Freenet-Chef Vilanek : "Die Kunden wollen Gutschriften"

Freenet-Chef Vilanek über sparsame Mobilfunknutzer, den Kauf von Debitel und den Verkauf von Strato.

295720_0_3170d1e1.jpg
Christoph Vilanek. Bis Jahresende will er den Verkauf der Berliner Strato abschließen. Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Herr Vilanek, telefonieren die Menschen in der Krise mehr oder weniger?


Durch die Tarifstruktur, die wir heute haben mit vielen Flatrates und Pauschaltarifen, spüren wir im Moment keinen Rückgang in der Nutzung. Nur eines ändert sich: Bei der Vertragsverlängerung fragen wir die Kunden, ob sie lieber eine Gutschrift oder ein neues Handy haben wollen. Und da entscheiden sich immer mehr Kunden für die Gutschrift. Viele wechseln auch in Prepaid-Angebote, bei denen keine monatlichen Belastungen entstehen. Die Anteile verschieben sich leicht zu Lasten der Vertragskunden.

In der Krise haben viele Firmen Schwierigkeiten mit der Finanzierung. Freenet hat 1,35 Milliarden Euro Schulden. Werden Sie da nicht nervös?

Wir haben in der Tat eine hohe Schuldenlast. Die ist auf sechs Banken verteilt. Unsere Finanzierungsverträge laufen bis 2014. Insofern sind wir in der glücklichen Lage, hier keinen unmittelbaren Stress zu haben. Natürlich sind wir mit den Banken intensiv im Kontakt und berichten sehr detailliert über unsere Geschäftsentwicklung und stärken damit das bestehende Vertrauensverhältnis.

Welchen Einfluss hat das auf den Verkauf des Berliner Internetdienstleisters Strato?


Der Strato-Verkauf ist davon vollkommen unabhängig. Wir haben keinen Zeitdruck und werden den nun begonnenen Interessenbekundungsprozess konsequent abarbeiten. Wir werden Strato verkaufen, wenn wir einen befriedigenden Wert erzielen.

Wo liegt der?


Dazu gibt es von uns keine Aussage.

Analysten sagen, Strato sei 300 Millionen bis 400 Millionen Euro wert.


An derartigen Spekulationen beteilige ich mich nicht.

Wie sieht der Zeitplan aus?


Wir erwarten am 2. September Erstangebote. Dann werden wir entscheiden, mit welchen Bietern wir in Verhandlungen gehen werden. Ich gehe davon aus, dass wir das dieses Jahr noch abschließen können.

Wer interessiert sich für Strato?


Sowohl klassische Finanz- als auch strategische Investoren aus der Industrie. United-Internet-Chef Ralph Dommermuth hat ja selbst am Wochenende in einem Interview sein Interesse bestätigt.

Sie selbst verarbeiten gerade den Kauf von Debitel. Wie geht die Integration voran?


Genau genommen müssen wir zweimal integrieren: zuerst Talkline und Debitel und dann die vereinte Debitel und Mobilcom. Der erste Schritt ist so gut wie fertig. Der zweite Schritt wird im zweiten Halbjahr 2010 technisch abgeschlossen sein. Die Umbenennung der Marke in Mobilcom-Debitel ist schon seit Ende Juli in allen unseren 1000 Shops vollzogen. Außerdem haben wir bereits zwei Standorte in Baden-Württemberg geschlossen, ein weiterer Standort in Elmshorn wird noch folgen.

Wie viele Stellen wird das kosten?


Insgesamt werden wir in diesem Jahr – wie mit dem Betriebsrat vereinbart – circa 1000 Arbeitsplätze abbauen.

Werden auch Läden geschlossen?


Ich glaube, dass eine Vertriebsmacht von 1000 Shops eine gute Größe ist. Wichtig ist, dass sie richtig verteilt ist. Da wird es Verschiebungen geben.

Sie haben sich für die Marke Mobilcom-Debitel entschieden. Wofür brauchen Sie noch ein Internetportal, das Freenet heißt?


Freenet hat ein Image als junge, aggressive Marke. Und Freenet steht für online und mobiles Internet. Wir haben ein Portal mit 7,5 Millionen E-Mail-Adressen, die auf freenet.de enden, und mit einer treuen Kundschaft. Die wollen wir halten. Sie sind für uns wertvoll, wenn wir in Zukunft mobiles Internet vermarkten wollen. Demnächst werden wir unseren Kunden anbieten, dass sie über ihr Mobiltelefon auf unsere Internetseite gehen können zu vergünstigten Preisen, teilweise sogar gratis. Mobilcom-Debitel ist die Mobilfunkmarke, Freenet ist unsere Marke für die Portalaktivitäten – egal ob der Zugang über den Rechner erfolgt oder über das Handy.

Bisher war Eric Berger im Vorstand zuständig für das Online- und Portalgeschäft. Jetzt verlässt er Freenet. Es heißt, es gab Streit über die Internetstrategie?


Nein, es gab keinen Streit. Eric Berger hat in den vergangenen zehn Jahren einen entscheidenden Beitrag für die Innovationen bei Freenet geleistet. Aber es ist auch nachvollziehbar, wenn jemand nach einer so langen Zeit sich neu orientieren will. Im Übrigen bleibt er uns als Berater verbunden.

Ein Verkauf des Freenet-Portals ist also ausgeschlossen?


Ja. Wir sind in der einmaligen Situation, zwei erfolgreiche Geschäftszweige mit etablierten Marken und einer Millionenkundschaft zusammenzuführen. Entsprechend gehört das Freenet-Portal zu unserem Kerngeschäft.

Wo sehen Sie die Wachstumschancen für Freenet – längst hat ja jeder ein Handy?


Die Wachstumschancen liegen in der Veränderung der Nutzungsgewohnheiten. Das mobile Endgerät wird künftig der Schlüssel für viele neue Dienste sein. Navigation, E-Mail, Infodienste wie Wetter, Zugauskunft und Sport sind nur einige Services, die es schon gibt. Nicht alle nutzen sie, aber die Nutzerzahlen steigen. Ich glaube zum Beispiel, dass das Handy die Geldbörse der Zukunft wird. Natürlich werden die heutigen Betreiber solcher Dienste einen Teil des Kuchens bekommen, aber wir werden auch davon profitieren.

Das Gespräch führte Corinna Visser


ZUR PERSON


Die Freenet-Gruppe ist der größte netzunabhängige Telekommunikationsanbieter in Deutschland. Mit dem Kauf von Debitel in 2008 verfügt Freenet über 18 Millionen Mobilfunkkunden. Im Mai 2009 verkaufte Freenet sein DSL-Geschäft an United Internet. Jetzt steht der Verkauf der Berliner Tochter Strato mit 500 Mitarbeitern an.

Der Österreicher Christoph Vilanek (41) wurde am 1. Mai überraschend neuer Vorstandschef von Freenet. Zuvor hat er vier Jahre lang in verschiedenen Positionen bei Debitel gearbeitet.

0 Kommentare

Neuester Kommentar