Wirtschaft : Fördern und fusionieren

Dem Stadtmarketing fehlen Investoren – Roland Engels, neuer Chef der Wirtschaftsförderung, sucht die Nähe der Partner für Berlin

Alfons Frese

Über Hans Estermann hört man dies und das. Fachlich klasse, im Umgang schwierig und manchmal im Ton „rotzfrech“, sagen einige Aufsichtsratsmitglieder der Wirtschaftsförderung Berlin International GmbH (WFB) über den Geschäftsführer. Vielleicht ist es dem Image Estermanns nicht gut bekommen, „dass er sich von den Autoritäten der Region nicht beeindrucken ließ“, hat ein Aufsichtsrat beobachtet. Das dürfte wiederum seinem Nachfolger schwer fallen.

Roland Engels, der im April an die Stelle Estermanns tritt, stammt aus dem Kreis der berlin-brandenburgischen Wirtschaftsfunktionäre. Engels war zuletzt stellvertretender Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin und auch Aufsichtsrat der Wirtschaftsförderungsgesellschaft. Er selbst bezeichnet seine Wahl als eine „Entscheidung aus der Region“. Ausgestattet mit einem Fünf-Jahres-Vertrag soll Engels als Chef von 60 Mitarbeitern mit einem Budget von acht Millionen Euro den Standort Berlin verkaufen und Investoren in die Stadt locken. Estermann geht zurück in seine Heimatstadt Hamm, wo er bei den Kommunalwahlen im Herbst als SPD-Mann für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert. Eine ziemlich aussichtslose Sache.

Gut acht Jahre hat Estermann die Wirtschaftsförderung geleitet, im Schnitt 60 Projekte pro Jahr bearbeitet, was in der Summe 30000 Arbeitsplätze brachte. Darunter allein 130 Call Center mit fast 9000 Jobs und spektakuläre Ansiedlungen wie die des Musikkonzerns Universal oder der deutschen Coca-Cola-Zentrale. Die größten Pleiten habe er mit US-Konzernen erlebt, sagt Estermann. Allein beim Computerhersteller Dell in Texas habe er drei Jahre gebohrt; kurz bevor die Entscheidung für einen Berliner Standort mit 1500 Arbeitsplätze fiel, änderte der Konzern seine Strategie. Pech gehabt.

Bitter war auch die Niederlage gegen München. Obwohl Senat, Wissenschaft und Akquisiteure laut Estermann „super“ kooperierten und dem US-Multi General Electric ein erstklassiges Angebot machten, baut der sein europäisches Forschungszentrum in Bayern. Die Nähe zum Wettbewerber Siemens, der in München seinen Sitz hat, soll den Ausschlag gegeben haben.

Estermann hat die Wirtschaftsförderungsgesellschaft mit der Berliner Absatzorganisation BAO zusammengeführt. Damit sitzen Akquisiteure und Exportförderer nun unter einem Dach. Daneben widmen sich noch einige andere Institutionen der Profilierung und dem Verkauf Berlins: Die Berlin Tourismus Marketing GmbH, die Technologiestiftung, die Partner für Berlin und natürlich der Senat. „Im Großen und Ganzen hat die Zusammenarbeit gut geklappt“, sagt Estermann. Auch mit der ZAB, der Zukunftsagentur Brandenburg.

Mit der will Engels noch viel enger zusammenrücken: gemeinsame Broschüren und Präsentationen im Ausland sollen die Regel werden. Ferner will Engels Brandenburg in das Berlin Location Center integrieren, in dem bislang nur Berliner Wirtschaftsdaten für Investoren zur Verfügung stehen. Doch das ambitionierteste Kooperationsprojekt plant Engels im Ludwig-Erhard-Haus, dem Sitz der IHK, der Wirtschaftsförderung und seit diesen Tagen auch der Partner für Berlin.

Zu den Partnern, die seit 1994 als Public Private Partnership Berlin vermarkten, gehören 110 Unternehmen und Institutionen. Vor zehn Tagen hat der Partner-Beirat den eigenen Geschäftsführer Friedrich-Leopold von Stechow sowie den Chef der Wirtschaftsförderung beauftragt, „ein Konzept für die Bildung einer gemeinsamen Gesellschaft zu erarbeiten“. Kommenden Dienstag gibt es ein erstes Treffen von Vertretern der beiden Einrichtungen inklusive deren Aufsichtsratsvorsitzenden, Wirtschaftssenator Harald Wolf (Wirtschaftsförderung) und der ehemalige Bahnchef Heinz Dürr (Partner). Engels ist für eine Fusion und will ein Konzept entwickeln, das den Partnerunternehmen deutlich macht, welchen „Mehrwert“ sie durch die Mitgliedschaft haben. Das wird auch Zeit, denn es beteiligen sich immer weniger Firmen mit Geld am Stadtmarketing.

Die Integration der Partner mit derzeit knapp 20 Arbeitskräften dürfte Engels die nächsten Monate beschäftigen. Als seine größten Stärken nennt der neue Berliner Chefwerber die „Kommunikationsfähigkeit“ und die Erfahrung mit den Berliner Strukturen und Institutionen. Die Stadt auch in den USA oder Japan zu verkaufen, „traue ich mir zu“, sagt Engels. „Die kurzen Wege nach innen ermöglichen den Auftritt mit geballter Kraft nach außen.“ Sofern die Fusion mit den Partnern funktioniert. Und die Führung der neuen Gesellschaft bald steht.

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