Freizeitausrüstung : Ruf der Wildnis

Das Geschäft mit der Sehnsucht nach Freiheit: Der Outdoor-Sektor boomt – weil die Deutschen ihre Liebe zur Natur entdecken und bereit sind, Geld auszugeben.

Laura Gitschier

Jetzt beginnt die Zeit, wo es draußen kalt ist, es regnet und stürmt. Trotzdem schnüren sich auch bei diesem Wetter immer mehr Menschen die Schuhe und packen sich in wetterfeste Jacken – um draußen zu radeln, zu klettern oder zu wandern.

Der Outdoormarkt erlebt seit ein paar Jahren einen Aufschwung wie kaum eine andere Branche. Krise? Nie gehört. In Europa soll das Marktvolumen, laut des Branchenverbandes European Outdoor Group, 2009 bei rund sechs Milliarden Euro gelegen haben. 2004 war es noch eine Milliarde weniger. „Der noch relativ junge Markt für Outdoorartikel hat sich in den letzten 20 Jahren zu einem der stärksten Wachstumsgaranten des europäischen Sport-Marktes entwickelt“, stellt auch die Beratungsfirma BBW Marketing in einer Studie fest. Deutschland ist dabei mit Abstand der wichtigste Markt in Europa. Hier beträgt das Umsatzvolumen pro Jahr rund 1,6 Milliarden Euro. Ein Ende des Booms scheint nicht in Sicht. Ingrid Schick, Autorin der Studie „Neo-Nature“ des Zukunftsinstitutes, ist sich sicher: „Das ist definitiv ein Markt der Zukunft, der Trend steht erst am Anfang.“

An dem deutschen Marktführer Jack Wolfskin zeigt sich der Trend zur Liebe zur Natur besonders deutlich. Das Unternehmen mit der Tatze im Logo ist 2009 zum sechsten Mal in Folge gewachsen. Der Umsatz lag bei 251 Millionen Euro – ein Plus von 22 Prozent im Vorjahresvergleich. Mittlerweile verkauft das hessische Unternehmen seine Produkte in 26 Ländern. Deutschland ist aber nach wie vor der größte Markt. Produziert wird vorwiegend in Südostasien. Von Chef Manfred Hell heißt es, dass er Geschäftspartner gerne mal in der Fleecejacke empfängt und seine Produkte in den Bergen oder am Nordpol selbst testet. „Wir glauben, dass gerade Jack Wolfskin enorm zu der Bekanntheit von Outdoor-Produkten beigetragen hat“, sagt Hell und verweist auf Fernsehwerbungen und die vielen Läden in den Innenstädten. Billig ist das Einkaufen dort aber nicht: Eine Alpindoppeljacke kostet rund 450 Euro. Bislang sind die Finanzinvestoren Barclays Private Equity und Quadriga Capital Eigentümer von Wolfskin. Seit kurzem gibt es Gerüchte, dass die Eigentümer über einen Verkauf des Ausrüsters nachdenken. Bis vor kurzem wurde Adidas als einer der wichtigsten Kaufinteressenten gehandelt. Vor ein paar Tagen hat Konzernchef Herbert Hainer im Interview mit dem „Handelsblatt“ einen Kauf aber abgelehnt.

Die deutsche Outdoor-Branche wird traditionell von vielen Mittelständlern getragen. Der Erfolg zeigt sich bei ihnen besonders deutlich. Wie beispielsweise beim baden-württembergischen Bergsportausrüster Vaude. Das Unternehmen mit Sitz in Tettnang ist nach eigener Aussage in den letzten fünf Jahren jedes Jahr zweistellig gewachsen. Auch für 2010 rechnen sie mit einem deutlich zweistelligen Wachstum. „Für uns ist der Outdoor-Boom eher eine langfristige Erfolgsgeschichte“, sagt Jan Lorch, Vertriebsleiter International und Mitglied der Geschäftsleitung. Selbst während der Krise habe es keine Einbrüche auf dem starken deutschen Markt gegeben.

Die großen Sport-Unternehmen spielen bislang auf dem Markt eher eine untergeordnete Rolle. Doch auch sie wollen ein Stück vom Kuchen abhaben. „Natürlich beobachten wir das erfolgreiche und vielfältige Segment Outdoor und prüfen, inwieweit es zur Sportlifestyle-Marke Puma passt“, sagt Geschäftsführer Matthias Bäumer eher bedeckt. Er verweist darauf, dass Puma bereits Erfahrung im Bereich funktionelle und wetterfeste Bekleidung im Bereich Segeln gemacht habe. Konkurrent Adidas wird da schon etwas konkreter. Vor drei Jahren hat der Konzern einen Stufenplan bis 2015 entwickelt, mit dem Ziel Adidas „langfristig als eine der führenden Outdoor-Marken zu etablieren“. Derzeit gehe es vor allem darum, Glaubwürdigkeit und Akzeptanz in der Outdoor-Community mittels innovativer Produkte zu erlangen. Mit erstem Erfolg: Im zweiten Quartal 2010 ist ihre Outdoor-Sparte im zweistelligen Bereich gewachsen.

Nicht nur die reinen Zahlen zeigen, dass Natur wieder in ist. Es gibt zahlreiche Ausläufer: vom Erfolg von Zeitschriften wie „Mare“ oder „Landlust“ über Wanderbücher und Fernsehsendungen. Auch Wandervereine verbuchen steigende Mitgliederzahlen. „Um die Outdooraktivitäten formiert sich in diesem Zusammenhang ein riesiger Markt, der von neuen Sportarten über Ausrüstung bis hin zu neuen Berufsfeldern der Branche reicht“, stellt die Studie „Neo-Nature“ des Zukunftsinstitutes dazu fest.

Wandern und Landleben sind seit einiger Zeit nicht mehr verstaubtes und konservatives Hobby, sondern Spielwiese für Gutverdienende. Es gibt verschiedene Ansätze das Phänomen zu erklären. Die Natur biete Ruhe, ein Stück Authentizität. „Die globalisierte Welt wird für viele immer unüberschaubarer und unsicherer, daraus resultiert eine Sehnsucht nach Heimat und Vertrautheit“, sagt Ingrid Schick vom Zukunftsinstitut. Sie sieht eine Parallele zu dem allgemeinen Trend hin zu einem nachhaltigen Leben mancher Menschen. „Sie pflegen einen Sowohl-als-auch-Lebensstil und übertragen ihre Lebensphilosophie auch auf den Urlaub. Sie streben nach Komfort und Genuss, wollen Spaß haben und gleichzeitig dabei Gutes tun“, sagt Schick. Daher auch die Bereitschaft Geld auszugeben – mit der Maxime: Gutes tun kostet eben auch etwas.

Mittlerweile werden die Jacken nicht nur in Berghütten, sondern auch an Bushaltestellen getragen Jan Lorch von Vaude weiß: „Wenn die Leute in die Berge gehen, wollen sie dort gut aussehen. Wenn sie dann am nächsten Tag zum Stadtbummel nach München fahren, wollen sie die gleiche Jacke wieder tragen können.“

Die skandinavischen Großstädte sind den deutschen einen Schritt voraus. Sie integrieren das „Friluftsliv“, das Leben an der freien Luft, direkt in ihre Städte. So lockt beispielsweise Reykjavik mit Lachsfischen mitten in der Stadt. In Stockholm gibt es einen stadtnahen Nationalpark, in dem gewandert werden kann. Mal schauen, wann die deutschen Städte nachziehen.

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