Wirtschaft : Formel 1: Machtkampf im Rennzirkus

Henrik Mortsiefer

Wenn die Unternehmer Leo Kirch (75) und Bernie Ecclestone (71) über ihr Lebenswerk philosophieren, dann werden die harten Männer ganz weich. An diesem Wochenende dürfte die Wehmut wieder besonders groß sein, denn die Formel 1 dreht in Australien die ersten Runden der Rennsaison 2002. "Das abgeben zu müssen", verriet Leo Kirch jüngst, "wäre wirklich bitter." Der Erwerb der Mehrheit an der Formel 1, die sich der hoch verschuldete Filmhändler im vergangenen Jahr noch 1,6 Milliarden Euro kosten ließ, sei nämlich "Konsequenz und ein Höhepunkt meines bisherigen Schaffens zugleich" gewesen.

Mit Argwohn und zuletzt mit offener Ablehnung hatte Bernie Ecclestone verfolgt, wie sich Kirch geschickt über Zwischengesellschaften in den Rennsport - das ist das Lebenswerk des Briten - eingekauft hatte, um eine Attraktion für sein defizitäres Bezahlfernsehen Premiere zu gewinnen. Schon im vergangenen Jahr klagte Ecclestone, "dass die alles kaputt machen, was über Jahre geschaffen wurde". Gemeint waren Kirch, die Autokonzerne, die Teams und der Formel-1-Verband FIA, die immer mehr Macht gewannen und Ecclestone zum Minderheitsaktionär der Formel-1-Gesellschaft Slec mit einem Anteil von 25 Prozent machten.

Doch das Rennen Kirch gegen Ecclestone könnte im Lauf dieses Jahres eine Wende nehmen. 6,5 Milliarden Euro Schulden und Zahlungsverpflichtungen in ähnlicher Größenordnung werden Kirch aller Voraussicht nach zum Verkauf der Formel 1 zwingen. Zwar will Kirch-Geschäftsführer Dieter Hahn bis zuletzt um den Erhalt der Rennsport-Beteiligung kämpfen. Nach Lage der Dinge wird er diesen Kampf aber wegen der gigantischen Verschuldung seines Arbeitgebers verlieren. Hinzu kommt: Das im Oktober 2001 zusammen mit EM.TV erworbene Slec-Paket ist nach Branchenschätzungen heute nur noch die Hälfte Wert.

Verlieren könnte freilich auch Ecclestone. Denn am Milliarden-Geschäft Formel 1 wollen künftig vor allem die Hauptdarsteller des Rennspektakels verdienen: die Automobilkonzerne, die jedes Jahr viele hundert Millionen in den Sport investieren. Am Freitag haben BMW, Daimler-Chrysler, Fiat-Ferrari, Ford und Renault ihre Ambitionen auf eine eigene Serie bekräftigt. Die Hersteller wollen "ab 2008 oder später" - nach Ablauf der geltenden Vermarktungsverträge - die Serie Grand Prix World Championship organisieren. Der Grand Prix hat - ohne Ecclestone und die Slec - vor allem ein Ziel: 100 Prozent Gewinn für die Autobauer. Solange nämlich die Rennställe, der Automobilverband und die Slec noch vertraglich aneinander gebunden sind, müssen sie sich die Einnahmen, die in erster Linie aus der Fernsehvermarktung stammen, teilen. Vor allem mit Ecclestone. Der strich nach Schätzungen zuletzt mehr als 150 Millionen Euro ein.

Sollte nun Kirchs Slec-Anteil früher frei werden, würden die im Rennsport aktiven Hersteller zugreifen. Hauptsache der Preis stimmt, räumte Mercedes-Chef Jürgen Hubbert in der vergangenen Woche erstmals ein. Bisher hatten sich die Autobauer noch in der Defensive gehalten. Auch das Angebot Kirchs, den Autobossen 25 Prozent an der Slec und begrenzte Mitspracherechte zu überlassen, schlugen die Konzerne im vergangenen Jahr aus. Kirch, der mutmaßlich noch zwei Milliarden Euro für 75 Prozent an der Slec fordert, werde mit dem Preis sicher noch heruntergehen müssen, lautet das Kalkül der Konzerne heute. Makler und Profiteur des Deals könnte Beobachtern zufolge ein ganz und gar Branchenfremder sein. Hartnäckig hält sich das Gerücht, die Deutsche Bank wolle diese Rolle übernehmen und Kirch aus der Formel 1 herausdrängen - zu Gunsten der Daimler-Chrysler AG, bei der sie Großaktionär ist.

"Kein Kommentar", wehrt ein Deutsche-Bank-Sprecher die Spekulationen ab. Beobachter bleiben dennoch dabei: Hilmar Kopper hat in seiner Doppelfunktion als Aufsichtsratschef bei der Deutschen Bank und Daimler-Chrysler die Fäden in der Hand. Und Kirch steht mit 615 Milliarden Euro bei der Bank in der Kreide. Genug Daumenschrauben also, um den klammen Unternehmer zur Vernunft zu bringen.

Dass die Formel 1 überhaupt so begehrt und teuer geworden ist, verdankt sie ihren Stars und Sponsoren, die den Rennzirkus weltweit zum Medienereignis gemacht haben. Bei einem Umsatz von gut sechs Milliarden Euro - davon 700 Millionen Euro Sponsorengeld und rund 300 Millionen Euro aus dem Verkauf von Fanartikeln - werden über die Vergabe von TV-Rechten weltweit rund 350 Millionen Euro eingespielt. Ab 2004 soll sich diese Summe verdreifachen. Im deutschen Privatfernsehen verdient noch bis Ende 2003 RTL kräftig mit: Bei jährlichen Kosten von geschätzten 17 Millionen Euro soll der Sender über Werbeeinnahmen einen Gewinn um die 50 Millionen Euro gemacht haben. Die Formel 1 ist ein Straßenfeger: Durchschnittlich zehn Millionen Zuschauer verfolgen die Rennen im Fernsehen. Kein Wunder, dass sich RTL um die Rechte nach Auslaufen der Verträge 2003 bemüht. Informationsdirektor Hans Mahr ist optimistisch: Er gehe davon aus, dass sich Werbeindustrie, Autokonzerne und Veranstalter auch ab 2004 für RTL entscheiden.

Möglich, dass Mahr künftig nicht weit laufen muss, wenn er die Rechte haben will. Die Konzern-Mutter Bertelsmann soll sich auch schon für die Formel 1 interessiert haben. Offiziell heißt es , man könne sich ein Engagement derzeit nicht vorstellen. "Zu viele Unwägbarkeiten." Ginge Kirch aber mit dem Preis für sein Slec-Paket herunter und würden dadurch nicht nur die Auto-, sondern auch andere internationale Medienkonzerne neugierig, könnte das auch die Fantasie bei Bertelsmann wieder anregen.

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