Wirtschaft : Fondsmanager misstrauen dem Dax

Investmentexperten warnen vor neuen Übertreibungen an der Börse – ihnen ist der Aufschwung noch zu unsicher

Henrik Mortsiefer

Erinnert sich noch jemand an das Jahr 2000? Börsianer tun es. Sonst für ihr Kurzzeitgedächtnis berüchtigt, kommt den Geldexperten kurz vor Weihnachten das heißeste aller Börsenjahre in den Sinn. Dabei könnten sie sich eigentlich an der Gegenwart erfreuen: Der Dax ist in diesem Jahr seit seinem Tief im März um 75 Prozent gestiegen, die Perspektiven für die Konjunktur sind summa summarum rosig, und die Anleger machten allein im Oktober per saldo eine Milliarde Euro für deutsche Aktienfonds locker. Prima Klima an der Börse – wenn da nicht die Erinnerung an 2000 wäre.

Es ist die Erinnerung an den Anfang vom Ende der Börsenhysterie: Nach einem langweiligen Aktienjahr hatte der Dax am 18. Oktober 1999 bei einem Stand von 5156 Punkten zu einem Höhenflug angesetzt. Angetrieben von den Wachstumshoffnungen der New Economy wurden die deutschen Standard-Aktien binnen fünf Monaten auf den höchsten Stand aller Zeiten katapultiert. Die Anleger rieben sich die Augen: Der Dax nahm die Hürde von 6000 Punkten, er schaffte die 7000 und erreichte mühelos sein Allzeithoch bei 8064 Punkten im März 2000. Die Deutschen fühlten sich als Volk von Aktionären. Jeder wollte Aktien haben. Bis es knallte.

Dieser Knall, der vor dreieinhalb Jahren beim Platzen der Spekulationsblase entstand, als der scheinbar endlose Aufwärtstrend plötzlich vorbei war, klingt Börsenprofis noch in den Ohren. Vor allem den Investmentfonds bereitet das Comeback des Dax Unbehagen, wie eine Umfrage des Tagesspiegel bei den Marktführern ergab. Sind 75 Prozent in neun Monaten für den Dax nicht zu viel? Platzt bald eine neue Blase, wenn die Aufschwunghoffnungen enttäuscht werden? „Die Luft wird langsam dünn“, sagt Klaus Kaldemorgen, Leiter des Fondsmanagements für internationale Aktien der Deutsche Bank-Tochter DWS. „Wer seit Jahresanfang dabei war, sollte jetzt verkaufen“, sagt Jörg de Vries-Hippen, Leiter des Fondsmanagements Europa bei Allianz Dresdner Management (Dit). Thomas Meier, Teamleiter für internationale Aktien bei Union Investment, tröstet sich: „Seit Januar hat der Dax nur rund 30 Prozent zugelegt. Das liegt noch im Rahmen einer zyklischen Erholung.“

„Im März geht uns die Luft aus“

Was die Experten der drei größten deutschen Fondsgesellschaften, die zusammen 270 Milliarden Euro verwalten, umtreibt, ist der breite Konsens, mit dem der Aufschwung erwartet wird. Und die neue Sorglosigkeit vieler Anleger, die sich vom starken Euro, von gigantischen Haushalts- und Leistungsbilanzdefiziten der USA und den unsicheren Reformerfolgen hier zu Lande nicht irritieren lassen. „Alle Banken haben 2004 zu einem guten Aktienjahr erklärt“, sagt de Vries-Hippen. „Es läuft im Moment zu glatt.“ Der Dit-Manager fürchtet, dass es an der Börse zu neuen Übertreibungen kommt. Er hat seine Lehren aus den Jahren 1999 und 2000 gezogen: „Wir sollten uns nicht selber permanent einreden, wie gut die Lage ist.“ Der Dax werde zwar noch einige Monate weiter steigen, weil sich Versicherer und Fonds mit Aktien eindecken müssten. „Aber spätestens im März geht uns die Luft aus“, glaubt der Fondsmanager.

Auch Klaus Kaldemorgen hält es für möglich, dass der Dax zunächst über 4000 Punkte klettert. Aber er sieht große Gefahren auf dem Devisenmarkt: „Die Geschwindigkeit, mit der der Euro steigt, ist gefährlicher als der Aufwärtstrend an sich.“ Bei 1,25 Dollar werde der Kurs der deutschen Exportwirtschaft richtig weh tun. „Und es gibt keinen fairen Wert, bei dem er Halt macht.“ Für den Dax gibt Kaldemorgen aber Entwarnung: „Nur die Hälfte der Werte ist wirklich exportorientiert.“ Böse Überraschungen hält Thomas Meier aber bei jenen Werten für möglich, deren Währungsabsicherung 2004 ausläuft. „Mit der Aussage, der starke Euro sei kein Problem, weil man sich abgesichert habe, wollen uns viele Unternehmen für dumm verkaufen“, sagt der Union-Experte. Der Puffer aus Termingeschäften wirke aber nur auf Zeit. „Einige müssen 2004 noch einmal mit den Kosten runter.“

Unsicher sind die Fondsmanager auch, was die Nachhaltigkeit des US-Aufschwungs angeht. Kaldemorgen spricht angesichts des doppelten Milliarden-Defizits von einem „Wachstum auf Pump“. „Man kann die These teilen, dass wir ein konjunkturelles Strohfeuer erleben werden“, sagt der DWS-Manager. Auch auf die US-Verbraucher, fügt Union-Mann Meier hinzu, „können wir nicht mehr allein setzen“. Ihre Konsumkraft stütze zwar die US-Wirtschaft. „Aber jetzt muss der nächste Schritt kommen: Die Unternehmen müssen zeigen, dass sie nicht nur sparen, sondern auch wieder Umsatz machen können.“

Starker Euro, labiles Wachstum, hohe Aktienbewertung: Die Anleger schreckt dies nicht. Viele haben in den vergangenen Monaten wieder Aktien gekauft oder überlegen, dies zu tun. Wie viele 2003 tatsächlich schon wieder an die Börse zurückgekehrt sind, hat das Deutsche Aktieninstitut noch nicht ausgezählt. Im ersten Halbjahr, als die Börse noch am Boden lag, besaßen 17,3 Prozent der Bevölkerung (2001: 20 Prozent) Aktien oder Fonds. Inzwischen dürfte ihr Anteil gestiegen sein. Auch die Fonds sind wieder zu fast 100 Prozent am Markt engagiert. Kaldemorgen etwa hält nur noch eine Bargeldreserve von sechs Prozent. Dennoch mischt sich bei den Managern in die Freude über den neuen Verkaufserfolg ihrer Anlageprodukte die Sorge, ob der Aktienaufschwung hält, was er verspricht: „Es gibt eigentlich wenig Grund zu tiefem Pessimismus“, sagt Jörg de Vries-Hippen. „Aber wenn alle so derart optimistisch sind – das kann einen kirre machen.“

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