Flugzeugbauer : Pannenlisten bei Airbus-Fliegern werden länger

Gut zehn Jahre nachdem Europas größer Flugzeugbauer erstmals auf Augenhöhe mit dem US-Konkurrenten Boeing flog, erlebt Airbus jetzt immer wieder Rückschläge.

Kevin P. Hoffmann
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Auf dem Boden der Tatsachen. Ein A380 bei der Auslieferung an die Emirates. -Foto: dpa

Berlin - Zu den noch harmlosen Pannengeschichten über diesen Riesenflieger zählt die von der nackten Frau: Sie wollte auf einem Flug der arabischen Gesellschaft Emirates den Luxus der eingebauten Borddusche genießen. Aber statt aus dem Duschkopf von oben spritzte das Wasser plötzlich von allen Seiten, es schoss durch die Ritzen der Kabinenverkleidung, wahrscheinlich war eine Leitung geplatzt. Jedenfalls, so die unbestätigte Legende, rannte die Dame vor Schreck ohne Kleidung aus der Badekabine hinaus auf den Gang der mit fast 500 Sitzplätzen größten Passagiermaschine der Welt.

Andere, deutlich ernstere Mängel beim Airbus A380 sind dagegen offiziell aktenkundig und auch bestätigt worden. Mitte Februar waren Emirates-Topmanager zum Hauptquartier des Herstellers nach Toulouse geflogen und hatten dort eine lange Mängelliste vorgelegt, inklusive einer 46-seitigen Präsentation mit Fotos: Angeschmorte Kabel, abgerissene Verkleidungen, defekte Schubdüsenteile.

Bis zu diesem Tag, referierten die Araber, hätten die drei A380-Maschinen in der Flotte neun Mal nicht starten können, 23 Mal hätten kurzfristig Ersatzmaschinen herbeigeschafft werden müssen, 500 Flugstunden seien ausgefallen. Alle zwei Tage komme es zu kleineren Pannen. Bei Airbus nahm man die Kritik damals „sehr ernst“ und kündigte an, seine Service-Teams an den Einsatzorten des A380 personell zu verstärken, „um alle Fehlermeldungen so schnell wie möglich zu beheben“.

Gut zehn Jahre nachdem Europas größer Flugzeugbauer erstmals auf Augenhöhe mit dem US-Konkurrenten Boeing flog, erlebt Airbus jetzt immer wieder Rückschläge: Vor allem bei drei Projekten gibt es Ärger mit Kunden – und solchen, die es noch werden sollen: Beim A380 kämpft Airbus mit den Airlines, beim Militärtransporter A400M mit den Verteidigungsministern und bei dem Projekt zum Bau von 179 Tankflugzeugen für die US Air Force gegen fast alle amerikanischen Politiker. Obwohl Airbus vergangene Woche sogar weitreichende Zugeständnisse machte und dabei sogar eine Zusammenarbeit mit Boeing anbot, dürften die Europäer den wichtigen 35-Milliarden-Dollar-Auftrag bald endgültig verlieren.

Beim A380 bietet Airbus Kompensationszahlungen und Rabatte beim Kauf weiterer Flieger an. Entsprechend zahm äußerte sich Emirates jetzt, zwei Monate nach dem Krisentreffen von Toulouse: „Technische Vorfälle sind bei einem neuen Flugzeugtyp zu erwarten, besonders bei einem Flugzeug, in dem eine Vielzahl neuer Technologien eingesetzt wird“, sagte Henry Hasselbarth, der Vizechef für Nord- und Mitteleuropa, dem Tagesspiegel. „Als betreibende Fluggesellschaft ist es natürlich wichtig für uns, dass diese Vorfälle so schnell wie möglich behoben werden“.

Emirates ist mit 58 von 200 Bestellungen der mit Abstand wichtigste Kunde für den A380, die Lufthansa hat 15 Maschinen bestellt.Um so ärgerlicher ist die Pannenserie. „Es ist bekannt, dass Emirates wohl ein paar Montagsflieger erwischt hat“, sagt ein Hamburger Airbus-Mitarbeiter, der nicht genannt werden will.

