Wirtschaft : Fressen, bevor man gefressen wird

ANDREAS HOFFMANN

Unternehmen im Kaufrausch / Die Globalisierung als AllzweckbegründungVON ANDREAS HOFFMANN

Heute ist ­ vielleicht ­ wieder Fusion-Day.Wie in den vergangenen Wochen, als der Pharmariese Hoffmann La Roche bei Boehringer Mannheim zugriff oder Vereinsbank und Hypobank ihre Hochzeit verkündeten.Oder wie letzten Montag als der Versicherer Winterthur ankündigte, unter das Dach der Credit Suisse zu schlüpfen.Immer wieder montags grassiert das Übernahmefieber besonders heftig, dank der internationalen Veröffentlichungspflichten an den Börsen.Immer höher schwappt die Fusionswelle.In den USA entsteht durch das Zusammengehen der beiden Konzerne Bell Atlantik und Nynex der zweitgrößte Telefonkonzern jenseits des großen Teichs.Hierzulande will der Rückversicherer Münchner Rück aus der DKV, Victoria und Hamburg-Mannheimer den zweitgrößten Erstversicherer namens "Ergo" nach der Allianz schmieden.Die Veba sicherte sich ein dickes Paket bei der Degussa, und ihre Tochter PreussenElektra stieg bei dem Energieversorger HEW ein, Hoechst holte sich das französische Pharmaunternehmen Roussel Uclaf, NordLb und Bankgesellschaft Berlin überlegen den Zusammenschluß.Nächste Woche beraten die Aktionäre der Energieversorger Badenwerk und EVS über eine Fusion, eine Woche später Linotype-Hell und Heidelberger Druck. Der Kaufrausch wird fast immer gleich begründet.Die Globalisierung der Märkte, der nahende Euro, die Konzentration auf das Kerngeschäft ­ das alles zwingt zum Handeln.In größeren Märkten können nur größere Konzerne überleben, oder sie gehen unter.Fressen bevor man gefressen wird, lautet das Motto.Die internationalen Finanzmärkte geben den Takt an; sie zwingen die Konzernherren profitabler zu wirtschaften, sonst suchen sich die Milliardengelder andere Anlage-Möglichkeiten.Hört sich irgendwie nicht gut an.Vor allem wenn die Arbeitnehmer unter den Fusionen leiden, weil ihre Jobs plötzlich überflüssig sind.Oder wenn wie im Falle Krupp-Thyssen der Kleinere den Größeren übernehmen will, um ihn auszuschlachten.Von "Casino-Kapitalismus" oder "Wildwest-Manieren" ist da gern die Rede.Auch viele Mittelständler hierzulande schlafen schlecht. Nur, bei allen negativen Folgen ­ Fusionen sind nicht grundsätzlich schlecht.In diesen Tagen bestaunen wir Deutschen das Jobwunder jenseits des Teichs.Der Umbau der US-Wirtschaft läßt sich aber teilweise mit den verrufenen "Raiders" erklären.Diese Spekulanten kauften in den 80er Jahren Firmen, um sie aufzuteilen und meistbietend zu verkaufen.Namen wie Ivan Boesky, T.Boone Pickens oder Sir James Goldsmith geisterten durch die Alpträume vieler US-Manager.Doch wirkten diese Raider auch positiv, weil sie manch lahmgewordenen Konzern aufschreckten.Aus Angst um ihre Posten, besannen sich die Manager aufs Unternehmertum und achteten auf angemessene Erträge.Der Shareholder-Value wurde entdeckt, und manch kriselnde Firma wieder flottgemacht. Das Fusionsfieber könnte sogar die Macht der Banken verringern.Viele Geldhäuser hierzulande haben in den letzten Jahren ihre Investment-Abteilungen kräftig ausgebaut, denn die Beratung bei Firmenübernahmen verspricht mehr Gewinn, als simple Kredite auszuleihen.Nur um die lukrativen Beratungsaufträge zu bekommen, dürfen die Kreditinstitute nicht gleichzeitig an den Firmen beteiligt sein ­ sonst geraten sie in Interessenskonflikte, wie der Fall Krupp/Thyssen zeigt.So werden sie ihre Firmenanteile verringern müssen, um im Investment-Geschäft zu bleiben.Schließlich wird das Fusionsfieber wieder abklingen.Dann, wenn die Unternehmen merken, daß Größe allein keinen Erfolg garantiert.Die US-Beratungsfirma Mercer Management Consulting untersuchte über 300 Zusammenschlüsse der vergangenen zehn Jahre.Das Ergebnis war vernichtend: Die Hälfte der Fälle entwickelte sich zu Flops und vernichtete nur Aktionärsvermögen.Daimler-Benz hat die Erfahrung mit AEG und Fokker schon gemacht.

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