre Mitarbeiter hätten den Betreuten aktiv auch kein Angebot unterbreitet, Internetseiten zu besuchen, die speziell Lebenshilfe für Flüchtlinge bieten. Inwieweit haben Sie den Medienkonsum der Minderjährigen kontrolliert bzw. reguliert?

 Die Nutzung des Internets durch die Jugendlichen ist grundsätzlich gestattet, schon um ihnen den Kontakt mit ihren Familien in den Heimatländern zu ermöglichen. Die Regeln der Nutzung der fest installierten PCs seien von den Träger-Mitarbeitenden gemeinsam mit den Jugendlichen  thematisiert worden. Dass die Jugendlichen sich Enthauptungsvideos angeschaut hätten, sei dem Träger nicht zur Kenntnis gelangt. Der Träger gibt zu Protokoll, dass er die hier vorgebrachten Hinweise sehr ernst nimmt und diesen aktuell nachgehen wird. Eine weitere Rückmeldung zu diesem Sachverhalt steht noch aus.