Wirtschaft : Frieda Rossdeutscher

Geb. 1925

Gregor Eisenhauer

Wenn eine Petze ankam, winkte sie gleich ab: „Davon glaub’ ich kein Wort!“ Schnell und ausdauernd schwimmen kann jeder Fisch. Bälle jongliert jeder Seehund. Menschen geben einander dafür Medaillen. Aber vierzig Erstklässler im Griff zu halten, drei Jahre lang als Klassenlehrerin, und dann die nächsten vierzig, und das vierzig Jahre lang, das ist dem Staat am Ende gerade einmal eine Urkunde wert.

Dabei weiß man doch, wie schwer es Lehrer haben zu imponieren. Da gibt es die Schwätzer und die Cholerischen, die Überstrengen und die schlecht Angezogenen, am schlimmsten: die ewig Jugendlichen, denen das „Du“ zu schnell über die Lippen kommt, weil sie sich einen leichten Job machen wollen.

Das war bei Frieda Rossdeutscher anders. Natürlich war sie auch einmal jung gewesen. In Ostpreußen, als Mädchen auf dem Lande, und das war schwer genug. Sie war das einzige Mädchen im Dorf, das die Oberschule besuchen durfte. Die Schule war 25 Kilometer entfernt, und sie hat schnell begriffen, welche Mühen einem Bildung wert sein kann.

Der Vater fiel im Krieg, die Mutter verschlug es nach Hamburg, Frieda kam bei Verwandten in Berlin unter, genauer in Lichtenrade, also wieder im Dorf.

Sie begann als Schulhelferin, aber der Rektor förderte sie, auch ohne Examen, und so arbeitete sie bald als Grundschullehrerin. Als dann die Chance da war, in den Siebzigern, machte sie das zweite Staatsexamen nach, da ließ der Ehrgeiz ihr keine Ruhe.

Frieda Rossdeutscher war keine altkluge Jungfer, wie das in den fünfziger Jahren nicht so selten von Lehrerinnen erwartet wurde. „Sie haben einen so schönen Beruf und sind versorgt. Sie müssen nicht anderen den Mann wegheiraten.“ Sie hat geheiratet und den Beruf nicht aufgegeben, sie hat zwei Kinder in die Welt gesetzt, sie hat mehr verdient als ihr Mann.

Das Geld war nötig, für das Haus, den Garten mit den exotischen Pflanzen und für gute Kleider. Nichts Extravagantes, aber ordentliche Materialien. Man tritt nicht schlampig vor die Klasse. Da hatte sie klare Prinzipien. In allen anderen Erziehungsfragen auch. Wenn eine Petze ankam, winkte sie gleich ab: „Davon glaub’ ich kein Wort!“

Sie konnte sich da ganz und gar auf ihre Einfühlungsgabe verlassen. Wenn sie eine Kinderzeichnung sah, wusste sie sofort um die besonderen Talente des Kindes, selbst das Lieblingsspielzeug konnte sie herauslesen. Sie wusste, wann ein Kind lügt und wann nicht. Wann Strenge notwendig war und wann Nachsicht. Deswegen hat sie auch ungern aufgegeben, wenn einer ihrer Schüler mit dem Pensum nicht klar kam und auf die Hilfsschule wechseln musste. Das war eine persönliche Niederlage.

Für manche Erzieher sind Kinder nur die Staffelträger des eigenen Ehrgeizes, für sie waren Kinder einfach Wohlbefinden. Das Anstrengendste sind ja ohnehin nie die Kinder, sondern die Eltern. Die alles besser wissen, weil sie nur das Beste wollen für ihr Wohlstandseinzelwunderkind, wenn nötig auf Kosten der anderen. „Wissen Sie, mein Kind kann ja praktisch schon lesen, rechnen und Englisch fast auch schon…“

Patchwork: verschiedene Stoffflicken harmonisch so zusammensetzen, dass sich ein Muster ergibt. Das war ihr Konzept von Pädagogik – und ihr Hobby im Alter. In harter künstlerischer Konkurrenz zu ihrem Mann, der sich in Aquarell versuchte und eigens noch einmal die Hochschule besuchte. Was sie nicht ungern sah, denn: Das Lernen hat nie ein Ende.

Frieda Rossdeutscher hat ihren Schülern Lesen, Schreiben und Rechnen beigebracht. Das können andere auch. Aber sie hat sie darüber hinaus den Unterschied zwischen Recht und Unrecht gelehrt. Und keiner hat in ihrer Gegenwart gewagt, über etwas so Altmodisches zu grinsen.

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