Wirtschaft : Frankreich baut riesigen Luftfahrtkonzern

PARIS/DÜSSELDORF (jod/kol/HB).Mit der Fusion des Luftfahrtkonzerns Aérospatiale und des Rüstungs- und Raumfahrtunternehmens Matra Hautes Technologies (MHT) will Frankreich die geplante Neuordnung der Branche in Europa beschleunigen.Aérospatiale-Matra Hautes Technologies ist mit rund 77 Mrd.Franc (rund 23 Mrd.DM) Umsatz und 56 000 Mitarbeitern der größte Luft- und Raumfahrtkonzern Europas und der viertgrößte der Welt.Die Fusion geht mit der Teilprivatisierung der staatlichen Aérospatiale einher.Knapp 20 Prozent der Aktien des neuen Unternehmens sollen an die Börse gebracht werden.

"Die Fusion ist eine Etappe auf dem Weg zur Annäherung an europäische Branchenunternehmen wie British Aerospace (BAe) und Daimler-Benz Aerospace (Dasa)", kündigte der französische Wirtschafts- und Finanzminister Dominique Strauss-Kahn weitere Schritte zur seit langem geforderten Konsolidierung des Luftfahrt- und Verteidigungssektors in Europa an.Auch bei Aérospatiale und Matra hieß es, die Kapitalstruktur sei für weitere europäische Partner "völlig offen".Die Fusion sei von den europäischen Partnern sehr positiv aufgenommen worden, berichtete Aérospatiale-Präsident Yves Michot.Das neue Unternehmen soll Anfang 1999 starten.

Aérospatiale ist die Nummer zwei in der zivilen Luftfahrt mit Airbus und dem Turboprop-Hersteller ATR, Nummer eins bei Hubschraubern mit Eurocopter und bei Satellitentransporten mit Arianespace.MHT ist durch Joint-ventures mit BAe, Dasa und GEC weltweit die Nummer zwei bei Lenkwaffen (Matra BAe Dynamics) und bei Satelliten (Matra Marconi Space).Weder die geplante Umwandlung des Airbus-Konsortiums in eine Aktiengesellschaft noch der Einstieg der Dasa in Matra Marconi Space würden durch die Fusion verzögert, hieß es.

Der Zusammenschluß wird vollzogen, indem der Matra-Eigentümer Lagardère die Tochtergesellschaft MHT in Aérospatiale einbringt.Lagardère erhält dafür 30 bis 33 Prozent an dem neuen Unternehmen und wird somit wichtigster privater Anteilseigner.Der französische Staat, der bislang direkt und indirekt 100 Prozent an Aérospatiale hält, zieht sich bei dem neuen Unternehmen auf eine Minderheitsposition zurück.Die Pariser Linksregierung gibt damit dem Druck der europäischen Partner nach, die den staatlichen Charakter bei dem Airbusanteilseigner Aérospatiale als einen wesentlichen Hemmschuh in der Fortentwicklung des Flugzeugkonsortiums und der Konsolidierung der Luft- und Raumfahrtindustrie sahen.

Der französische Staat behält allerdings eine "goldene Aktie" des neuen Unternehmens, die ihm ein Vetorecht in entscheidenden strategischen Fragen sichert.Zudem setzt die Regierung offenbar darauf, im Zweifel die Belegschaft auf ihrer Seite zu haben: Mit den Aktien, die den Mitarbeitern angeboten werden, kommt der Staat wieder auf eine Mehrheitsposition.

Nach seinen Angaben hatte Michot am 27.Mai von der Regierung ein Mandat erhalten, für Aérospatiale eine strategische Allianz zu schmieden.Nach Diskussionen mit den europäischen Partnern sei ihm der Zusammenschluß mit MHT am erfolgversprechendsten erschienen.

Ausdrücklich begrüßt wurde die französische Fusion von der Dasa.Insbesondere die Privatisierung des neuen Unternehmens sei ein wesentlicher Schritt zur Europäisierung der Industrie."Es freut uns, daß es unser strategischer Partner Lagardère ist, mit dem sich Aérospatiale zusammenschließt", erklärte ein Dasa-Sprecher.Auch mit Aérospatiale ist die Dasa in strategischen Partnerschaften verbunden, so etwa bei Eurocopter oder Airbus.Bundeswirtschaftsminister Günter Rexrodt sprach von einem "wichtigen Zwischenschritt".Kritisch gesehen wird beim deutschen Partner, daß der Staat als großer Anteilseigner seinen Einfluß auf das neue Unternehmen behalten will.Ein zukünftiger europäischer Luft- und Raumfahrtkonzern sollte keine staatlichen Eigentümer haben, hieß es.Zugleich wird aber anerkannt, daß die sozialistische Regierung sich in der Frage der Privatisierung der Luft- und Raumfahrtindustrie erheblich bewegt hat.

Der Kurs der Lagardere-Aktie legte nach der Fusionsankündigung bis zum Nachmittag um knapp 6,6 Prozent auf 292 Franc zu.

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