Wirtschaft : Front gegen längere Ladenöffnung bröckelt

BERLIN (chi).In die Ladenschlußdebatte kommt nun offenbar doch Bewegung.Der Präsident des Berliner Einzelhandelsverbandes (GdE), Bernd Rückert, der zugleich auch Vizepräsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) ist, sagte am Donnerstag in Berlin, daß sich der HDE nicht gegen eine Änderung des Gesetzes sperren werde.Der Berliner Verband fordert sogar eine völlige Freigabe der Ladenschlußzeiten.Ob es zu der entsprechenden Bundesratsinitiative des Senats kommt, ist aber offen.Der Senatsbeschluß steht noch aus."Es wird noch Diskussionen geben", hieß es in der Wirtschaftsverwaltung.

Der Druck des Berliner Handels kommt nicht von ungefähr.Anders als im Bundesgebiet und auch in Brandenburg, wo die Umsätze 1998 erstmals wieder um 0,5 beziehungsweise 0,2 Prozent leicht nach oben gingen, verbuchten die Berliner Einzelhändler ein Minus von drei Prozent, in einigen Branchen sogar von bis zu 20 Prozent.Die Zahl der Beschäftigten ging um 3100 auf 77 500 zurück.GdE-Präsident Rückert sprach am Donnerstag von einer "dramatischen Entwicklung".Dies sei bereits das siebte Jahr in Folge, daß der Berliner Einzelhandel Umsatzrückgänge verbuche.

Der Wettbewerb sei in Berlin besonders hart, sagte Rückert.Grund sei die Ausweitung der Verkaufsflächen.Aber auch das boomende Geschäft in Tankstellen und Bahnhofsläden sowie die zunehmende "Aushöhlung" der Ladenschlußregelung durch Ausnahmegenehmigungen lasse keine andere Wahl."Es muß gleiches Recht für alle geben", sagte GdE-Hauptgeschäftsführer Nils Busch-Petersen."Die beste Alternative zum bestehenden Gesetz ist die ersatzlose Abschaffung des Ladenschlusses."

Der GdE sieht dafür Chancen.Im Bundesrat gebe es eine starke Lobby, sagte Rückert.Neben Berlin würden auch Sachsen und Nordrhein-Westfalen für eine Änderung plädieren.Fraglich ist aber, ob es zu einer völligen Freigabe kommt.Ein breiter Konsens besteht laut Rückert nur für eine längere Sonnabend-Öffnung.

Auch auf Gewerkschaftsebene stellt man sich - zumindest in Berlin - auf eine Änderung ein.Der Leiter der Landesstelle Berlin-Brandenburg der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG), Hartmut Friedrich, sagte dem Tagesspiegel: "Es wird sicher eine Liberalisierung geben." Zunächst aber sollten die Ifo-Analysen der bisherigen Beschäftigungs- und Umsatzauswirkungen abgewartet werden.Nur auf dieser Basis könne eine Lösung gefunden werden, "die allen nutzt".Auch Busch-Petersen räumte ein, daß nach wie vor viele Händler in Berlin nicht mitmachten.Dennoch sieht er eine Trendwende: "Die Nutzung der Sonderöffnungszeiten nimmt deutlich zu."

Unterstützt fühlt sich der Einzelhandelsverband durch eine Umfrage, die die Forschungsstelle für den Handel (FfH) im Oktober 1997 und im November 1998 bei Berliner Haushalten durchführte.Demnach finden die längeren Öffnungszeiten bei den Kunden immer breitere Akzeptanz.62 Prozent der Befragten gingen regelmäßig oder gelegentlich später einkaufen, ein Jahr zuvor waren es 60 Prozent.Vorwiegend seien dies die jüngeren und die besserverdienenden Kunden, zunehmend aber auch andere Altergruppen."Die Basis wird breiter", sagte FfH-Geschäftsführer Rolf Spannagel.Gespalten ist jedoch die Meinung über Öffnungszeiten nach 20 Uhr.49 Prozent der Befragten halten sie für überflüssig, ein Viertel ist dafür, ein Viertel unentschieden.

Eine rasche Umsatzbelebung ist in Berlin - trotz Regierungsumzug - offenbar nicht in Sicht: Für 1999 prognostiziert der Verband ein weiteres Minus von 0,2 Prozent, "Hoffnung" sieht Verbandschef Rückert für das Jahr 2010.

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