Die anderen beiden Airlines, an die der Jumbo bereits ausgeliefert wurde, äußern sich ambivalent: „Was Emirates über den Flieger verbreitet, können wir so nicht nachvollziehen“, sagt Peter Tomasch, Deutschland-Sprecher der Singapore Airlines. Allerdings berichtet auch er von Ausfällen der Kerosinpumpe und dergleichen. Sechs Mal habe einer der sechs Flieger nicht abheben können. Dass man weniger schlimme Erfahrungen gemacht habe als Emirates, könne auch daran liegen, dass man auf die Dusche verzichtet habe, scherzt er.

Und bei Qantas, der australischen Gesellschaft, spricht man offiziell von „kleineren Mängeln“. Zugleich soll die Airline aber auch schon alle drei Flieger der Flotte gleichzeitig einen Tag lang „gegroundet“ haben, wie man die Zwangsstilllegung in der Branche nennt. Zudem stellte Qantas vergangene Woche die Bestellung von vier A380 zurück, was allerdings mit dem schlechten Geschäft insgesamt begründet wurde.

Laut Airbus wurde noch keine der 200 vorliegenden A380-Bestellungen endgültig storniert, daher halte man weiter am Plan fest, in diesem Jahr 18 Flieger auszuliefern. Auch die Lufthansa will zum Sommerflugplan die Maschine einsetzen.

Während die privaten Airlines dem Hersteller also vorerst trotz Wirtschaftskrise die Treue halten, drohen die staatlichen Kunden offen mit Rückzug. In den vergangenen Wochen eskalierte der jahrelange Streit um den Militärtransporter A400M. Dieser Flieger ist als „eierlegende Wollmilchsau“ konzipiert, er soll Reissäcke nach Afrika und Kampfpanzer nach Afghanistan fliegen. Es soll auf jeder Sandpiste, die mindestens 940 Meter lang ist, starten können. Aber der A400M kommt nicht vom Fleck.

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Dafür gab es eine tolle Show: Am 26. Juni 2008 in Sevilla, Spanien. Airbus präsentierte den Prototyp am dortigen Endmontagewerk. Mitarbeiter ließen Luftballons zum Dach des Hangars aufsteigen, dann rollte die Maschine hinaus in die Hitze Andalusiens. Allerdings war die Maschine so schwer, dass sie niemals hätte abheben können.

Airbus gibt dem Konsortium, das die Propellertriebwerke herstellen soll, die Schuld. Tatsächlich gab es aber auch nicht minder schwere hausgemachte Probleme: Lange kämpfte Airbus, wie beim A380 auch, mit den Kabelverbindungen, die nicht zueinander passen. Ein weiteres Problem war die Heckklappe. Sobald die Hydraulik sie schließen sollte, verzog sich der gesamte Rumpf. Nach mehr als 18 Monaten Verzögerung musste Airbus schon 2,2 Milliarden Euro Rückstellungen bilden. Sollte das Projekt scheitern, müsste das Unternehmen den zehn Bestellnationen sogar 5,7 Milliarden überweisen.

Die Muttergesellschaft EADS erhöhte zuletzt den Druck nach innen, berief einen neuen Chef für den A400M und ordnete sogar die Konzernstruktur neu. Seit Mittwoch ist das Geschäft offiziell in der neuen Sparte „Airbus Military“ gebündelt. Zugleich versucht Airbus-Chef Thomas Enders offenbar Zeit zu gewinnen, indem er alle Verteidigungsminister von London bis Berlin gegen sich aufbringt. Er fordert ein neues Bezahlmodell, um entwicklungsbedingte Kostenrisiken abzuwälzen („Unter den bisherigen Bedingungen können wir den Flieger nicht bauen“), dazu Exportkredithilfen. Französische Banken helfen bereits, andere sollten sich das zum Vorbild nehmen, sagte er. Zudem warnte er, dass ein Scheitern des A400M bis zu 40 000 Arbeitsplätze kosten werde.

In Berlin reagiert das Verteidigungsministerium, das 60 Flieger bestellt hat, auf Anfragen zu dem Thema mittlerweile allergisch: „Wir springen nicht über jedes Stöckchen, das Enders uns hinhält“, sagte ein Sprecher des Berliner Verteidigungsministeriums dem Tagesspiegel. Man wolle endlich Ergebnisse sehen.

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