Flugzeugbauer : Airbus blickt in die Glaskugel

Der Flugzeugbauer Airbus rechnet mit deutlich weniger Aufträgen. Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchem Umfang Kunden bestellte Flugzeuge stornieren müssen, da sie die Finanzierung nicht zustande bekommen.

Holger Alich[Toulouse]
Enders
''Prognosen sind derzeit schwierig'', sagt Airbus-Chef Enders. -Foto: AFP

Trotz der Krise hat das Airbus-Management seinen Humor nicht verloren: Um zu demonstrieren, wie schwierig derzeit Absatzprognosen sind, konsultierte Airbus-Chef Tom Enders mit seinem Vertriebsvorstand John Leahy am Donnerstag bei der Vorstellung des Geschäftsberichtes eine Glaskugel. Und dann präsentierten beide einen düsteren Ausblick: „Wir rechnen mit Neubestellungen in diesem Jahr zwischen 300 und 400 Flugzeugen“, sagte Leahy, und er ergänzte, dass er das untere Ende der Spanne für realistischer halte. „Es gibt sehr viel Angst am Markt“, sagte Leahy. Tritt das Szenario ein, würde Airbus in diesem Jahr einen Einbruch bei den Bestellungen von zwei Dritteln hinnehmen müssen. Denn 2008 verzeichnete die Tochter des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS noch 900 Brutto-Orders, nach Stornos blieben 777 harte Aufträge in den Büchern (im Vorjahr waren es sogar 1341).

Damit hat Airbus dem US-Konkurrenten Boeing im vergangenen Jahr wieder die Marktführerschaft bei den Neuaufträgen abgenommen: Boeing meldete nur 662 Aufträge. Auch bei der Zahl der ausgelieferten Flugzeuge hat Airbus 2008 die Nase vorn. Airbus übergab im vergangenen Jahr 483 neue Flugzeuge an seine Kunden, womit der europäische Konstrukteur einen neuen historischen Höchststand erreichte (2007 waren es 453 Auslieferungen). Boeing wurde von einem wochenlangen Streik gebremst, daher gingen 2008 die Auslieferungen um 15 Prozent auf 375 Maschinen zurück.

Für das laufende Jahr rechnet Airbus-Chef Enders mit Auslieferzahlen „ungefähr auf dem Niveau des Jahres 2008“. Große Unsicherheit herrscht darüber, in welchem Umfang Kunden bestellte Flugzeuge stornieren müssen, da sie die Finanzierung nicht zustande bekommen. „Wir haben einen Wachturm eingerichtet, um die Lage täglich zu beobachten“, sagte Enders. Eine Produktionsdrosselung sei nicht ausgeschlossen. Bei Zeitarbeitern, Zulieferern und bei der Schichtarbeit gebe es noch Einsparpotenzial.

Vertriebsvorstand Leahy erneuerte seine Forderung, dass die Airbus-Staaten wie Deutschland und Frankreich dem Flugzeugbauer mit Hermes-Exportbürgschaften unter die Arme greifen. „Wir wollen den Anteil der mit diesen Garantien versehenen Verkäufe von 25 auf 50 Prozent erhöhen“, sagte Leahy; die Verhandlungen mit den Regierungen liefen. Ferner will Airbus seinen Kunden selbst unter die Arme greifen. Laut Leahy werde Airbus wohl rund eine Milliarde Dollar zusätzlich für Absatzfinanzierungen zur Verfügung stellen.

In diesem Jahr hofft Airbus, sich mit den Kundenstaaten wie Deutschland und Frankreich auf eine umfassende Reform des Kaufvertrages für den Militär-Airbus A400M zu einigen. Enders fand wie immer klare Worte: „Wir waren dumm genug, diesen Vertrag zu unterzeichnen. Wenn ich diesen Vertrag unseren US-Partnern zeigen würde, würden sie schreiend davonlaufen.“ Airbus will erreichen, dass die Staaten Abstriche bei den technischen Fähigkeiten des Flugzeugs akzeptieren. „Die derzeitigen Anforderungen sind mit einem angemessenen Aufwand einfach nicht zu machen“, sagte Enders. Ein Problem besteht zum Beispiel in den geforderten Tiefflugeigenschaften mit Autopilot. Enders machte keine Angaben, wie die Regierungen auf den Airbus-Vorstoß reagiert haben. Ob der Erstflug in diesem Jahr wie geplant wirklich stattfinde, ließ Enders offen: „Ich hoffe es.“

Der Super-Airbus A380 macht unterdessen Fortschritte, hat aber noch nicht alle Probleme gemeistert: So kürzte Enders die Lieferprognose für 2009 von 21 auf 18 Maschinen. Die Verzögerungen bei dem Prestigeprojekt haben Airbus bisher fünf Milliarden Euro gekostet. Nach neun Neubestellungen im Vorjahr hofft Airbus auf zehn Orders in diesem Jahr. Da der A380 technisch der Boeing 747 überlegen sei, ist es laut Enders „nicht vollkommen absurd“, dem künftigen US- Präsidenten Barack Obama einen A380 als neue „Air Force One“ anzubieten. HB

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