Wirtschaft : Frisches Geld für Pro Sieben und Sat 1

Aktionäre kritisieren den neuen Aufsichtsrat – Das Unternehmen braucht 300 Millionen Euro

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München (nad). Nach der gescheiterten Übernahme durch USMilliardär Haim Saban will Deutschlands größte Fernsehgruppe Pro Sieben Sat 1 das Geschäft mit Hilfe der Gläubigerbanken weiterführen. „Wir begrüßen diesen Plan. Damit ist ein vorläufiger Schlussstrich unter den monatelangen Verkaufsprozess gesetzt", sagte Vorstandschef Urs Rohner am Montag auf der Hauptversammlung in München. Er sagte, der Alternativplan sei für einen Zeitraum von bis zu drei Jahren angelegt; es sei nicht beabsichtigt, in nächster Zeit weitere Verhandlungen zu führen. Der Verkaufsprozess habe dem Konzern geschadet und zu einer „partiellen Lähmung“ geführt.

Zu Kräften soll der Konzern nun mit Hilfe einer Kapitalerhöhung kommen, die Kirch-Media und die vier Gläubigerbanken DZ-Bank, Hypo-Vereinsbank, Commerzbank und Bayerische Landesbank mittragen. Rohner zufolge soll die Kapitalspritze ein Volumen von bis zu 300 Millionen Euro haben und möglichst noch in diesem Jahr, spätestens aber im ersten Quartal 2004 erfolgen. Die Banken würden dabei bis zu 150 Millionen Euro zahlen, sollten zu wenige freie Aktionäre ihr Bezugsrecht ausüben. In diesem Fall könne jede Bank rund drei Prozent der Anteile erhalten.

Rohner betonte, dass Pro Sieben Sat 1 kein Sanierungsfall sei, sondern dass die Kapitalerhöhung dazu diene, die Netto-Finanzschulden weiter zurückzuführen und die Manövrierfähigkeit des Konzerns im Wettbewerb zu erhöhen. Saban hatte mit dem Argument, Pro Sieben Sat 1 sei ein Sanierungsfall, das vorgeschriebene Pflichtangebot an die freien Aktionäre umgehen wollen. Im Zuge des Alternativplans haben sich Pro Sieben Sat 1, Kirch-Media und die Banken auch auf eine Neuordnung des Filmhandels geeinigt. Demnach garantiert die Fernsehgruppe für einen Zeitraum von zehn Jahren die Abnahme von 2000 Filmen aus der Kirch-Filmbibliothek. Neue Filme und Serien will die Sendergruppe künftig nicht mehr über Kirch-Media, sondern direkt bei den Filmstudios und Produzenten erwerben. Kirch-Media stellte klar, dass Kirch-Media entgegen Zeitungsberichten nicht aufgelöst werden soll. Es werde auch keine Zwischenholding geben. Es handele sich lediglich insofern um eine Liquidation, als das Unternehmen keine Neueinkäufe für die Filmbibliothek mehr vornehmen werde, sondern sich in Zukunft nur noch um die Verwertung der insgesamt 18 000 Filme kümmern werde, sagte Kirch-Media-Geschäftsführer Hans-Joachim Ziems. Die einst begehrte Filmbibliothek, die Saban zusammen mit Pro Sieben Sat 1 übernehmen wollte, soll nun in Paketen an Einzelinteressenten verkauft werden. „Das gibt uns die Perspektive, die Vermögenswerte für die Gläubiger langfristig zu erhöhen“, sagte Insolvenz-Verwalter Michael Jaffé. Saban hatte rund 1,2 Milliarden Euro für den Filmhandel bezahlen wollen.

Rohner machte auf der Hauptversammlung kein Hehl daraus, dass der Konzern eine „ernüchternde Geschäftsentwicklung" hinter sich hat. Die Sendergruppe leide stark unter der Krise am Werbemarkt. Außerdem habe es „unerwartete Leistungsschwächen" bei den Sendern gegeben. Nach dem Verlust von 33 Millionen Euro in den ersten drei Monaten rechnet Rohner jedoch für das zweite Quartal mit einem Gewinn. Auch für das Gesamtjahr versprach er schwarze Zahlen. Vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen solle ein Gewinn in dreistelliger Millionenhöhe erzielt werden.

Bei der Hauptversammlung standen auch Neuwahlen zum Aufsichtsrat an. Statt wie geplant Haim Saban und andere Medienvertreter ziehen nun Banker, Juristen und Sanierungsberater – darunter Insolvenzverwalter Michael Jaffé und Sanierer Wolfgang van Betteray – in das Kontrollgremium ein. Klaus Schneider von der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre bezweifelte, „dass von einem derartig besetzten Aufsichtsrat unternehmerische Impulse ausgehen können."

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