Wirtschaft : Frei oder nicht frei

Der Kampf um den Freiberufler-Status lohnt sich nicht immer. Viele Gewerbetreibende genießen die gleichen Steuervorteile

Michael Clauß

Zu kompliziert! Dieser Ruf eilt dem deutschen Steuerrecht voraus – und hat durchaus seine Berechtigung. Die Antwort auf die Frage „Gewerbetreibender oder Freiberufler?“ ist ein gutes Beispiel dafür. Regelmäßig ist sie nämlich gespickt mit Wenns und Abers. Gleichzeitig neigen Steuerpflichtige an diesem Punkt dazu, die Dinge unnötig zu verkomplizieren. Denn die von vielen Selbstständigen unternommenen Anstrengungen, eine Einstufung als Gewerbetreibender zu vermeiden, lassen sich nur selten mit steuerlichen Vorteilen rechtfertigen.

Hintergrund der Problematik: Ein Selbstständiger ist aus Sicht der Finanzverwaltung nur dann Gewerbetreibender, wenn keine freiberufliche Tätigkeit ausgeübt wird. Freiberufler sind nach dem Einkommensteuergesetz (EStG) vor allem diejenigen, die selbstständig sowie eigenverantwortlich tätig sind und eine wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeit ausüben. Außerdem die Angehörigen bestimmter im Gesetz genannter Berufe, wie etwa Ärzte, Rechtsanwälte oder Architekten. Am schwierigsten ist die Abgrenzung gegenüber Gewerbetreibenden bei Berufen, die den im EStG aufgeführten Berufen ähnlich sind; hier muss im Einzelfall entschieden werden, ob Ausbildung und Tätigkeit mit einem dieser Berufe vergleichbar sind – ein in der Praxis häufig sehr kompliziertes Unterfangen.

Verantwortlich für den besonders unter Existenzgründern zu beobachtenden Drang zur Freiberuflichkeit ist vor allem Unkenntnis. Unvollständige oder falsche Informationen führen dazu, dass viel Zeit und Geld investiert wird, um vom Finanzamt den begehrten Freiberufler-Status attestiert zu bekommen. Doch leider fehlt es den steuerlichen Vorteilen, die mit dieser Einstufung einhergehen, an Exklusivität. Denn Selbstständige, die einen kleinen bis mittelgroßen Gewerbebetrieb unterhalten, kommen regelmäßig in den Genuss derselben Vorzüge.

Soweit es die Einkunftsarten des Einkommensteuergesetzes betrifft, ist eine Unterscheidung ohnehin überflüssig. Denn die Einkünfte aus selbständiger (freiberuflicher) Arbeit und aus Gewerbebetrieb stehen sich gleichrangig gegenüber. Positive Einkünfte wirken sich hier wie dort auf die Höhe des zu versteuernden Einkommens aus und lassen die Steuerlast steigen.

Auch der Rückgriff auf die so genannte Ansparabschreibung – ein unter Selbstständigen sehr beliebtes Steuergestaltungsinstrument – hängt nicht von der Einkunftsart ab. Kleine und mittelgroße Betriebe können so eine Rücklage für die Anschaffung oder Herstellung bestimmter Wirtschaftsgüter bilden. Die Ansparabschreibung mindert den zu versteuernden Gewinn, stellt aber keine Ausgabe dar. Entscheidend ist hier nicht die Einstufung als Gewerbetreibender oder Freiberufler, sondern vorrangig die Höhe des jeweiligen Betriebsvermögens.

In Sachen Umsatzsteuer gilt: Freiberufler kommen in den Genuss der Ist-Besteuerung, müssen ihre Umsatzsteuerschuld also in der Regel erst begleichen, wenn sie Geld von ihren Kunden erhalten haben. Die Vorfinanzierung der Umsatzsteuer und der damit einhergehende Liquiditätsnachteil entfällt. Vielen Gewerbetreibenden wird dieses Privileg aber ebenfalls zuteil. Einzige Voraussetzung: Der Umsatz hat im vorangegangenen Kalenderjahr nicht mehr als 125 000 Euro betragen. Zum 1. Juli 2006 wird diese Umsatzgrenze voraussichtlich sogar auf 250 000 Euro angehoben.

Andere Vorteile, wie beispielsweise die Befreiung unternehmerischer Leistungen von der Umsatzsteuer oder die Inanspruchnahme der Kleinunternehmer-Regelung, hängen überhaupt nicht vom ertragsteuerlichen Status ab. Ausschlaggebend ist hier entweder die Art der erbrachten Leistung oder die Höhe des erzielten Jahresumsatzes. Auch die oft als lästig empfundene Buchführungspflicht muss nicht sein. Freiberufler sind hiervon bekanntlich befreit. Doch auch für Gewerbetreibende sieht die Abgabenordnung keine Buchführungspflicht vor, so lange der Umsatz 350 000 Euro pro Kalenderjahr und der Gewinn 30 000 Euro im Wirtschaftsjahr nicht übersteigt. Ebenso wie Freiberufler können Gewerbetreibende ihre Einkünfte dann durch die so genannte Einnahmen-Überschuss-Rechnung ermitteln. Ist ein Gewerbetreibender allerdings Kaufmann im Sinne des Handelsgesetzbuches, lebt die Buchführungspflicht auf. Dies gilt aber auch für Freiberufler, wenn sie zum Beispiel im Rahmen einer GmbH tätig werden.

Bleibt die Gewerbesteuer als letzte Station und Hoffnung. Sie greift nur dort, wo auch ein Gewerbeertrag anfällt. Da die gesetzliche Definition des Gewerbeertrags allein einen Bezug zur Einkunftsart „Gewerbebetrieb“ herstellt, sind Freiberufler nicht gewerbesteuerpflichtig. Lohnt es sich also doch, mit allen Mitteln um die Einstufung als Freiberufler zu kämpfen? Die Antwort ist nein, denn erst wenn der Gewerbeertrag, der im Wesentlichen mit dem ertragsteuerlichen Gewinn gleichzusetzen ist, einen bestimmten Freibetrag übersteigt, wird Gewerbesteuer fällig. Für Einzelunternehmer sieht das Gesetz etwa einen Freibetrag in Höhe von 24 500 Euro vor.

Selbst für den Fall, dass Gewerbesteuer gezahlt werden muss, hat der Gesetzgeber Vorkehrungen getroffen, um diese Mehrbelastung weitgehend auszugleichen: Die gezahlte Gewerbesteuer ist betrieblicher Aufwand, mindert also die Einkünfte aus dem Gewerbebetrieb, und kann darüber hinaus in gewissen Grenzen auf die persönliche Einkommensteuerschuld angerechnet werden.

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