Wirtschaft : Fondsmanager machen Druck auf Vorstände

hof/HB

Am heutigen Dienstag kommt es in Freiburg zu einer Premiere: Auf der Hauptversammlung des Biotech-Unternehmens Biotissue wird sich erstmals bei einer Neuen-Markt-Firma ein Vertreter der Fondsgesellschaft Invesco zu Wort melden. Mit unangenehmen Fragen wird er Vorstand und Aufsichtsrat auf den Zahn fühlen. Bislang haben die großen Fondsgesellschaften auf Veranstaltungen von kleinen Unternehmen geschwiegen. Informationen wurden im Vier-Augen-Gespräch mit dem Management ausgetauscht.

Der öffentliche Druck auf die Verantwortlichen in den Firmen steigt von allen Seiten: Fonds fürchten ebenso wie Aktionärsschützer und Wirtschaftsprüfer um ihr Image. Die Fondsgesellschaft Invesco, die am Neuen Markt mit einem Volumen von 120 Millionen Euro engagiert ist, geht als erstes aus der Deckung: "Wir wollen mit dazu beitragen, dass Vorstände und Aufsichtsräte begreifen, dass Transparenz bei einem börsennotierten Unternehmen zu ihren Pflichten gehört. Für manche ist das noch immer ein Kulturschock", sagt Invesco-Portfoliomanager Jochen Mathée. Die Gesellschaft hofft darauf, dass andere institutionelle Investoren ihrem Beispiel folgen: "Allein die Möglichkeit, dass sich Fondsvertreter zu Wort melden, könnte schon eine heilsame Wirkung entfalten", sagt Mathée.

Der Vorstoß von Invesco ist nur ein Beispiel dafür, dass am Neuen Markt die Daumenschrauben fester angezogen werden. Auch die Sprecher der Aktionärsschützervereinigungen werden auf den Hauptversammlungen alles andere als Zurückhaltung üben: "Wir haben die Neue-Markt-Firmen besonders auf dem Kieker", bestätigt ein Sprecher der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Markus Straub von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre rechnet mit turbulenten Aktionärstreffen. Schließlich seien die Anleger in der Vergangenheit zum Teil "eklatant belogen worden". Besonders wird er dabei auf die Vergütung der Wirtschaftsprüfer achten, um Interessenskonflikte der Prüfer durch die Verzahnung zwischen Beratungs- und Prüfungsumsätzen aufzudecken. Doch auch die Wirtschaftsprüfer selbst wollen etwas für das Image des Marktes tun - nicht zuletzt, um auch ihr eigenes lädiertes Ansehen wieder aufzupolieren. So hat KPMG angekündigt, nach den Bilanzskandalen bei Comroad und Phenomedia alle Bilanzen ihre Mandanten am Neuen Markt noch einmal zu prüfen.

Unternehmensvertreter berichten, dass auch andere Wirtschaftsprüfungsgesellschaften mittlerweile die Bilanzen stärker unter die Lupe nehmen als noch vor Jahresfrist. Und schließlich versucht auch die Deutsche Börse AG, das Renommée des Neuen Marktes durch Regelwerksänderungen wieder zu verbessern. Bei dem Versuch, die Billigaktien vom Neuen Markt zu verbannen, ist die Börse zwar vor Gericht gescheitert. Doch die Börsenaspiranten müssen sich schon ab dem 1. Juni verschärften Regeln unterwerfen.

Invesco hofft, dass die Schlagkraft der Fonds - bei einigen Unternehmen könnte das Abstimmungsgewicht durch die oft geringe Anwesenheitsquote deutlich im zweistelligen Prozentbereich liegen - verhindert, dass die Verantwortlichen in den Firmen allzu leichtfertig ausweichende Antworten geben. Ein Signal will Invesco aber auch in Richtung Kleinaktionäre senden. Sie sollen selber ebenfalls mehr Fragen stellen oder ihre Anliegen den Vertretern der Depotbank mit auf den Weg geben. "Nicht der Chatroom, sondern die Hauptversammlung ist der Platz, Fragen klären zu lassen", fordert Mathée.

Grundsätzlich wird der Vorstoß in der Branche begrüßt. Auch andere Gesellschaften wie die DWS besuchen Hauptversammlungen - nur nicht die des Neuen Marktes. Die Vertrauenskrise hat jedoch auch sie noch kritischer als zuvor werden lassen: "Die Zahl der Manager, die auf Grund ihrer bisherigen Leistungen einen Goodwill-Bonus genießen, ist kleiner geworden", sagt Raik Hoffmann von DWS. Bei Union Investment traut man der Invesco-Idee durchaus eine positive Wirkung zu. Eigene Auftritte bei Aktionärsversammlungen von Neue-Markt-Firmen seien aber nicht geplant.

Es gibt auch kritische Stimmen: Da es nicht im Interesse eines Fonds sein könne, eine Beteiligung öffentlich abzuwerten, befänden sich die Fonds-Vertreter bei Auftritten auf Hauptversammlungen in einem Interessenskonflikt. Es bestehe die Gefahr, dass die Auftritte zu Marketingzwecken genutzt würden, warnt ein Branchenkenner.

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