Wirtschaft : Freizeitforscher Opaschowski warnt: "Wir stecken in der Fortschrittsfalle"

Freuen Sie sich darauf[demnächst länger]

Horst Opaschowski ist Professor für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg, bekannt wurde er als Leiter des BAT-Freizeit-Forschungsinstituts. Der Politikberater gilt als Vordenker. Mit ihm sprach Jobst-Hinrich Wiskow.

Freuen Sie sich darauf, demnächst länger einkaufen zu können?

Von wegen. Wir stecken in der Fortschrittsfalle. Der Preis, den wir bezahlen müssen, kann nämlich zu hoch sein. Alles scheint möglich in der Rund-um-die-Uhr-Gesellschaft, in der es nur noch darauf ankommt, den Konsum zu maximieren.

Entschuldigung, aber heutzutage schaffen es viele Menschen nur einmal die Woche kurz vor Ladenschluss in den Supermarkt.

Trotzdem lässt die Lebensqualität nach. Sicher werden wir flexibler und können auch um Mitternacht noch einkaufen gehen. Aber das private Leben wird weniger planbar, weil die gemeinsame Zeit immer kleiner wird. Die Zeiten von Eltern, Kindern und Freunden sind immer weniger in Einklang zu bringen. Das Resultat ist dann die Pinnbrett-Familie.

Was heißt das?

Das ist eine Familie, die nur noch über das Pinnbrett in der Küche oder im Wohnzimmer kommuniziert, aber nichts mehr miteinander unternimmt.

Und das alles wegen der Aufhebung des Ladenschlusses?

Zumindest würde sie verstärken, was wir ohnehin beobachten: den Trend hin zur Vereinzelung in unserer Gesellschaft. Die Familie ist nicht mehr der Prototyp, wir entwickeln uns zur Single-Gesellschaft. Dazu passt, dass das soziale Engagement immer mehr nachlässt.

Trotzdem: Wieso sollen die Leute nicht selbst entscheiden, was sie in ihrer Freizeit tun?

Zur Aufgabe der Politik gehört die Daseinsvorsorge für die Bürger von heute und von morgen. Wenn man immer mehr Regeln aufhebt, dann finde ich sehr fraglich, ob man die Lebensqualität der Menschen verbessert. Wir schaffen ständig neue Angebote, doch Stress und Zeitdruck bleiben.

Wie lange werden wir den Ladenschluss noch diskutieren?

Er bleibt auf der Tagesordnung. Dieses Thema ist der Vorreiter für die Rund-um-die-Uhr-Arbeitswelt, die die meisten Menschen nicht haben wollen.

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