Flüchtlingscamps in Jordanien : Deutsche und Briten bringen Syrern die Mülltrennung nahe

In den Flüchtlingslagern in Jordanien fallen täglich 30 Tonnen Müll an. Die deutsche GIZ hilft bei der Aufbereitung und spannt dabei die Flüchtlinge mit ein.

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Die Flüchtlingsstadt Zaatari mitten in der Wüste. Anfangs gab es hier kaum eine Infrastruktur.
Die Flüchtlingsstadt Zaatari mitten in der Wüste. Anfangs gab es hier kaum eine Infrastruktur.Foto: REUTERS

Links türmen sich Berge von Metall, daneben weiße Plastikflaschen, dann weiße Plastikeimer, schließlich ein Haufen gelber Plastikflaschen. Gegenüber stapeln sich gepresste Kartons und Pappe. Es ist Müll, der täglich im Flüchtlingslager Zaatari anfällt, hier auf dem Recyclinghof des größten Lagers für syrische Flüchtlinge in Jordanien. Das 2012 vom UN Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) eingerichtete Camp liegt 70 Kilometer nördlich der Hauptstadt Amman, etwa zehn Kilometer östlich von Mafraq, der drittgrößten Stadt des Landes und nur 15 Kilometer entfernt von der syrischen Grenze. 80 000 Menschen leben hier derzeit in Containern, manche noch in Zelten. Es waren schon einmal 120 000, erzählt Jida Kamhawi von der Hilfsorganisation Oxfam. Die kleine, energische Jordanierin betreut ein Recycling-Projekt in Zaatari, das rund 800 Frauen und Männern unter den Flüchtlingen jeden Tag etwas Geld bringt.

Zaatari hat sich längst zu einer mittelgroßen Stadt auf einer Fläche von 750 Fußballfeldern mitten in einer unwirtlichen, baum- und schattenlosen, wüstenähnlichen Gegend entwickelt, in der es in den Sommermonaten nahezu unerträglich heiß wird. Es ist das größte Flüchtlingslager im arabischen Raum. Das Lager ist an dieser Stelle entstanden, weil es hier Grundwasser gibt. Kindergärten, Spiel- und Sportplätze, zwei Krankenhäuser und mehrere Gesundheitsstationen, Schulen für 16 000 Kinder gehören zum Lager. Auch kleine Geschäfte, Buden, Falafel-Stände, Fahrrad-Werkstätten. So verschaffen sich manche Flüchtlinge ein kleines Einkommen.

Infrastruktur gab es in der Wüstenstadt anfangs kaum

Außerhalb des Lagers dürfen sie nicht arbeiten. Das „Geschäftsleben“ in Zaatari spielt sich vor allem an der von Fahrrädern, Eselskarren und Fußgängern stark frequentierten Hauptstraße ab. Die Bewohner nennen sie ihre „Champs-Elysées“. Auch wenn der staubige Flecken mit der breiten Prachtstraße in Paris so gar nichts gemein hat. Am Anfang gab es sogar nur Zelte, keine Wege, schon gar keine Straßen und keinerlei Infrastruktur. Heute überwiegen Container. Manche Flüchtlinge haben gegen die Tristesse mittlerweile sogar kleine Vorgärten angelegt.

„30 Tonnen Müll kommen in Zaatari jeden Tag zusammen“, sagt Kamhawi. Und der wird nicht nur entsorgt. Er wird mit Hilfe von Flüchtlingen gesammelt, mit selbstgebauten Karren zum Recyclinghof gebracht und dort getrennt. Plastikmüll und Plastikflaschen werden nach zwölf verschiedenen Plastiksorten getrennt und jeweils in einer eigens von Oxfam angeschafften Mühle geschreddert; die Kartons werden zu Bündeln gepresst. Die gewonnenen Materialien werden Firmen außerhalb des Lagers angeboten. „Das beste Angebot bekommt den Zuschlag“, sagt Kamhawi und zeigt auf Säcke mit geschredderten Plastikteilchen. „Für eine Tonne Plastikmüll bekommen wir derzeit rund 270 Dinar.“ Das sind umgerechnet 340 Euro. Die Syrier, die um die kleine Jordanierin in der April-Sonne herumstehen, lächeln.

