Wirtschaft : Fremde Länder, neue Perspektiven

Lernreisen für Manager sind ein Trend. Die Sendergruppe „Pro Sieben Sat 1“ schickte ihr Team in Südkorea auf Entdeckungstour. Es kam mit einigen Produkt- und Vermarktungsideen zurück.

Andere Sitten.
Andere Sitten.Foto: picture-alliance/ dpa

Das bewegte Bild ist in Südkorea überall präsent. Es sind aber nicht die großen Fernsehbildschirme, sondern die Handy-Displays, die Millionen von Menschen in der U-Bahn, auf öffentlichen Plätzen und selbst im Grünen faszinieren. Denn in Südkorea ist das Handy-TV - das in Deutschland bislang scheiterte – seit Jahren ein Erfolgsmodell.

„Die Handys haben noch eine richtige Antenne und alle starren auf die Bildschirme. Das ist schon gewöhnungsbedürftig“, sagt Arnd Benninghoff, Geschäftsführer von „Pro Sieben Sat 1“-Digital. Der Manager reiste mit 23 weiteren Kollegen von Unterföhring, dem tristen Medienvorort von München, in das quicklebendige Seoul, der Hauptstadt Südkoreas. Eine Reise in das gelobte TV-Land. Denn die boomende Wirtschaftsnation ist in Bilder geradezu vernarrt.

Die Führungskräfte – verschiedener Hierarchien, unterschiedlicher Ausbildung, jung und alt – gingen auf eine so genannte Learningexpedition, eine Lernreise. Eine Woche tourten die deutschen Manager durch Südkorea und Hongkong, besuchten Firmen wie die Smart-TV-Abteilung des Elektronikkonzerns Samsung und tauchten tief in die Landeskultur ein, etwa indem sie bei ganz normalen Familien zu Abend aßen oder mit Experten über das Nutzerverhalten in einer digitalen Gesellschaft debattierten. „Das war wie ein kreatives Bad“, sagte Berit Sochor, Entwicklungschefin beim TV-Produzenten Red Seven nach der Rückkehr.

Solche Expeditionen sind in der Managerweiterbildung schon lange ein Trend – wer asiatische Kunden verstehen will, muss vor Ort mit ihnen sprechen, ihre Gewohnheiten beobachten. Doch immer mehr Unternehmen schicken Mitarbeiter auf die Reise, damit sie mit neuen Ideen und neuen Produkten zurückkommen. Die Theorie dahinter: „Durch Emotionen lernen wir besser“, sagt Clark Callahan, der an der US-Wirtschaftshochschule Tuck am Dartmouth College die Weiterbildung leitet und dessen Team solche Reisen für Unternehmen organisiert.

Es geht darum, mit Managern anderer Unternehmen oder Branchen in Kontakt zu kommen, die andere Kultur kennenzulernen und innovative Produkte selbst zu erleben. Auch bei Pro Sieben Sat 1 war der Zweck der Reise klar definiert. „Wir wollen die Innovationsfähigkeit im Konzern stärken“, sagt Personalchefin Heidi Stopper, die diese Lernreise initiiert hat. „Wir haben gezielt Marktführer angeschaut, aber auch den Alltag erkundet“, sagt die Managerin.

„Innovation ist im Moment das entscheidende Thema für alle Vorstandschefs“, sagt Callahan von der Tuck-Wirtschaftshochschule. Und genau dafür eigneten sich die Reisen gut. Auch Pro Sieben Sat 1 braucht dringend neue Ideen. Denn die Mehrheitsgesellschafter des Unterföhringer Fernsehkonzerns, die Finanzinvestoren KKR und Permira, wollen aussteigen. Um einen guten Preis für die größte deutsche Sendergruppe zu erhalten, müssen sie im Markt Fantasie wecken. Das geht am besten über eine digitale Wachstumsstrategie außerhalb des angestammten Fernsehgeschäfts.

Mit den Lernreisen stellen Unternehmen zudem bisherige Regeln auf den Kopf. „Umgekehrte Innovation“, nennt Tuck-Direktor Callahan das. Bisher haben die westlichen Firmen auf ihren Heimatmärkten Produkte entwickelt und sie dann an die Bedürfnisse der Menschen in Schwellenländern angepasst. „Heute sind die Schwellenländer selbst Innovationsquelle“, sagt Callahan. Das kann Stopper von Pro Sieben Sat 1 nur bestätigen. „Die Expedition nach Südkorea und Hongkong hat uns zehn konkrete Ideen gebracht, die wir auf ihre Praxistauglichkeit prüfen. Und wir haben uns mit einem koreanischen Unternehmen getroffen, mit dem wir kooperieren werden.“

„Das Schwierigste an der Lernreise ist die Frage, wie man den Austausch organisiert“, sagt Loïc Sadoulet, Professor an der französischen Elitehochschule Insead, der für den französischen Medienkonzern Vivendi schon Lernreisen nach Asien und in die USA organisiert hat. Eine formale Präsentation in einer Firma bringe nicht viel. Ein Treffen, bei dem auf jeder Seite 20 Unternehmensvertreter sitzen, auch nicht. Es gehe vielmehr darum, dass sich eine kleine Gruppe im persönlichen Gespräch austauschen kann.

Manchmal, sagt auch Sadoulet, reiche es schon, vor Ort zu sein, um etwas Neues für das eigene Unternehmen zu finden. Beim Team von Pro Sieben Sat 1 in Seoul war es genau so. Eine Idee, die jetzt umgesetzt wird, entstand in der U-Bahn. Es geht um zwei Fernsehformatideen, die Pro Sieben Sat 1 über seine Vertriebstochter Seven One International im asiatischen Markt verkaufen will – ein Novum für den Konzern. Eine Managerin hat die Idee noch direkt in Südkorea – mit einem einheimischen Hochschullehrer diskutiert. Um was genau es sich handelt, wird nicht verraten – Betriebsgeheimnis.

Lernreisen sind vor allem in der High- Tech-Industrie und im sozialen Bereich beliebt. „In der Medienbranche gehören wir damit zu den Pionieren“, sagt Stopper, die seit zwei Jahren das Personalwesen des MDax-Unternehmens leitet. Für Pro Sieben Sat 1 war die Reise eine Premiere. Doch dabei soll es nicht bleiben. Schon 2012 ist die nächste „Expedition“ geplant, die die Führungskräfte des Konzerns auch nach Südkorea führen wird.

Das große Interesse der Konzernführung an den Asientrips mit einem konkreten Bezug zur Wachstumsstrategie des Fernsehkonzerns liegt auf der Hand. Die jeweils zwei Dutzend Mitarbeiter, die dorthin fliegen, sollen als Multiplikatoren für Innovationen in den eigenen Reihen sorgen. „Wir wollen keine Kopien, sondern neue Ideen generieren“, sagt Stopper. „Reflexion ist dabei sehr wichtig, um feststellen zu können, welche Idee einen wirklichen Nutzen für das Unternehmen bringt.“ HB

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