FRANZ UNTERSTELLER, GRÜNER UMWELTMINISTER : „Überrascht von der plötzlichen Rolle rückwärts“

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Den 11. März werde ich bestimmt nicht so schnell vergessen. Ich weiß zwar nicht mehr genau, wie ich vom Erdbeben, dem Tsunami und den außer Kontrolle geratenen Atomkraftwerken in Fukushima im Nordosten Japans erfahren habe. Aber ich erinnere mich genau, dass ich mir nach den ersten Meldungen das Ausmaß der Katastrophe noch nicht habe ausmalen können.

Ich wusste natürlich, was es bedeutet, wenn die Stromversorgung in einem Atomkraftwerk ausfällt. Und ich war mir auch ziemlich sicher, dass eine Kernschmelze nur schwer zu verhindern sein würde. Doch dass am Ende drei Reaktoren und ein Brennelementebecken betroffen sein würden, das habe ich mir am 11. März, kurz nach der Katastrophe nicht vorstellen können.

Genauso wenig übrigens die Tatsache, dass dieses Ereignis tausende Kilometer von Deutschland entfernt eine so dramatische Wende in der Politik bringen würde. Die Kehrtwende der Bundesregierung war entsprechend überraschend für mich. Schließlich hatten Union und FDP gerade erst die Verlängerung der Laufzeiten für die Atomkraftwerke durchgesetzt. Und plötzlich die Rolle rückwärts … Das hätte ich nicht gedacht.

Mit Fukushima ist jedenfalls ein drei Jahrzehnte dauernder völlig unproduktiver Streit zu Ende gegangen. Jetzt bleibt uns gar nichts anderes übrig, als die Energiewende zu schaffen. Wir müssen einfach erfolgreich sein, denn die ganze Welt guckt auf uns.

Worüber jetzt gestritten wird, sind die wirklich wichtigen energiepolitischen Themen. Endlich. Wie wollen wir Energie erzeugen, welches Stromnetz brauchen wir dafür? Welche Speicher brauchen wir und wie viel Ersatzkapazität? Jetzt steht das auf der politischen Tagesordnung, was da eigentlich schon immer hingehört hat!

Die Situation im März war natürlich sehr merkwürdig. In Japan spielten sich dramatische Szenen ab, obwohl vermutlich kein Land besser auf solche Naturkatastrophen vorbereitet ist als Japan. Aber Fukushima war eben keine – oder nicht nur – eine Naturkatastrophe. Und wir in Baden-Württemberg waren mitten im Wahlkampf. Schon bis dahin war der Wahlkampf gut gelaufen. Das Ergebnis am 27. März war dann überwältigend.

Dass ich selbst nach dem Regierungswechsel die Energiewende würde verantworten dürfen und – die Kehrseite der Medaille –, dass ich selbst die Folgen des umstrittenen Kaufs des baden-württembergischen Energiekonzerns EnBW würde ausbaden müssen … Am 11. März war das alles noch undenkbar.

Der EnBW-Rückkauf durch den früheren Ministerpräsidenten Stefan Mappus (CDU) hat unserer grün-roten Regierung ein Problem beschert, das wir jetzt gemeinsam mit der Unternehmensführung und dem anderen großen Eigner des Unternehmens lösen müssen. Die EnBW tut sich sehr schwer mit der neuen Zeit. Und wir setzen uns jetzt im Land mit all den Zielkonflikten auseinander, die eine erneuerbare Energieversorgung mit sich bringt.

Zum Beispiel beim Streit um ein Pumpspeicherkraftwerk im Schwarzwald, das fertig sein soll, wenn das letzte Atomkraftwerk 2022 vom Netz gehen wird. Wir brauchen diesen Speicher. Davon bin ich überzeugt. Aber gerade als Grüne liegt uns natürlich viel daran, so ein Projekt, das die Landschaft tiefgreifend verändern wird, nicht gegen die Bürger durchzusetzen, sondern gemeinsam mit ihnen die beste Lösung zu finden. Wir haben gerade einen Runden Tisch abgeschlossen und sind dabei, die Ergebnisse auszuwerten. Ein anderes Beispiel ist die Windkraft, die wir auch massiv ausbauen werden.

Aufgezeichnet von Dagmar Dehmer

Franz Untersteller (54) wurde nach

der Landtagswahl in Baden-Württemberg, die kurz nach dem

Unglück stattfand,

erster Umweltminister der Grünen in

dem Bundesland.

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