Wirtschaft : Frau Min sucht das Glück

Millionen Chinesen ziehen vom Land in die Städte – auf der Suche nach dem Neuen und besseren Jobs

Leslie T. Chang[Dongguan]

Ein Jahr tat Min nichts anderes als arbeiten. Jeden Tag stand sie 14 Stunden am Fließband und überprüfte Computerspiele und Digitaluhren auf Fehler. Ihre einzige freie Zeit: Hin und wieder ein Samstagnachmittag, wenn es keine Überstunden gab, sagt Min. Das Mädchen musste sich außerdem mit elf anderen Arbeiterinnen einen Schlafraum teilen und verdiente zwischen 50 und 80 Dollar im Monat.

Nach sechs Monaten wollte Min die Fabrik im chinesischen Perlflussdelta verlassen. Ihr Chef zwang sie zum Bleiben: Wie andere Unternehmen behält seine Fabrik zwei Monatslöhne ein, damit ein Arbeiter nicht ohne Erlaubnis der Fabrikleitung geht. Aus Protest blieb Min der Arbeit fern, obwohl sie die Strafe – den Abzug eines Wochenlohns – kannte. Am nächsten Tag stand Min wieder am Fließband, stritt aber von nun an regelmäßig mit ihrem Chef. „Ihre Fabrik ist es nicht wert, dass ich hier meine Jugend verschwende“, sagte sie. Irgendwann gab ihr Vorgesetzter nach und zahlte ihr die zwei Monatslöhne.

Min pokerte wieder hoch: Sie kaufte sich für 1,20 Dollar eine Eintrittskarte für die größte Jobmesse der Stadt: den so genannten „Talentmarkt“. Tausende Menschen gehen dort täglich hin. Obwohl sie keine Computerkenntnisse oder höheren Schulzeugnisse vorweisen konnte, bekam Min einen Bürojob bei einer Elektronikfabrik. „Gott ist doch gerecht“, sagte das Mädchen mit dem runden Gesicht, den lockigen Haaren und großen Augen, das gerade erst 18 Jahre alt geworden war. „Er ließ zu, dass ich ein Jahr ständig müde war; aber jetzt gibt er mir die Chance für einen Neuanfang.“

Min ist eine von 114 Millionen chinesischen Wanderarbeitern. Die arbeitssuchenden Menschen sind der Grund, warum es in China die größte Migration der Menschheitsgeschichte gibt, sagen Arbeitsexperten. Meistens sind es Menschen vom Land, die einen Job in der Stadt suchen. Sie leben dort unter schlechten Bedingungen: Viele Arbeitgeber zahlen weniger als den monatlichen Mindestlohn von 50 bis 70 Dollar. Und sie ignorieren die gesetzlich vorgeschriebene Wochenarbeitszeit von 49 Stunden.

Trotzdem sehen sich die Arbeiter nicht als duldsam schweigende Opfer. Für Min und andere waren der Fortgang aus der Heimat und die Fabrikarbeit die härteste Erfahrung ihres Lebens. Gleichzeitig sei es auch das größte Abenteuer ihres Lebens, sagen sie. In der großen, weiten Welt fern des Heimatdorfes können sie ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen. Es ist daher nicht Angst, sondern Stolz, der die chinesischen Wanderarbeiter zum Weitermachen anspornt: Eine frühe Rückkehr in die Heimat gilt als Eingeständnis des Scheiterns.

Überhaupt sind Migranten die ländliche Elite. Wie eine chinesische Studie feststellte, sind die Wanderarbeiter jünger und gebildeter als der Durchschnitt auf dem Lande. Und sie sind lernbegierig: Bei Umfragen gaben Wanderarbeiter an, dass für sie „neue Fähigkeiten zu erwerben“ und „die Welt zu sehen“ ebenso wichtig ist, wie Geld für die Familie zu verdienen. In vielen Fällen treibt nicht die erdrückende Armut die Migranten aus der Heimat, sondern zu viel Muße. „Es gab zu Hause nichts zu tun, deswegen bin ich gegangen“, sagen viele. Die kleinen Landstücke können leicht von den Eltern bewirtschaftet werden.

