Wirtschaft : Freizeitparks: Die Lust auf Nervenkitzel

Dagmar Rosenfeld

In Skandinavien beim Fjordrafting die raue See bezwingen, anschließend auf der russischen Raumstation Mir in kosmische Sphären tauchen, nach der Landung dann den irdischen Freuden beim Karneval in Venedig frönen, um zu guter Letzt in einem Meer aus Tulpen im Schatten einer holländischen Windmühle zu verschnaufen. Im badischen Rust kann man quer über den europäischen Kontinent reisen - und das an einem Tag: Denn im Europa Park steht der Eiffelturm nur wenige hundert Meter vom Buckingham Palace.

Der Europa Park ist mit einer Fläche von 65 Hektar und drei Millionen Besuchern pro Jahr Deutschlands größter Erlebnispark. In dieser Saison hat Park-Betreiber Roland Mack das internationale Freizeitangebot um den Themenbereich Griechenland erweitert. Die Attraktion ist die Wasserachterbahn Poseidon, eine Mischung aus futuristischer Fahrtechnik und antiker Mythenwelt: Mit High-Speed erlebt der Besucher die Irrfahrt des Odysseus. Die Technik für das Fahrvergnügen der Superlativen stammt aus dem hauseigenen Produktionsbetrieb, der weltweit zu den zehn führenden Herstellern im Fahrzeugbau gehört. 42 Millionen Mark hat der neue Themenbereich gekostet. Roland Mack plant schon die nächste Millioneninvestition: 2002 will er in seinem Park die bisher höchste Achterbahn Europas eröffnen. "Wir müssen alle zwei Jahre eine neue Attraktion bieten, wenn wir uns auf dem Markt behaupten wollen." Grafik: Was das Freizeitvergnügen kostet Ein Riesenrad, das sich gemächlich im Kreise dreht, macht noch lange keinen Erlebnispark. Freizeitoasen, die ein Millionenpublikum locken wollen, müssen mit rasanten Fahrgeschäften aufwarten. "Eine Analyse der Besucherstruktur zeigt, dass junge Menschen die wichtigste Kundengruppe sind", erkärt Wolfgang Bornträger, Geschäftsführer des Verbandes deutscher Freizeitunternehmen (VDFU). Fast 50 Prozent der Besucher seien zwischen 15 und 28 Jahre alt, und für sie mache das Angebot an Bob-Achter- und Loopingbahnen die Attraktivität eines Freizeitparks aus.

Die Lust auf Nervenkitzel kostet die Parkbetreiber, in der Mehrzahl mittelständische Familienbetriebe, Investitionen in Millionenhöhe. "Diese enormen finanziellen Vorleistungen bedeuten für Mittelständler ein hohes unternehmerisches Risiko", sagt Bornträger. Hinzu kämen Unwägbarkeiten wie Wind und Wetter. So hat der verregnete April den Parks einen bescheidenen Saisonstart beschert. Im März 2000 war es die öffentlich finanzierte Expo in Hannover, die die Besucherzahlen in den nord- und westdeutschen Erlebnisparks sinken ließ. Die Umsatzeinbußen im Soltauer Heidepark etwa lagen im Millionenbereich.

In der Branche stehen die Zeichen auf Wachstum. In den vergangenen zwei Jahren setzten die 57 deutschen Freizeitparks mit überregionalem Einzugsbereich 800 Millionen Mark um. Bis zum Jahr 2004 prognostozieren Branchenkenner den Freizeitparadiesen ein durchschnittliches Umsatzwachstum von 8,1 Prozent. Die Besucherzahlen steigen stetig: 22,4 Millionen Menschen besuchten im Jahr 2000 einen Freizeitpark, zehn Jahre zuvor waren es 15,9 Millionen.

Freizeitparks werden nicht nur als märchenhafte Abenteuerspielplätze genutzt, sondern zunehmend auch von großen Konzernen als strategische Marketing-Instrumente eingesetzt. VW hat im Vorjahr in Wolfsburg seine Autostadt eröffnet, eine Art Ausstellungspark für die Erzeugnisse aus dem Hause Volkswagen. 850 Millionen Mark hat sich der Autokonzern die firmeneigene Stadt kosten lassen. Auch Unternehmen wie Ravensburger und Lego werben in ihren Spieleparks für die eigenen Produkte.

Ähnlich wie Warner Bros. Movie World, wo Zeichentrickhelden wie Bugs Bunny thematisch durch den Park führen, will nun das Zweite Deutsche Fernsehen (ZDF) 2003 einen Medienpark als Freizeitangebot für die ganze Familie eröffnen. Dort kann Papa dann auf die Torwand des Sportstudios schießen, Mama auf dem Deck des Traumschiffs Kaffee trinken, während die lieben Kleider durch die Villa Kunterbunt von Pippi Langstrumf tollen. Den privaten Parkbetreibern ist der Medienpark ein Dorn im Auge. Sie fürchten um ihre Kundschaft. Einige Unternehmer sahen in dem ZDF-Projekt sogar einen Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht und zogen vor Gericht. Doch das Landgericht Mainz wies die Klage ab.

Wettbewerbsverzerrend sind nach Auffassung des VDFU auch die unterschiedlichen Mehrwertsteuersätze, die die Parkbetreiber in Europa zu entrichten haben. "Mit 16 Prozent zahlen die deutschen Betreiber im europäischen Vergleich den höchsten Mehrwertsteuersatz", sagt Bornträger. Die Franzosen hätten ihren Satz sogar auf 5,5 Prozent gesenkt, um so als Standort für den Euro-Disney-Park attraktiv zu werden. Dass die EZ-Kommission die Besteuerung von Eintrittspreisen mit einem reduzierten Mehrwertsteuersatz toleriert, kann Bornträger nicht verstehen. Eine niedrigere Besteuerung in den Nachbarländern ermögliche dort auch niedrigere Eintrittspreise. Da könnten die deutschen Freizeitaprks im europäischen Wettbewerb nicht mehr mithalten.

Bei der Sicherheit haben die deutschen Abenteuerparks weltweit den höchsten Standard. "In den USA wird eine Achterbahn erst in Betrieb genommen, wenn sie mit dem deutschen TÜV-Siegel versehen ist", sagt Bornträger. Doch auch noch so hohe Sicherheitsstandards können Unfälle wie zuletzt das Feuer in der Achterbahn im Phantasialand nicht verhindern. Die Besucher scheint das jedoch nicht zu schrecken: Der Andrang in dem Brühler Freizeitpark, der seit 17. Mai wieder geöffnet ist, ist so groß wie und je.

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