Wirtschaft : Francioni soll die Deutsche Börse führen

Monatelange Suche nach Seifert-Nachfolger vor dem Ende / Aufsichtsrat soll Montag zustimmen

Rolf Obertreis

Frankfurt am Main - Die monatelange Suche nach einem neuen Vorstandschef für die Deutsche Börse scheint beendet. Der Schweizer Reto Francioni, derzeit Chef der Schweizer Börse, soll offenbar an die Spitze rücken und damit Nachfolger von Werner Seifert werden, der im März auf Druck von Hedge Fonds sein Amt aufgegeben hatte. Eine offizielle Bestätigung für die Berufung des promovierten Juristen, der bis Anfang 2000 schon einmal stellvertretender Vorstandschef der Deutschen Börse war, gibt es in Frankfurt allerdings nicht. Auch Francioni selbst bezeichnet entsprechende Meldungen als „reine Spekulation“.

Am Montag soll der vierköpfige Personalausschuss des Aufsichtsrates angeblich dem Vorschlag von Aufsichtsratschef Rolf E. Breuer und dessen Nachfolger Kurt Viermetz zustimmen. Bei der nächsten Sitzung des Gremiums am 10. Oktober soll Francioni offiziell ernannt werden. Aus dem Umfeld des Aufsichtsrats hieß es am Freitag, man habe nichts gegen Francioni. „Er wäre für den Posten sehr qualifiziert“, sagte eine Person aus dem Umfeld des Gremiums der Agentur Reuters. Die Berufung Francionis wäre eine gute Lösung“, sagte auch ein Banker. Der Züricher genießt in Frankfurt auch wegen seiner ruhigen und freundlichen Art einen guten Ruf. Beim Betriebsrat der Börse gab es hingegen keine Bestätitgung.

Der 50-jährige Francioni wäre gleichwohl eine durchaus pikante Besetzung. Von 1993 bis 2000 hat er eng mit seinem Schweizer Landsmann Seifert zusammengearbeitet und die Börse aus ihrem Dornröschenschlaf geweckt. Er galt als Kronprinz. Auf Dauer allerdings kamen die beiden Manager aufgrund ihrer unterschiedlichen Charaktere nicht miteinander zurecht. Auch mit dem Aufsichtsratschef der Deutschen Börse, Rolf E. Breuer, der am 10. Oktober ausscheidet, soll sich Francioni nicht immer verstanden haben.

Francioni zog deshalb Anfang 2000 die Konsequenz, verließ die Deutsche Börse und wechselte an die Spitze des Discount-Brokers Consors. Dort blieb er zwei Jahre, bis Consors von einer französischen Großbank geschluckt wurde.

Seit Mai 2002 steht der promovierte Jurist, der auch bei den Schweizer Großbanken UBS und Credit Suisse und bei Pharma-Konzern Hoffmann-La Roche gearbeitet hat, als Präsident an der Spitze der Schweizer Börse. Seitdem hatte Francioni wieder enger mit Seifert zu tun. Schließlich betreiben Deutsche Börse und Schweizer Börse gemeinsam die Terminbörse Eurex. Übernahmeversuche durch die Deutsche Börse im Frühjahr 2004 hat Francioni allerdings kategorisch abgelehnt, dem weiteren Ausbau der Zusammenarbeit steht er dagegen aufgeschlossen gegenüber.

In Frankfurt wurde der 50-jährige Familienvater bekannt, weil er am Aufbau des Computer-Handelssystem Xetra maßgeblich beteiligt war und als Schöpfer des Neuen Marktes gilt. Anfang 1997 wurde das Börsensegment für junge, aufstrebende Technologie-Unternehmen von Francioni aus der Taufe gehoben. Nach Skandalen und dem dramatischen Kurssturz zwischen 2000 und 2002 stellte die Börse den Neuen Markt wieder ein.

Wie seine Vorgänger plädiert Francioni für die Konsolidierung der europäischen Börsenlandschaft. Allerdings in anderer Form als Seifert, der zwei Mal mit dem Versuch der Übernahme der Londoner Börse auch wegen seines undiplomatischen Auftretens auf die Nase gefallen war. „Eine wirkliche europäische Börse, an der die Schweizer Börse mitmacht, wird es nur in London und nicht in Frankfurt oder Paris geben“, sagte Francioni vor Jahresfrist in einem Interview.

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