Flüchtlinge verdienen sich mit dem Recycling etwas dazu

Seit März unterstützt die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) im Auftrag des Berliner Entwicklungsministeriums (BMZ) das Engagement von Oxfam in Zaatari. Das Ziel ist, den Flüchtlingen nicht nur Ablenkung vom tristen Lager-Alltag zu verschaffen, sondern eine sinnvolle Beschäftigung und ein kleines Einkommen. Jeder Flüchtling erhält im Lager von Hilfsorganisationen pro Monat 20 Dinar, knapp 25 Euro. Damit ist schwer über die Runden zu kommen. Wer im Recycling-Projekt von Oxfam/GIZ und damit bei „Cash for Work“ („Bargeld gegen Arbeit“) mitmachen kann, verdient pro Stunde zwischen ein bis zwei Dinar dazu, je nach Ausbildung. Ingenieure oder Ärzte bekommen das meiste Geld

„Das Projekt schärft nicht nur das Bewusstsein der Flüchtlinge für den Wert von Abfall. Es verbessert auch deren Einkommensmöglichkeiten im Lager“, sagt Andy Boscoe, Chef von Oxfam in Zaatari. „Es ist für das Lager, das es leider wohl noch lange geben wird, der Einstieg in die Recycling-Wirtschaft.“ Die Müllberge werden reduziert. Immerhin bringt der Verkauf des sortierten Abfalls derzeit pro Monat Einnahmen von 1200 Dinar, umgerechnet rund 1500 Euro. Die GIZ, hilft nicht nur in diesem einen Lager, sondern auch in vielen anderen jordanischen Gemeinden, die die Mehrzahl der 640 000 geflüchteten Syrer aufnehmen. Für die Bewältigung der zusätzlichen Müllmengen stellt die Organisation bis 2017 rund 16 Millionen Euro bereit.

Auch die Wasserversorgung war anfangs ein Problem

Boscoe lobt das Engagement der Menschen im Lager, die in ihrer Heimat großes Leid ertragen mussten. „Die syrischen Flüchtlinge halten ihre Zelte und Container sehr sauber. Das ist wichtig für die Gesundheit der 80 000 Menschen hier in Zaatari. Cholera und andere schwerwiegende Krankheiten hat es nicht gegeben.“

Oxfam kümmert sich nicht nur um das Recycling-Projekt. Die Hilfsorganisation betreibt auch 57 Tanklaster sowie Sanitär- und Waschanlagen im Lager und baut Wasser- und Abwasserleitungen zu den zentralen Tanks. Mittlerweile hat Oxfam mit dafür gesorgt, dass jeder Flüchtling täglich mit 35 Liter Wasser versorgt werden kann. „Die Flüchtlinge kümmern sich um die Instandhaltung der Anlagen“, sagt der Oxfam-Manager. Viele hätten sich an ihren Containern schon ein kleines eigenes Bad und eine Toilette eingerichtet mit Hilfe eigener kleiner Wassertanks. Weil sie wissen, dass sie wohl noch längere Zeit in Zaatari ausharren müssen, bevor sie in die Heimat zurück können. Deshalb auch die kleinen Vorgärten. Und viele bunt bemalte Container. Nach leidvollen Erfahrungen in ihrer Heimat, in Homs, in Daara oder in Aleppo schöpfen die Syrer in Zaatari ein klein wenig Hoffnung.

Die Flucht nach Europa ist für die Menschen hier keine Option. Sobald es Frieden gibt, wollen sie wieder in ihre Heimat zurückkehren.

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