Wirtschaft : Frankreichs Wirtschaft leidet unter US-Boykott

Lebensmittel-Branche fürchtet die Missgunst der Amerikaner

Sabine Heimgrätner

Paris. Die schwierigen Beziehungen zwischen Frankreich und den USA in der Irak-Frage drohen einen Handelsstreit herbeizuführen. Etliche französische Branchen, vor allem im Lebensmittelbereich, spüren die neue Frankophobie jenseits des Atlantiks bereits, andere befürchten das Schlimmste.

Der in der derzeit extrem anti-französischen US-Presse und von einigen amerikanischen Politikern angedrohte Boykott französischer Produkte kommt zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Frankreichs kleine Exporteure leiden bereits seit Monaten unter dem Höhenflug des Euro, dem wegen der Kriegsangst schrumpfenden Wirtschaftswachstum und einer deutlich gesunkenen Konsumbereitschaft im eigenen Land. Und auch die Erhöhung der US-Zölle für französische Luxuslebensmittel wie Trüffel, Roquefort und Edelsenf – 1999 als Strafmaßnahme wegen Frankreichs Nein zum Import hormonbehandelten amerikanischen Rindfleisches – zeigt noch Wirkung.

„Der Exportsektor war Ende 2002 gerade dabei, sich zu erholen, nach Einbußen von bis zu 42 Prozent in den vergangenen zwei Jahren, und jetzt womöglich ein Handelsboykott!“, stöhnt Marie-Pierre Pé, Sprecher der Produzenten der berühmten französischen Gänseleberpastete. Vor allem kleine Lebensmittelproduzenten klagen jetzt schon über einen Absatzrückgang von rund 15 Prozent seit Januar. Erste Auswirkungen des transatlantischen Streits aber auch bei großen Geschäften. Vor zwei Wochen weigerten sich Anleger in den USA, Hochzinsanleihen im Wert von 350 Millionen Dollar des Elektrozubehör-Konzerns Legrand zu kaufen, „um Frankreich abzustrafen", kommentierte ein französischer Analyst.

Die seit rund vier Wochen in den US-Medien anhaltenden Beschimpfungen gegen ihr Land und Volk hatten die Franzosen zunächst kalt gelassen. Als die Attacken allerdings immer mehr auf die Magengegend zielten, das wichtigste Organ der französischen Feinschmeckernation, und die ersten Witze über „käsefressende Feiglinge“, „weinsaufende Drückeberger" kursierten, wurden die Hersteller französischer Luxuslebensmittel hellhörig.

„Bislang können wir noch keine wirklichen Einbußen feststellen, aber die politische Kampagne gegen Frankreich verschlechtert die kommerzielle Atmosphäre", sagte Olivier Watrin, New Yorker Repräsentant des Weinexporteurs Chantovent, nachdem einige Dutzend Restaurants in der US-Metropole französische Weine von der Getränkekarte nahmen und in den Keller verbannten. Wie schlecht die Stimmung ist, beweisen auch Berichte französischer Diplomaten in den USA, die beobachteten, dass neuerdings einer der gängigsten Ausdrücke auf Speisekarten, „French Fries" – für Pommes Frites – , in vielen Imbissgaststätte durch „Fried Chips" und ähnliche Bezeichnungen für die Kartoffelbeilage ersetzt wurden.

Höhepunkt im Streit zwischen beiden Handelspartnern mit einem jährlichen Handelsvolumen von immerhin 50 Milliarden Dollar: Der republikanische Präsident des US-Kongresses, Dennis Hastert, lässt derzeit prüfen, wie der Import französischer Produkte, darunter Wein, Käse und die weltbekannten Mineralwasser, beschränkt werden könnte. Dennoch bleiben die meisten französischen Firmen bislang optimistisch. Beispiel Rotwein: „Mit nur fünf Prozent war Amerika sowieso nicht unser stärkster Markt", erklärte Frank Boisset, der Bordeaux-Weine in New York vertritt. Zuversicht auch beim Hauptvertreter des in den USA zum Modegetränk gewordenen Champagner, der mit einem Absatz von 18 Millionen Flaschen 2002 „mit einem ähnlichen Ergebnis trotz Handelskrise" rechnet.

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