Flugverkehr : Tarifchaos bei der Lufthansa

Inzwischen verhandeln vier Gewerkschaften über Einkommen und Arbeitszeit. An diesem Montag beginnt die Urabstimmung bei den Flugbegleitern.

Hannes Heine
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Warnstreiks hatte es bei der Lufthansa in diesem Jahr bereits gegeben. Foto: pa/dpa

Berlin - Der Lufthansa stehen turbulente Monate bevor. Die Zeiten sind vorbei, als Fluglinienchef Wolfgang Mayrhuber mit wenigen Gewerkschaften verhandeln musste, um dann ein oder zwei Jahre Ruhe zu haben. Zu den heute drei Gewerkschaften könnte demnächst eine vierte hinzukommen. Und die ersten drohen schon mit Streik. Absprachen unter den Organisationen gebe es nicht, jeder plane sein eigenes Ding, heißt es bei den Piloten, Stewardessen und dem Bodenpersonal.

An diesem Montag beginnen die Mitglieder der Unabhängigen Flugbegleiterorganisation (Ufo) mit der Urabstimmung über einen Streik. Die Gewerkschaft hat nach eigenen Angaben 70 Prozent der 16 000 Stewards und Stewardessen organisiert. Mit zwei Warnstreiks habe man Stärke bewiesen, sagte Verhandlungsführer Joachim Müller dem Tagesspiegel. Ufo will insgesamt 15 Prozent mehr Lohn. Die Lufthansa bietet weniger als zehn Prozent. Während Piloten je nach Berufserfahrung monatlich zwischen 5000 und 10 000 Euro brutto bekommen, beläuft sich das Grundgehalt einer Stewardess im Schnitt auf 1600 Euro brutto, dazu kommen allerdings Schichtzulagen.

Ein Ausstand könnte Monate dauern, denn die Streikkassen sind gefüllt: Ufo ist 1992 gegründet worden, wurde aber erst vor wenigen Jahren als Tarifpartner anerkannt – die Mitglieder haben noch nicht voll gestreikt. Zuvor hatten sie sich von Verdi vertreten lassen, der Großgewerkschaft gehören 2,2 Millionen Personen aus 1000 Berufen an. „Da waren wir nicht gut aufgehoben“, sagte Müller.

Verdi will trotzdem alle Beschäftigten in der Luftfahrt vertreten: Am Dienstag trifft sich die Gewerkschaft mit den Berliner Flughafengesellschaften, 1500 Mitarbeiter aus Fahrdiensten und Werkstätten sollen acht Prozent mehr Geld bekommen. Über die Konkurrenz von Ufo sagt Verdi-Verhandlungsführer Holger Rößler: „In Berlin haben die beim Kabinenpersonal kaum jemanden.“ Ufo kontert: „Das ist Quatsch.“

Bei der anstehenden Tarifrunde für das Bodenpersonal auf dem Frankfurter Flughafen bekommt Verdi weitere Konkurrenz: Ex-Mitglieder haben sich der Vereinigung Boden angeschlossen. „Wir haben 1000 Mitglieder“, sagt Rüdiger Fell, Vereinschef und Betriebsratsvorsitzender der Frankfurter Lufthansa-Basis, dem Tagesspiegel. Fell will sich der Fluglinie als Tarifpartner anbieten. Lehnt Lufthansa ab, zieht er vor Gericht. Denn wer als Gewerkschaft anerkannt werden muss – und dann auch streiken darf – entscheiden hierzulande Arbeitsgerichte.

Bald könnten auch Techniker am Münchner Flughafen diesen Weg gehen. Einige haben den Tarifabschluss ihrer Gewerkschaft Verdi 2008 nicht unterstützt – und drohten mit einem eigenen Verband. Schließlich legt streikendes Werkstättenpersonal jeden Flughafen auch ohne Großgewerkschaft lahm. Ab März wird bei der Lufthansa, für die 100 000 Personen arbeiten, an der nächsten Front verhandelt. Der Tarifvertrag mit den Piloten läuft aus. Erwartet wird, dass die Vereinigung Cockpit (VC) deutlich mehr Gehalt fordert. Der Gewerkschaft sollen rund 80 Prozent der 6900 Piloten des Lufthansa-Konzerns angehören. VC gibt es seit 40 Jahren, aber erst seit 2000 verhandelt sie als anerkannte Gewerkschaft eigenständig mit den Fluglinien. Zuvor haben sich die Piloten von einer Verdi-Vorläuferorganisation vertreten lassen. „Nun können wir mehr rausholen“, sagt ein Pilot. Schließlich fliegen nur sie das Flugzeug.

Verdi, VC, Vereinigung Boden, Ufo – ob die Konkurrenz spezialisierter Verbände tatsächlich das Tarifgeschäft belebt, bleibt abzuwarten. Lufthansa-Betriebsrat Rüdiger Fell sagt: „Sinnvoll wäre eine große Luftverkehrsgewerkschaft.“Hannes Heine

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