Wirtschaft : Friedrich von Metzler im Interview: "Eine Investmentbank eignet sich nicht für die Börse"

Die Großbanken fusionieren weiter. Wann[Her]

Friedrich von Metzler (57) ist persönlich haftender Gesellschafter der Frankfurter Privatbank B. Metzler seel. Sohn & Co. KgaA, Frankfurt. Er leitet in der elften Generation die älteste deutschen Privatbank, in die er nach Lehrjahren unter anderem bei J. Henry Schroder in London und bei der Deutschen Bank in Düsseldorf 1971 eintrat. Die Wurzeln der Bank liegen in Sachsen: Von dort stammt der Pfarrersohn Benjamin Metzler, der im Messezentrum Frankfurt 1674 eine Tuchhandlung eröffnete und bald auch Kredite verkaufte. Heute gilt Metzler als international renommierte und unabhängige Investment-Bank.

Die Großbanken fusionieren weiter. Wann, Herr von Metzler, ist es bei Ihnen so weit?

Machen Sie sich da mal keine Sorgen. Unser Bankhaus gibt es seit 325 Jahren. Und seit 325 Jahren ist die Bank im Besitz der Familie Metzler. Ich sehe keinen Grund, warum sich das ändern sollte.

Wir stellen uns vor, dass bei Ihnen ständig reiche Interessenten anklopfen, die Ihnen sehr viel Geld bieten.

Daran sind wir gewöhnt, seit den 70ger Jahren. In letzter Zeit ist es weniger geworden, weil es sich doch langsam herumgesprochen hat, daß wir unverkäuflich sind.

Wie läuft so ein Kaufversuch ab?

Ich kann Ihnen eine Anekdote aus den 80er Jahren erzählen. Da kam ein guter Bekannter einer großen ausländischen Bank zu einem Abendessen zu uns. Er war der Chef des Wertpapiergeschäfts, und wir kannten uns gut aus früheren Zeiten. Es war alles sehr nett und freundlich, ein schöner Abend. Und während des Essens tastete er sich vorsichtig vor, nach dem Motto: Sie möchten gerne in Deutschland investieren; wie es denn aussehe auf dem Markt der Privatbanken, ob da was zu haben sei. Bis es dann...

nach der Nachspeise...

konkreter wurde: Er wollte uns kaufen. Ob man da nicht was machen könne? Dann haben wir gefragt, er solle uns einen Grund geben, warum wir verkaufen sollten. Ein guter Grund fiel ihm auch nicht ein. Damit war das Gespräch zu Ende. Sie haben dann eine andere Bank gekauft. Nebenbei bemerkt: Hätten sie sich dabei von uns beraten lassen, wäre die Sache besser gelaufen.

Ein Argument für einen Verkauf gibt es auf jeden Fall: Geld. Die amerikanische Privatbank Wasserstein Perella wurde kürzlich von der Dresdner Bank für 1,5 Milliarden Dollar geschluckt. Die Bank hatte 500 Mitarbeiter, also war, salopp gesagt, einer etwa drei Millionen wert.

Wenn wir verkaufen würden, wäre ich enttäuscht, wenn es bei uns pro Kopf weniger wäre. Aber im Ernst: Wir bekommen viel Geld, wenn wir verkaufen - und was dann? Die Partner können sich keine reizvollere Aufgabe vorstellen, als eine fokussierte, erfolgreiche Bank wie die unsere zu führen.

Verkaufen die anderen also wegen der Höhe des Angebots?

Schauen Sie, viele Mitbewerber haben verkauft, weil sie nicht erfolgreich waren; sie hatten die falsche oder keine Strategie. Sie haben es oft gemerkt und sich gut verkauft. Wenn man die richtige Strategie hat, laufen die Geschäfte, bei uns besser denn je. Man spricht ja heute schon von einer Privatbank-Renaissance. Viele Privatbanken haben allerdings schon früher aufgegeben. Wer hatte schon auf das Investment-Banking gesetzt? Wir waren davon überzeugt, dass diese Entwicklung kommt. Aber wir brauchten Geduld. Die notwendige Entwicklung setzte später ein, als wir dachten.

Wann haben Sie sich für das Investment-Banking entschieden?

Die Grundsatzentscheidung fiel in den siebziger Jahren. Wir setzten darauf, daß die zunehmende Internationalisierung, also letztlich die Globalisierung, auch Deutschland erfaßt. Wir haben geglaubt, dass was in den USA und Großbritannien vorgelebt wird, auch zu uns kommt. Und wir wussten: Man darf keine Universalbank im Kleinen sein, dann ist man bestenfalls "Second Best". Man muß sich spezialisieren. So kamen wir zum Investment-Banking, das passt nämlich in manchen Teilen sogar besser zu einer Privatbank als zu einer Universalbank. Individuelle Kundenbetreuung in der Vermögensverwaltung, mit allem was dazu gehört, ist keine Frage der Größe. Man muß zwar groß genug sein, um genügend Analysten oder Portfolio-Manager weltweit bezahlen zu können, aber es kann sogar hinderlich sein, wenn man zu groß ist. Denn sie können sich irgendwann nicht mehr an den Märkten bewegen, sie können nicht mehr für alle Kunden dasselbe machen, von dem sie eigentlich überzeugt sind.

