Wirtschaft : Freiheit auf Chinesisch

Das Reich der Mitte öffnet sich rasant dem Welthandel – und die USA fühlen sich bedroht

Peter Wonacott,Neil King

China hat einen neuen Beinamen: Vorreiter des freien Welthandels – und das, obwohl das Land noch immer einen Großteil der eigenen Wirtschaft kontrolliert. Seit März führt Peking Gespräche über Freihandelsabkommen mit Südkorea, Pakistan, Australien und Island. Schon im vergangenen Jahr wurden solche Vereinbarungen mit Thailand, Malaysia und acht anderen südostasiatischen Ländern getroffen. Insgesamt sind es mittlerweile 25 Länder, mit denen China Freihandelsabkommen abgeschlossen hat oder es bald tun will. Vor zwei Jahren gab es noch kein einziges.

Die Suche nach Freihandelspartnern, verbunden mit kostspieligen Angeboten zum Ankauf von Energie- und Rohstoffquellen, untermauert Chinas Ziel, zu einer Supermacht aufsteigen zu wollen. Mit einer beachtlichen Armee und einer boomenden Wirtschaft in der Hinterhand positioniert sich die Volksrepublik als Vorreiter bei weltweitem Handel und Investment – eine Rolle, die traditionell von den USA besetzt wurde. Der wachsende Einfluss der Chinesen ist zugleich ihr bestes Verkaufsargument bei Ländern, die ein Gegengewicht zur derzeit einzigen Supermacht unterstützen wollen.

All das beunruhigt die amerikanische Regierung.Während der Protektionismus im US-Kongress wächst, verliert die eigene Handelsagenda der Bush-Administration beträchtlich an Fahrt. Ein Freihandelsabkommen mit fünf zentralamerikanischen Staaten passierte den Kongress nach langen Debatten im vergangenen Sommer nur knapp mit einem Zwei-Stimmen-Vorsprung.

Besonders erzürnt ist Washington über Chinas Bemühungen, mit Staaten wie Venezuela, Kuba, Sudan und Usbekistan Handelsabkommen zu schließen. Also Staaten, zu denen die USA alles andere als gute Beziehungen pflegt. „Chinas Kontakt zu problematischen Ländern zeigt bestenfalls, dass man die Konsequenzen verkennt und schlimmstenfalls, dass man unheilvolle Absichten verfolgt“, sagte der stellvertretende US-Außenminister Robert Zoellick vor kurzem in einer Rede. Chinas neuer Kurs, so der Politiker, habe „neue Ängste“ geschürt.

Chinas Offizielle wiegeln ab. Keinesfalls wolle man die USA herausfordern. Pekings Handels- und Investmentstrategie solle lediglich eine auf Exporte vertrauende Wirtschaft mit einem wachsenden Bedarf an Energie und Rohstoffen absichern, heißt es. Zumal die USA China schon lange aufgefordert haben, sich dem Welthandel zu öffnen. „Ironischerweise sind es nun unsere eigenen Lehrer, die besorgt sind, weil wir ihre Ratschläge so treu befolgt haben und dabei so erfolgreich waren“, sagt Long Yongtu, Chinas Verhandlungschef für den WTO-Beitritt, in Anspielung auf die jetzige Haltung der USA.

Chinas eigene Wirtschaft aber bleibt nach wie vor abgeschottet: Die Regierung hindert den freien Fluss von Kapital, begrenzt den ausländischen Einfluss in Schlüsselbranchen wie Autobau, Telekommunikation und Bankwesen und kontrolliert seine Bürger. Doch beim Abschluss von Freihandelsabkommen hat man die USA längst überrundet: Gerade einmal zwei Jahre hat China gebraucht, um einen Pakt mit zehn südasiatischen Staaten zu schließen, der alle Einfuhrsteuern für Obst und Gemüse bis 2010 vollständig abschafft. In der gleichen Zeit brachten es die USA im asiatischen Raum nur auf einen Deal mit Singapur. Gespräche mit Thailand werden nicht vor 2006 ein Ergebnis bringen, die Verhandlungen mit Südkorea sind ins Stocken geraten.

Ein Grund für die Schwerfälligkeit: Die US-Verhandlungsführer müssen in neuen Handelsabkommen auch Umweltstandards und Arbeitsbedingungen regeln, damit der Kongress sie genehmigt. Zudem wird erwartet, dass sie bestimmte Bereiche der US-Industrie schützen, indem sie Einfuhrgrenzen und Zölle aufrechterhalten. China braucht sich um solche Feinheiten nicht zu kümmern. Seine Wünsche decken sich oft mit denen seiner asiatischen Handelspartner: geringe Einfuhrschranken für Landwirtschaftsprodukte und Industriegüter – mit möglichst wenigen Bedingungen.

Peking kann inzwischen auf eine ungewöhnliche Reihe von Freunden verweisen: Nordkorea und Südkorea, Iran, Irak sowie Pakistan und Indien. Daneben nähert man sich auch alten US-Verbündeten wie Kanada und Australien an. Mit seinen strikt auf Handelsfragen beschränkten Reden ist Chinas Präsident Hu Jintao überall ein gern gesehener Gast. Selbst Australiens oftmals bissige Parlamentarier verabschiedeten Hu mit Standing Ovations, nachdem er sich Ende 2003 in einer Rede für ein Freihandelsabkommen zwischen beiden Ländern ausgesprochen hatte. Nur einen Tag zuvor hatte US-Präsident Bush vor gleichem Publikum einen von vielen Zwischenrufen unterbrochenen Auftritt, als er über Terrorbekämpfung und Irakkrieg sprach.

Chen Yonglin, ein nach Australien geflüchteter einstiger Mitarbeiter des chinesischen Konsulats, erklärte gegenüber einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss im Juli, dass China mit Hilfe des Handels vor allem einen Keil zwischen die USA und Australien treiben wolle. Peking wolle australisches Erdgas kaufen, „um sich im Gegenzug die Rohstoffe und politische Fürsprache des Landes zu sichern“, sagte Chen.

Um den Weg für Handel und Investitionen zu ebnen, hat Peking die Barrieren des eigenen Marktes abgebaut und das Gleiche auch von seinen Handelspartnern verlangt. In den vergangenen 13 Jahren hat China die durchschnittlichen Importzölle von 43,2 Prozent auf 9,9 Prozent gesenkt. Das hat den Importen ebenso wie den Exporten genützt: 60 Prozent aller exportierten Güter werden in China aus eingeführten Materialien hergestellt.

US-Vizeaußenminister Zoellick sagt, die USA begrüßten Chinas Teilnahme am Welthandel. Wenn China aber hoffe, „die USA mit wirtschaftlichen Mitteln aus dem Rennen zu drängen, werde es eine Gegenreaktion geben“. „Niemand braucht sich vor Chinas Aufstieg zu fürchten“, sagt dagegen Zhou Yongsheng, Analyst für Außenpolitik in Peking. „Unser Aufstieg nutzt vielen, vor allen den amerikanischen Unternehmen.“

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