Min kommt aus der zentralasiatischen Provinz Hubei. Die Eltern bauen in einem kleinen Dorf auf einem Siebtelhektar Reis, Raps und Wassermelonen an. Wie fast alle anderen jungen Leute des Dorfes ging Min fort, um Arbeit zu finden. Sie war damals 16 Jahre alt, hatte die Berufsschule ein Semester vor dem Abschluss verlassen, um ihrer Familie die Schulgebühren zu ersparen und auf Arbeitssuche zu gehen. Ihre ältere Schwester, die schon in der Stadt Dongguan in einer Fabrik arbeitete, nahm sie in die rund 800 Kilometer entfernte Stadt mit.

Dort sah Min an einer Bushaltestelle die Anzeige einer Fabrik für Qualitätskontrolle, die Arbeiter suchte. Das Mädchen fuhr drei Stunden mit dem Bus zum Unternehmen und wurde auf der Stelle angeheuert. Erst dann ging die Chinesin in die Fabrik, sah die vollgestopften Schlafräume für die 1000 Arbeiter, den dreckigen Fußboden und die stinkenden Toiletten, die sich gleich neben den Betten befanden. Wie jede pflichtbewusste Tochter schickte Min ihrer Familie Geld. „Ich möchte sieben Jahre für sie arbeiten, dann zurückkehren und eine eigene Familie gründen“, sagte sie. Gleichzeitig arbeitete die Chinesin aber auch an anderen Zukunftsplänen: Sie investierte zwölf Dollar in einen Computerkurs.

Nach einem Jahr verließ Min die Fabrik mit rund 100 Dollar in der Tasche. Eine Woche erholte sie sich in der Wohnung eines Cousins. Dann kaufte sie sich ein Ticket für den Zhitong-Talentmarkt. Mit flauem Gefühl im Magen lief sie dort von Stand zu Stand. Die Jobvermittlungsmesse ist nur für Fachleute und Manager und nicht für einfache Arbeiter wie Min. Sie bewarb sich schließlich auf einen Bürojob bei einer Fabrik, die Zubehör für Mobilfunkgeräte und andere elektronische Produkte herstellt. Obwohl sie keine Qualifikationen vorweisen konnte, wurde sie nach einem dreistündigen Bewerbungsgespräch eingestellt.

In ihrem neuen Job musste Min den Zustand und die Wartung der Maschinen überwachen. Aber nicht lange: Schon nach wenigen Monaten versetzte die Fabrik sie in die Personalabteilung. Sie war nun für die Einstellung und Einweisung der neuen Arbeitskräfte zuständig. „Wenn ich im Personalwesen gut werde, kann ich leicht woanders Arbeit finden“, sagte sich Min. Der neue Arbeitsplatz war ein großer Schritt vorwärts, verglichen mit ihrem alten: ein Zehn-Stunden-Tag, jeden zweiten Sonntag frei und 100 Dollar pro Monat.

Dennoch kündigte Min schon nach vier Monaten und versuchte erneut ihr Glück beim Talentmarkt. Dank ihrer neuen Kenntnisse und des professionelleren Auftretens bekam sie einen Job in der Personalabteilung einer Fabrik, die Gummiteile für Elektronikprodukte herstellt. Es sei der beste Arbeitsplatz, den sie je gehabt habe, sagt sie. Sie arbeitet nur acht Stunden am Tag, hat jeden Sonntag frei und teilt sich den Schlafraum mit nur vier anderen Angestellten. Min verdient 120 Dollar – mit der Aussicht auf eine Gehaltserhöhung von 35 Dollar, wenn sie sich in den ersten drei Monaten bewährt.

Dennoch will Min weiter. Ihr neues Ziel: der Verkauf. Und falls die angekündigte Gehaltserhöhung nicht ihren Erwartungen entspricht, wird sie wieder ihren Arbeitsplatz wechseln. „Das Verlangen ist unstillbar“, sagt sie lachend. „Finden sie nicht auch?“

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