Frauen und Beruf : Karriere mit Kind

Versteckte Fachkräfte: Einem Gutachten zufolge könnten Mütter 1,5 Millionen Stellen besetzen, wenn die Arbeitszeiten flexibler wären.

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Zwar sind mehr Frauen als früher beschäftigt, viele arbeiten aber nur Teilzeit oder in Minijobs.
Zwar sind mehr Frauen als früher beschäftigt, viele arbeiten aber nur Teilzeit oder in Minijobs.Foto: dapd

Berlin - Mehr Frauen in den Beruf, mehr Frauen in Führungspositionen, und eine Quote gleich dazu – derzeit streitet die Politik um die richtigen Schritte, um eine größere Zahl qualifizierter Frauen in Arbeit zu bringen. Denn viele Mütter arbeiten nicht oder weniger als sie sich wünschen, weil sie Karriere und Familie nur schwer vereinbaren können. Wie viel Arbeitspotenzial der Wirtschaft dadurch entgeht, hat nun das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) im Auftrag des Bundesfamilienministeriums errechnet.

1,5 Millionen zusätzliche Vollzeitstellen könnten durch derzeit nicht erwerbstätige Mütter besetzt werden, wenn es in Deutschland flexiblere und familienfreundlichere Arbeitszeiten gäbe, sagt das Gutachten, für das die Wissenschaftler auf Daten des sozio-ökonomischen Panels zurückgriffen. Dafür werden jedes Jahr 12 000 Haushalte befragt.

„Bei beruflich qualifizierten Frauen und Müttern im erwerbsfähigen Alter besteht ein erhebliches und bei Weitem noch nicht ausgeschöpftes Arbeitsangebot“, heißt es in der Studie. Es sei zudem durch Maßnahmen auf betrieblicher Ebene „ohne wesentliche politische Reformen“ mobilisierbar. 1,14 Millionen Vollzeitstellen entfallen allein auf qualifizierte nicht erwerbstätige Mütter. Im europäischen Vergleich steigen nach Angaben der Studie Mütter in Deutschland wegen fehlender Kinderbetreuungsmöglichkeiten eher aus dem Beruf aus und kehren relativ spät und meist über Teilzeit zurück. So lange Frauen dadurch und durch mangelnde Flexibilität am Arbeitsplatz der Wiedereinstieg erschwert werde, sei „die Diskussion um Frauenquoten wenig zielführend“, sagt IZA-Experte und Autor der Studie, Werner Eichhorst.

Er appelliert sowohl an die Politik als auch an Unternehmen, die Rahmenbedingungen zu verbessern. Der Staat könne Abhilfe schaffen durch eine verbesserte öffentlich geförderte Kinderbetreuung sowie den Abbau von „Fehlanreizen im Steuersystem“, das derzeit eine geringfügige Tätigkeit oder Teilzeit begünstige. Den Unternehmen empfehlen die Wissenschaftler, stärker auf Vertrauensarbeitszeit und Arbeitszeitkonten sowie individuell vereinbarte Regelungen zu setzen. Auch Telearbeit, geteilte Arbeitsplätze und Kinderbetreuung im Betrieb werden genannt. Die Autoren raten zudem zu einer Abkehr von „überlangen Arbeitszeiten und Präsenzkultur“. Zwar gebe es in Deutschland flexible Arbeitszeiten, doch die dienten vor allem den Arbeitgebern und seien nicht „per se familienfreundlich.“ Und auch der Staat profitiert durch höhere Einnahmen: Die Studie errechnet allein bei 750 000 besetzten Vollzeitstellen Sozialversicherungsbeiträge von 12,6 Milliarden Euro und Steuern in Höhe von 5,7Milliarden Euro.

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will sich für neue Arbeitszeitmodelle einsetzen. „Präsenz rund um die Uhr ist nicht immer und überall nötig, Meetings müssen nicht am späten Abend stattfinden, E-Mails nicht am Wochenende verschickt werden“, sagte sie. Alle würden davon profitieren, wenn Unternehmen auf die Wünsche von Familien eingingen. Eine „neue Arbeitskultur“ fordert auch Henrike von Platen, Präsidentin des Frauenverbandes „Business and Professional Women Germany“.

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