Wirtschaft : Freizeitparks: Und Action: Im Filmpark Babelsberg den bewegten Bildern auf der Spur

Jacqueline Dreyhaupt

"Herzlich willkommen im Herzen Mittelamerikas. Herzlich willkommen live beim Dreh unseres neuen Action-Streifens. Licht, Ton, Kamera, Klappe uuund: Äktschioooon." Die Jagd nach dem goldenen Schatz der Mayas beginnt. Reifen quietschen. Ein rosa Jeep rast durch das alte Bergwerk. Dicht dahinter ein verrosteter Kleinbus. Zwei Männer wälzen sich auf dem verdreckten Blech, das an der Stoßstange hängt. Es knallt. Schnitt. Glas zerbricht. Aus einem Fenster lodern Flammen. "Achtung, von hinten kommt einer", ruft eine Zuschauerin. Blitzschnell dreht sich die blonde Action-Heldin in der Arena um. Ein Tritt vor den Brustkorb und der Angreifer stürzt über das Geländer. Es kracht. Schnitt. Zwei Männer mit brennenden Anzügen rennen wild um sich schlagend auf ein Wasserloch zu. Das Wasserloch ist ihre Rettung. Schnitt. Am Ende siegt der Mann im schwarzen Ledermantel. Er hebt den goldenen Teller vom staubigen Boden auf. Ohne eine Miene zu verziehen streckt er die Trophäe den Zuschauern entgegen. Ende. Applaus.

Die Stuntshow im nachgebauten Vulkankrater ist eine der Hauptattraktionen im Filmpark Babelsberg. Mehr als vier Millionen Menschen haben den Park seit seiner Eröffnung 1993 besucht - ein wichtiger Tourismusfaktor im Raum Potsdam. Vom Showscan-Actionkino über den Tauchgang in "Boomer" dem U-Boot bis hin zur Filmtierschule - hier öffnet sich die ganze Welt von Film und Fernsehen à la Babelsberg. "In diesem Jahr erwarten wir rund 600 000 Besucher", sagt René van der Putten, Geschäftsführer der Babelsberg Studiotour GmbH. 26 Millionen Mark wurden im Jahr 2000 umgesetzt. Allein zwei Drittel des Umsatzes stammten aus dem Betrieb des Filmparks, ein Drittel aus den Geschäftsfeldern Catering und Special Events. 130 fest angestellte Mitarbeiter und rund 200 Aushilfskräfte arbeiten in diesem Jahr von März bis November im Park.

Liselotte Poppe ist schon seit 1994 dabei. "In Babelsberg bin ich aber bereits seit 1968", sagt sie. Strahlend erzählt sie von den über 30 Jahren als Ton-Assistentin bei der Defa. Heute wird sie die 10. Klasse der Realschule aus Bückeburg im Weserbergland und andere Besucher beim Blick hinter die Kulissen der Medienstadt Babelsberg begleiten. Der Shuttle-Bus fährt wackelnd durch die Lilian-Harvey-Straße, vorbei am Billy-Wilder-Platz. Im Gebäude links wird die RTL-Serie "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" produziert. Die Mädchen und Jungen drängeln sich an den Fenstern. "Manchmal werden die Studiotüren geöffnet und man kann einen Blick hineinwerfen", sagt Liselotte Poppe. Heute bleiben die schweren blauen Stahltüren geschlossen. Der Bus fährt weiter vorbei am ORB-Sendestudio und der Marlene-Dietrich-Halle. Alle Dienstleistungen rund um den Film vom Ton- und Synchronstudio, über Stuckateure bis zum Kunstmaler sind in der Medienstadt unter einem Dach. "130 Firmen mit insgesamt 3000 Mitarbeitern sind mittlerweile in der Medienstadt ansässig", sagt Liselotte Poppe. Ins Schwärmen gerät sie, wenn sie von den alten Klassikern wie dem "Blauen Engel" oder der "Feuerzangenbowle" spricht. Zwei der mehr als 3000 Kino- und Fernsehfilme, die seit 1911 in Babelsberg gedreht wurden, in Europas größten und ältesten Filmstudios - verrät der Prospekt. Und selbst die Schulklasse im hinteren Teil des Busses ist für einen Moment ganz still.

"Die Mauern sind ja gar nicht aus Stein", ruft ein Schüler mit blauer Windjacke. In der Straße mit den hohen, grauen Patrizierhäusern drehte noch bis vergangene Woche Roman Polanski seinen neuen Streifen "Der Pianist". Kinostart in Deutschland ist voraussichtlich im Winter 2002. "90 Jahre Filmgeschichte und alles, was mit dem Medium Film zusammenhängt, kann man bei uns erleben", sagt René van der Putten. Aber das allein reicht nicht. "Die Leute wollen jede Saison etwas Neues sehen. Deshalb kommen sie aus Leipzig, Erfurt oder von noch weiter hergefahren", sagt van der Putten. Zu den "Höhepunkten 2001" gehören die neue Mantel- und Degen-Show sowie die Demonstration von Filmeffekten.

Es blitzt und donnert. Regen prasselt auf die Dachziegel des kleinen Farmerhauses. Dana spannt ihren roten Schirm auf, als sie von der Veranda in den Garten tritt. Ein Knopfdruck und wenige Sekunden später scheint wieder die Sonne und Vögel zwitschern. Nur Gerüche werden nicht simuliert, die braucht man beim Film ja auch noch nicht. Weiter geht es im Filmpark-Fundus zum nächsten Spezialeffekt: einem Ritt auf Münchhausens Kanonenkugel. Denis setzt sich auf die schwarze Kugel. Und während er in Wahrheit vor einer blauen Leinwand mit den Beinen baumelt, sieht man ihn auf dem Monitor wie Hans Albers in "Münchhausen" durch die Lüfte fliegen. Die Illusion ist perfekt dank des Bluescreen-Verfahren. "Wir haben die Führung jetzt schon zum zweiten Mal gemacht", berichten Kristin, Stefanie, Maria und Dana aus der 9. Klasse der Diesterweg-Mittelschule im sächsischen Lichtenstein. "Aber das Actionkino ist am coolsten." Dort ist allerdings die Schlange auch besonders lang. Ein paar Wartende geben es auf - weiter zur nächsten Attraktion. Vielleicht noch ein bisschen Gruseln, bevor es wieder nach Hause geht? Ein verlassener Friedhof, leise säuselnde Stimmen und eine bleiche Gestalt, die plötzlich auftaucht - zwei Mädchen ergreifen die Flucht. Die "Welt des Horrors" ist nicht jedermanns Sache. Aber van der Putten ist überzeugt: "Der Park hat für alle Filmbegeisterten etwas zu bieten."

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