Wirtschaft : Frank Schulze-Hagenest

Geb. 1969

David Ensikat

Gute Laune ist gut fürs Geschäft. Gegen schlechte Laune gibt es Mittel. Um sechs ging er in die Bar. Um sechs am frühen Morgen. Ein paar Mal verschwand er auf der Toilette, gegen drei am Nachmittag fiel er vom Barhocker. Der Notarzt kam, erkannte, dass man ihn zu spät gerufen hatte, erkannte, dass es ernst war. Das Herz.

Drei Tage lag Frank im Koma, dann starb er. Jetzt ermittelt der Staatsanwalt. Was taten die Leute, mit denen Frank seine letzten Stunden bei Bewusstsein verbracht hatte? Hätten sie den Arzt nicht eher rufen können?

Kokain. Perfektes Zeug für Leute, die sich ihre Sorgen nicht leisten können. Man vergisst die Sorgen einfach und ist gut drauf. Perfektes Zeug für Leute, die sich ihre Schwächen nicht leisten können. Man fühlt sie gar nicht mehr, man ist stark und munter. Nach durchgemachter Nacht um sechs noch in die Bar? Na klar doch, kein Problem. Man verschwindet kurz auf Klo, pudert’s Näschen, und weiter geht’s.

Es heißt, das Zeug mache auch egoistisch. Logisch, man ist ja selbst gut drauf. Was interessieren da die anderen? Was? Da ist einer abgekippt? Och nö. Wir feiern doch.

* * *

Nach seinem Abitur ging Frank nach Sylt und wurde wer. Stand hinter der Bar in Kampen, legte Platten auf, schenkte Champagner nach. Die Leute mochten ihn, den großen Strahlemann mit den kurzen Haaren. Auch der Chef mochte ihn, denn seine gute Laune war gut fürs Geschäft.

Klar hatte Frank gute Laune. Was er hier alles erlebte! Lernte Leute kennen, die mit dem Porscheschlüssel klimpern und alle Welt zur großen Party einladen. Ließ sich mit dem Learjet mitnehmen, kleiner Abstecher nach London. Oder mal eben in die Alpen, Skifahren im Sommer. Die Welt – eine große Party, schöne Menschen, teure Autos, der ganze Klimbim. Und Frank, der Barmann, mittendrin.

Eingeladen werden ist was Feines. Andere einladen noch viel besser. Man muss es sich nur leisten können. Franks großes Glück war das „90 Grad“ in Berlin. Noch auf Sylt hatte er Nils Heiliger kennen gelernt, einen Studenten, der als Partyveranstalter sein Geld verdiente. In Berlin übernahmen die beiden das „90 Grad“, einen Schöneberger Tanzclub, der nicht gut lief und günstig zu haben war. Sie stellten sich geschickt an, stellten die richtigen Möbel auf und spielten die richtige Musik, verkauften teure Getränke und ließen nicht jeden, der hinein wollte, hinein. So wurde das „90 Grad“ zur Diskothek, die selbst Schröder und seine Minister für den In-Schuppen überhaupt hielten und sich dort fotografieren ließen – „Die Bundesregierung trifft die Szene“. 1999 war das, 2002 folgten Stoiber und Merkel, um ihren Szenerückstand aufzuholen.

Und Frank war nicht mehr nur der nette Barmann, den man gerne einlädt; Frank war jetzt Chef und eine Nummer in der Geld- und Feierwelt.

Frank konnte jetzt auch mal den großen Max machen, mit dem Porscheschlüssel klimpern und Leute einladen.

Na gut, den Porsche hatte er nicht bezahlt, und die Sause nach Sylt mit dem Hubschrauber und Freisekt für alle konnte er sich eigentlich auch nicht leisten. Ob man 10000 Euro im Monat hat oder 100000 – das ist ein Unterschied. Aber Frank war doch kein Kleinkrämer.

Und weil das mit dem „90 Grad“ so gut gelaufen war, fand er auch, dass man noch ein paar mehr Räder drehen könnte. Veranstaltungsmanagement, noch eine ganz feine Bar in Charlottenburg, große, größere Pläne. An seiner Seite ein paar Leute, die er Freunde nannte, mit denen er so richtig auf den Putz hauen konnte. Geschäftlich und auch feiertechnisch. Frank war der Mann, dem die Banken Geld für die großen Pläne liehen, die anderen waren – na eben die Freunde.

So kam es, wie jeder gestandene Moralist es für notwendig halten musste: Es ging nicht gut. Frank hatte keinen Überblick über die Geschäfte, die Geschäfte liefen anders, als die Freunde es angekündigt hatten. Frank ging pleite. Mit Pauken und Trompeten könnte man sagen. Richtiger wäre: mit Koks und viel zu trinken.

Dazu kam der Tod der Mutter. Für Frank, den immer gut Gelaunten, ein tiefer Schlag. Ein Gastronom in Trauer? Das kann nicht sein, da gibt es Mittel gegen.

* * *

Sein Job in den letzten Monaten: Frank saß in den Wochenendnächten im Auto und passte auf, dass Vandalen ein Großplakat in Ruhe ließen. So tat er was halbwegs Sinnvolles und lief nicht Gefahr, irgendwo die Nacht durchzufeiern. Nach einer Freitagnachtwache im Juni ging er doch noch mal in die Bar. Es war um sechs am Morgen.

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