Frankreich : Selbstmorde erschüttern France Télécom

Mieses Betriebsklima: In 18 Monaten nahmen sich 24 Mitarbeiter der France Télécom das Leben. Die Unternehmensführung reagiert mit Begriffen wie "Selbstmordmode" nicht eben feinfühlig. Gewerkschafter geißeln die angebliche Profitgier des Managements.

Hans-Hagen Bremer
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Mörder schimpften Angestellte von France Télécom ihren Chef Didier Lombard (li.) – hier im Gespräch mit Gewerkschaftern. Foto: AFPAFP

ParisEinen feindseligen Empfang bereiteten die Angestellten der Zweigstelle von France Télécom in Annecy (Haute- Savoie) dem Präsidenten ihres Unternehmens. „Mörder“ schallte es Didier Lombard entgegen, als er in Begleitung von Louis Pierre Wenes, dem Direktor für das Frankreichgeschäft, und Olivier Barberot, dem Personalchef des Konzerns, in der Filiale eintraf. Bestürzt über den Tod eines Kollegen, der sich am Morgen aus Verzweiflung über seine Arbeitsbedingungen das Leben genommen hatte, waren sie den ganzen Tag nicht zur Ruhe gekommen. Nun hatten sie Gelegenheit ihrem Zorn über ihre Lage gegenüber der Unternehmensführung freien Lauf zu lassen.

Es war kurz vor neun Uhr am Morgen, als Jean-Paul R. auf einer nahen Autobahnbrücke sein Auto am Fahrbahnrand anhielt und sich anschickte, über das Geländer zu klettern. Passanten versuchten noch, ihn durch Zurufe zurückzuhalten. Doch dann stürzte er sich fast hundert Meter in die Tiefe. In seinem Auto fanden die Gendarmen einen Abschiedsbrief, in dem er, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte, als Motiv seines Suizids seinen „beruflichen Kontext“ angab.

Jean-Paul R., 51 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Kinder im Alter von acht und zwölf Jahren, ist der 24. Mitarbeiter von France Télécom, der seit Februar 2008 auf diese tragische Weise aus dem Leben schied. Und er ist der erste, dessen Verzweiflungstat die Konzernleitung dazu brachte, das Gespräch mit den Kollegen des Toten zu suchen.

Angesichts der Nachrichten über die Selbstmorde meinte Frankreich-Direktor Wenes kürzlich in einem Interview, die Fälle würden von den Gewerkschaften aufgebauscht, um zu den im November anstehenden Betriebsratswahlen die Stimmung zu beeinflussen. Nach dem Suizid einer Angestellten, dem 23., der sich Mitte September ereignete, glaubte Konzernchef Lombard noch, die Unglücksserie als „Selbstmordmode“ abtun zu können. Das brachte ihm einen Ordnungsruf der Regierung ein, die mit 23 Prozent immer noch ein Hauptaktionär des privatisierten Unternehmens ist.

Dass das Betriebsklima bei France Télécom so viel schlechter als früher geworden sei, hat die Unternehmensführung bisher bestritten. Das ehemalige Monopolunternehmen, das sich heute nach dem Namen seiner britischen Filiale Orange nennt, hat sich zu einem international operierenden Technologiekonzern mit 185 Millionen Kunden in 30 Ländern und 187 000 Beschäftigten, davon 102 000 in Frankreich, entwickelt. Der Umsatz lag zuletzt bei 55,5 Milliarden und der Gewinn bei 4,7 Milliarden Euro.

Der Wandel in den vergangenen Jahren sei ohne gravierende soziale Einschnitte erfolgt, hob Frankreich-Direktor Wenes hervor. Der Abbau von 22 000 Stellen sei ohne eine einzige Kündigung erfolgt. Auch die Zahl der Selbstmorde scheint die These einer Verschlechterung des Betriebsklimas nicht zu belegen. 2002 nahmen sich 29 Télécom-Mitarbeiter das Leben, 2003 waren es 22. Für die Zeit von 2004 bis 2007 liegen keine Zahlen vor. Und viel höher ist die Selbstmordquote in anderen Berufen. Bei Polizisten beträgt sie 35, bei Lehrern 39 je 100 000 Berufsangehörigen, während im nationalen Durchschnitt zwischen elf und 20 Suizide je 100 000 Einwohner registriert werden.

Die Klagen der Télécom-Beschäftigten belegen indes als Folge des verschärften Wettbewerbs eine Stressbelastung, die vielen unerträglich erscheint: „Die Logik des Profits herrscht über allem“, beschwert sich ein Gewerkschafter. Um aus den Kollegen das Maximum herauszuholen, erhalte jeder Angestellte feste Vorgaben, werde ständig kontrolliert und müsse jederzeit mit seiner Versetzung an einen anderen Platz rechnen.

Genau das ist Jean-Paul R. passiert. Er war ohne Einspruchsmöglichkeit in ein Call-Center versetzt worden, dessen Arbeitsbedingungen er sich nicht gewachsen fühlte. Nun, nach seinem Tod, soll der Zwang zur Mobilität gemildert werden. Als Vorgriff auf Verhandlungen mit den Gewerkschaften zur Verbesserung des Betriebsklimas kündigte Télécom- Chef Lombard eine Überarbeitung der Versetzungspolitik an.

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