Wirtschaft : Freunde fürs Leben

Unternehmen schaffen zunehmend Stellen für Netzexperten. Die Social Media Manager sollen sich um die Kundschaft im Web 2.0 kümmern

Julian Mieth

Berlin - Erst mediale Revolution, jetzt Jobmaschine: Nicht wenigen gilt das Web 2.0 – das interaktive Internet – als Heilsbringer. Neben neuen Kommunikationsformen sorgen die sozialen Netzwerke nun auch für neue Stellen in vielen deutschen Unternehmen. Einer Studie des Hightechverbands Bitkom zufolge hat bereits jede zehnte Firma einen Experten für Facebook, Twitter oder Youtube. „Das Social Web wird für Unternehmen als Kommunikationskanal immer wichtiger“, erläutert BitkomPräsident Dieter Kempf, „die Firmen reagieren darauf, indem sie neue Stellen für die Internetkommunikation schaffen.“ Social Media Manager heißen die Spezialisten, die sich vor allem um den Auftritt ihrer Firmen im Web 2.0 kümmern.

Derzeit gebe es bereits etwa 90 000 solcher Stellen, sagt Maurice Shahd, Bitkom-Experte für Wirtschaftspolitik. In zwei Jahren sollen es seiner Einschätzung nach doppelt so viele sein. Besonders Großunternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Jahresumsatz leisteten sich die Netzwerker: 28 Prozent haben schon solche Mitarbeiter, 20 Prozent planen diese Stellen in Kürze. So arbeiten etwa bei der Deutschen Telekom mehr als 20 Menschen in der Sparte.

Zwar wollen die Firmen ihren Zielgruppen mit Facebook, Twitter und Co. näherkommen oder ihr Image aufpolieren, aber nicht immer gelingt der Aufritt. Oft gehen Nachrichten auf den Draht, die die wenigsten wirklich interessieren dürften. Die Gothaer Versicherung twittert etwa regelmäßig: „Freut euch auf ein tolles Wochenende. Was habt ihr vor?“ Daimler Benz meldet: „Werk Rastatt eröffnet Kinderkrippe ,sternchen’“.

Anders sieht es beim Facebook-Auftritt von Mercedes Benz aus. Hier postet das Unternehmen regelmäßig Produktneuigkeiten, startet Umfragen oder erzählt kurze Geschichten aus der Autowelt. Der englischsprachigen Fanseite folgen rund vier Millionen Menschen.

Die Kontaktfreude der User überrascht manches Unternehmen. Die Deutsche Bahn musste sich auf ihrer Facebook-Seite, die ein Angebot bewarb, mit unzähligen Kundenanfragen auseinandersetzen: „Auch wenn selbst Facebook keinen Zug schneller fahren lässt, so haben wir Wünsche wie zum Beispiel den nach alternativen Zahlungsmöglichkeiten deutlich wahrgenommen“, heißt es dort.

Marketingexperten haben längst das Potenzial im Web 2.0 erkannt. Facebook ist das weltgrößte Soziale Netzwerk mit rund 800 Millionen Mitgliedern, davon 20 Millionen in Deutschland. Beim Kurznachrichtendienst Twitter sind mehr als 100 Millionen aktive User angemeldet. Bei Youtube werden täglich mehr als drei Milliarden Videos aufgerufen.

„Wer es klug angeht, gewinnt über die Kanäle Freunde fürs Leben,“ sagte Joachim Schütz, Chef des deutschen Werbeverbands OWM. Unternehmen könnten so neue Zielgruppen erreichen. Neben Transparenz trage inhaltliche Qualität wesentlich zur Bindung an eine Marke bei. „Die Firmen müssen ihre Kunden ernst nehmen und Kommunikation zulassen. Es bringt nichts, wenn nur einseitig Botschaften gesendet werden.“ So müssten Firmen gezielt auf Wünsche und Anregungen der User eingehen, um sie nicht zu verlieren. „Das ist viel Arbeit, bietet aber die Chance, seine Kunden zu verstehen und Trends frühzeitig aufzugreifen. Das alles ermöglicht letztlich Wachstum.“

Eine Studie des Bundesverbandes Digitale Wirtschaft (BVDW) zeigt, dass rund 85 Prozent der befragten Unternehmen Social Media in den nächsten zwölf Monaten eine sehr hohe Bedeutung zusprechen. Rund drei Viertel wollen dafür höhere Budgets aufbringen.

Auch die Hochschulen reagieren mit Schwerpunktstudiengängen und berufsbegleitenden Weiterbildungen. Die Duale Hochschule Baden-Württemberg bietet etwa seit kurzem den Studiengang „Digitale Medien mit Schwerpunkt Medienmanagement und Kommunikation“ an.

Indes müssen Betreiber von Facebook-Seiten auch mit Schwierigkeiten rechnen. Schleswig-Holsteins Landesdatenschützer Thilo Weichert ist für ein Verbot der Firmenengagements bei dem Netzwerk. Weichert argumentiert, dass bei der Nutzung automatisch Verkehrsdaten in die USA weitergeleitet würden – auch wenn Nutzer kein Facebook-Mitglied sind. Bei einer Abmahnung drohen darum Bußgelder von bis zu 50 000 Euro.

Julian Mieth

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