Wirtschaft : Frankfurt am Main wird Sitz der ersten deutschen Strombörse

FRANKFURT (MAIN) (ro/Tsp). Noch im Jahr 2000 soll die erste deutsche Strombörse in Frankfurt ihre Arbeit aufnehmen. Die Empfehlung der Projektgruppe von Stromwirtschaft, Netzbetreibern und Verbraucherverbänden für das Konzept der Deutsche Börse AG macht den Weg frei für die German Energy Exchange (GEX). Sie soll die Grundlage für eine spätere europäische Energiebörse sein. Experten halten die Einrichtung einer Strombörse für überfällig. Sie gilt als wichtiger Baustein für die Liberalisierung des Strommarktes, weil sie Marktransparenz schafft und dafür sorgt, daß die überhöhten Strompreise in Deutschland auf das Niveau anderer europäischen Staaten sinken. Entscheidend für den Erfolg der GEX ist allerdings eine klare Regelung für die Stromdurchleitung durch die Stromverbände. Sie soll bis Oktober unter Dach und Fach sein.

Nach der Empfehlung der vom Bundeswirtschaftsminister eingesetzten Projektgruppe "Deutsche Strom- und Energiebörse" haben die Mitbewerber aus Düsseldorf, Hannover und Leipzig kaum noch Chancen eigene Strombörsen aufzubauen. Experten halten langfristig nur eine Strombörse in Deutschland für überlebensfähig. Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) will dennoch an der Leipziger Strombörse, der Leipzig Power Exchange (LPX), festhalten. Der Start soll wie vorgesehen im März 2000 sein. Schommer äußerte sich enttäuscht über das Votum für Frankfurt. Da die Mainmetropole nur den Terminmarkt anbieten wolle, komme "nicht soviel Bewegung wie erhofft" auf den Markt, kritisierte er. Hinter Frankfurt stünden vor allem diejenigen, die die Dynamik am Strommarkt bremsen wollten. Leipzig hätte auch den Spotmarkt bedient.

Nach Auffassung der SachsenLB, Mitgesellschafter der LPX, ist das Frankfurter System bei der Preisgestaltung nicht transparent genug. Nur durch direkten Handel von Strommengen auf einem Spotmarkt wie ihn Leipzig anbiete, seien Preissenkungen und damit Vorteile für die Verbraucher möglich, hieß es. Auch der Deutsche Industrie und Handelstag (DIHT) mahnte an, sowohl einen Terminhandel als auch einen Spothandel an der Strombörse zu etablieren, um so einen zunehmenden Wettbewerbsdruck und höhere Preistransparenz zu schaffen.

Eine Strombörse macht Strom zu einem ähnlichen Gut wie Aktien oder Rohstoffe. Geplant ist, in Frankfurt zunächst den Terminhandel aufzunehmen: Über die Strombörse kann dann zu einem festgelegten Zeitpunkt eine bestimmte Menge Strom ge- oder verkauft werden. Die Marktteilnehmer haben so die Chance, sich gegen die künftig bedeutend stärkeren Strompreisschwankungen abzusichern. Eine Spot-Börse wird es in Frankfurt vorerst nicht geben. Dort könnten kurzfristig überschüssige Strommengen tagesaktuell ver- oder gekauft werden. Teilnehmer der neuen Börse, die nur über Computer organisiert sein wird, werden Stromproduzenten, große Stromverbraucher und Energiehändler sein, die über die Börse preisgünstigen Strom einkaufen oder überschüssigen Strom verkaufen können.

Eine Strombörse ist für Pierre Chevalier, Strom-Experte bei der Dresdner Bank, ganz entscheidender Baustein der Liberalisierung des Strommarktes im April des vergangenen Jahres: "Sie hat eine Katalysatorfunktion." Strom gilt spätestens seit der Liberalisierung als ein normales Handelsgut, bei dem endlich auch, wie Josef Auer von der Deutschen Bank sagt, Angebot und Nachfrage den Preis bestimmen müßten. Frankfurt gilt für die Experten angesichts der großen Erfahrungen mit Terminbörsen sowie der Kooperation mit der größten Energiebörse der Welt, der amerikanischen Nymex - New York Mercantile Exchange - und der Eurex, der weltweit größten Terminbörse, als idealer Partner und Standort. Nach der Startphase soll die Energiewirtschaft die neue Strombörse tragen.

Weltweit gibt es bereits 15 Strombörsen. Als erfolgreichster Handelsplatz gilt die 1993 gegründete Nordpool in Oslo, die den gesamten skandinavischen Raum abdeckt und ein Drittel des Stromhandels abwickelt. Für Privatverbraucher wird die Strombörse nur einen indirekten Effekt haben. Die höhere Transparenz, die die GEX schaffen wird, wird die Sensibilität für marktgerechte Strompreise erhöhen. Dies könnte mittelbar einen zusätzlichen Preisdruck bewirken.

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