Das mag ja für Sie zutreffen. Aber auch erfolgreiche Privatbanken gehen in derzeit in Großbanken auf. Der traditionsreiche freieenglische Markt zum Beispiel ist längst abgegrast.

Wissen Sie, was das Wichtigste ist? Das Wichtigste ist die Unabhängigkeit. Wir hatten doch auch diese Diskussion im Haus: Sollen wir die Partner am Kapital beteiligen oder nur am Gewinn? Wir sind bei der Gewinnvariante geblieben, das ist ja auch das Interessante für die Partner. Natürlich wäre es ganz schön, wenn man Aktien kaufen könnte, und die man dann später mal verkaufen kann, wenn sie mehr wert wären. Aber dann haben Sie die Gefahr, dass man die enge Bindung der Aktionäre zum Unternehmen verliert. Es gibt die aufgrund des Älterwerdens natürliche Veränderung bei den Partnern. In diesem Fall müssen die Aktien woanders plaziert werden, und es ist kaufmännisch nicht weise, wenn man sie aus dem Cash-Flow wieder zurückkauft zu einem hohen Wert. Abgesehen davon ist das nicht gut für Stimmung: der, der verkauft, meint, er bekommt nicht genug, und die neuen Partner, die ihn herauskaufen müssen meinen, dass müssen sie viel zu teuer bezahlen.

Das Kapital Ihrer Bank bleibt also in der Familie.

Es gibt sechs Aktionäre, die die Bank besitzen, die alle zum engsten Kreis der Familie gehören.

Wer an die Börse geht, verliert seine Unabhängigkeit?

Wir beraten dauernd Firmen, die an die Börse gehen, da sind wir sehr dafür. Aber eine Investmentbank eignet sich nicht dafür. Wir müssen hier sehr diskret mit allem umgehen, was wir hier tun. Aber wenn Sie plötzlich anfangen müssen, hautnah die Öffentlichkeit zu informieren, bei unserem auf höchster Vertraulichkeit basierenden Geschäft, das ist nicht förderlich für das Image. Wir haben eine viel größere Unabhängigkeit, wenn wir nur den Aktionären hier in regelmäßigen Besprechungen sagen, wie sich die Gesellschaft entwickelt und wie die Risiken verteilt sind. Wenn wir mit zwanzig Prozent an der Börse wären, und es käme ein Übernahmeangebot von irgendwoher, dann könnten wir gar nicht so einfach ablehnen. Denn was sollten wir machen, wenn diese zwanzig Prozent Kleinaktionäre sagen, Moment, diese Prämie würden wir schon sehr gerne kassieren?

Es gibt also einen engen Zusammenhang zwischen Privatheit und Unabhängigkeit, beziehungsweise zwischen Öffentlichkeit und Abhängigkeit?

Ich bin sicher, dass das so ist.

Herr von Metzler, alle in Ihrer Familie sind Banker gewesen. Muss man einer werden?

Nein, mein Vater hat immer gesagt, das Schlimmste wäre, wenn ich etwas mache, was mir eigentlich nicht liegt. Aber ich muss sagen, schon in der Schule habe ich mich immer am meisten für das Kaufmännische interessiert. Und in der Zeitung habe ich schon ganz früh am liebsten den Wirtschaftsteil gelesen.

Sie haben zwei Neffe und drei Kinder ...

Ja, die Neffen studieren Betriebswirtschaft. Meine Kinder sind aber noch klein, die gehen noch zur Schule. Sie werden völlig frei in ihrer Berufswahl sein. Neulich gab mir mein Sohn ein bisschen Geld, das er vom Taschengeld gespart hatte, und er sagte, ich solle es in unseren Wachstumsfonds anlegen. Das betrachte ich als gutes Zeichen.

Wo soll man den sein Geld anlegen angesichts der Schwankungen an den Börsen?

Mann sollte sein Geld immer langfristig anlegen und sich auch von dem Auf und Ab der Börsen nicht irritieren lassen. Die Schwankungen gleichen sich - und das zeigt die langfristige Erfahrung - in der Regel schon nach kürzerer Zeit wieder aus und die Börsen setzen den Wachstumstrend fort. Wir sehen uns dabei immer die langfristigen Trends an und investieren überwiegend in die wachstumsstärksten Branchen.

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