Wirtschaft : Friederike Schaumann

Geb. 1974

Marc Neller

Ihre Freunde traf sie nicht in Clubs, sondern im Labor oder in der Natur. Ihre Eltern hätten sich einen herkömmlicheren Beruf für Friederike gewünscht. Sie war keine Rebellin, aber was den Beruf anging, da war mit ihr nicht zu diskutieren. Sie wurde Biologin.

Kurz vor ihrem Tod war sie eine hoffnungsvolle Nachwuchswissenschaftlerin, die Forschungsaufsätze über die Anpassungsstrategien von Moosgesellschaften schrieb, vor allem über jene auf der Südhalbkugel der Erde. Von dort brachte sie Moose mit. Moose mit erhabenen Namen wie Pallaviciaceae, die in ihre private Sammlung eingingen: über tausend verschiedenen Stücke sind es geworden, abgepackt in kleine Tüten. Etikettiert mit Fundort, Datum des Fundes, Gattung und Art.

Biologen sind andere auch. Was Friederike von den Kommilitonen und vielen älteren Kollegen unterschied, war die Genauigkeit ihres Blicks. Vielleicht muss man sagen, dass das ihr eigentlicher Beruf war: exakt zu beobachten. Genauer als andere. Länger, eindringlicher. Mit den Erdmoosgesellschaften etwa, auch denen in den chilenischen Bergen, ist es nämlich so, dass man oft sehr tief in ihr Inneres blicken muss, um Unterschiede zwischen den Gattungen und Arten zu erkennen – etwa beim Sequenzieren im Labor. Das war Friederikes Stärke. Irgendwie hat sie es immer geschafft, noch den ältesten Moosproben verwertbare Spuren des Erbgutes zu entlocken.

Mit dem Hattori-Journal, einem angesehenen Biologen-Fachblatt, das einen ihrer Texte über die Lebermoosgattung Jensenia veröffentlicht hatte, hätte sie in einem angesagten Club niemanden beeindruckt. Aber sie traf ihre Freunde nicht in Clubs, sondern im Labor oder in der Natur. Und ihr Professor wertete ihre Veröffentlichungen in renommierten Fachorganen als Auszeichnung, die nur sehr wenigen Wissenschaftlern wiederfährt, deren Karriere noch gar nicht recht angefangen hat. Darauf kam es an.

Penibel, akribisch sei Friederike gewesen, sagen die Eltern. Sie wirkte immer etwas kühl, eher beobachtend als teilnehmend. „Zum Sehen geboren, zum Schauen bestellt“, zitiert ihr Vater stolz Goethe. Woher es kam, dass Friederike Schaumann so genau beobachtete, das kann so recht niemand erklären. Ihr Professor sagt, diese Gabe sei der Grund, warum ihre Arbeiten „bleiben“ würden.

Einen bleibenden Eindruck hatte schon ihre Diplomarbeit hinterlassen. Darin schrieb sie über die „Samenverbreitung durch Endozoochorie“. Volkstümlicher würde man sagen, sie hat untersucht, inwiefern Marder- und Damhirschkot dazu beitragen, dass gewisse Pflanzenarten sich verbreiten. Die Tiere fressen, der Pflanzensamen gelangt in den Verdauungstrakt, wird ausgeschieden und bleibt – unter Fortpflanzungsgesichtspunkten – zum Teil noch brauchbar.

Friederike spazierte sowieso gern durch die Wälder Brandenburgs. Da bot es sich an, gleich für die Arbeit nach Marder- und Damhirschexkrementen Ausschau zu halten. Sie puhlte dann tagelang die Samen heraus, säte diese aus und behütete die Keimlinge, bis sie die jungen Pflanzen bestimmen und nachvollziehen konnte, wie weit sich diese Pflanzen auf diese Weise verbreiten.

Ein Tag, 24 Stunden – zu wenig für eine wie sie. Die Dissertation musste schnell fertig werden, da eine Assistentenstellen an der Universität gerade frei wurde. Einerseits. Andererseits hatte sie ihre Ansprüche. Es reichte ihr nicht, gut zu sein.

Erst als ihre Krankheit längst ausgebrochen war, gestand Friederike ein, dass sie ständig unter Druck gestanden hatte. Sie fragte sich, ob sie deshalb hin und wieder zu essen vergessen hatte. Die Mutter sagt: „Ihr Talent, auf sich und ihre Gesundheit aufzupassen, war leider nicht so ausgeprägt wie ihr wissenschaftliches Talent.“ Es war Ende 2003, Friederike hatte gerade promoviert, da bekam sie erst die ersehnte Assistentenstelle, und wenig später kamen die Kopfschmerzen und diese unerklärliche Müdigkeit.

Der Gehirntumor wurde operiert, aber die Heilung verlief nicht, wie sie sollte. Friederike fühlte sich von den Ärzten im Stich gelassen. Jeder sagte etwas anderes, keiner schien ihren Kampf gegen die Krankheit wirklich begleiten zu wollen. So begann sie, wieder in ihrer Arbeit zu leben. Es bleibt nicht viel Zeit, dachte sie. Nicht für ein Leben, nicht für die Arbeit.

Die Zeit reichte noch, auf einem Symposium einen ersten Vortrag vor internationalem Fachpublikum zu halten. Wenige Wochen später brach sie zusammen.

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