Wirtschaft : Frostige Zeiten in Siemensstadt

In der Siedlung in Berlin-Spandau ist die Stimmung gereizt. Manch einer verteidigt die schwarzen Kassen

Ina Brzoska

Berlin – Ein eisiger Wind weht am Donnerstagmittag über die Berliner Siemensstadt. Wie gewohnt dreht der Rentner Heinz P. an diesem Novembertag seine Runden um das Gelände. Mit skeptischer Miene beobachtetet er die Angestellten, die das Werksgelände für einen schnellen Imbiss verlassen. „Das ist wirklich eine Schweinerei, was dort passiert“, meckert der Rentner und ballt seine rechte Hand zur Faust.

Seit mehr als vierzig Jahren lebt der gelernte Betriebsschlosser hier. Über die jüngsten Skandale im Hause Siemens kann er nur den Kopf schütteln. Dreißig Jahre habe er in den Kabelwerken bei Siemens geackert. Jetzt lässt er die Schultern hängen, sein Blick schweift ins Leere. Heinz P. ist sauer: „Innerhalb eines Jahres hat sich solch ein Traditionsunternehmen seinen guten Ruf ruiniert.“

Die Siemens-Angestellten, die bei dem größten industriellen Arbeitgeber Berlins arbeiten, sind auf dem Weg in die Mittagspause – mit schnellem Schritt, die Mantelkragen hochgeschlagen. „Das geht Sie überhaupt nichts an“, heißt es. Dann huscht die Gruppe der Krawatte tragenden Männer in eine Seitenstraße. In der Spandauer Siemensstadt finden sich viele Spuren des heutigen Weltkonzerns. Fast 12 000 Menschen wohnen hier. Rund ein Jahrhundert ist vergangen, seitdem hier die ersten Gebäude gebaut wurden. „Ringsiedlung“ heißt die Siemensstadt aufgrund ihrer geschlossenen Architektur. Für Besucher ist das Gelände an diesem Tag nicht zugänglich. „Führungen gibt es heute nicht“, brummt der Pförtner. „Sie können doch außen rumspazieren, da sieht man auch schon viel.“ Dort geht auch Guido H. Er ist auf dem Weg zu seinem neuen Arbeitgeber. Bis Anfang dieses Jahres hat der 35-Jährige beim Siemens-Wachschutz gearbeitet – nach drei Jahren wechselte er den Arbeitsplatz. „Die werden hibbelig hier, wenn sie hören, dass die Presse Fragen stellt“, sagt er. Der Schmiergeldskandal, der überrasche ihn nicht wirklich. „Das gab es sicher schon vor Kleinfeld, dass Schmiergeld auf Schwarzkonten gebunkert wurde“, mutmaßt er. Auch ein Software-Mitarbeiter meint, dass „diese Strategie“ mittlerweile zur „gängigen Praxis“ gehöre, um sich Aufträge zu sichern. „Das greift immer mehr um sich – leider“, sagt er. Dann ist auch er in einem Werksgebäude verschwunden.

Man müsse es aber auch mal von der anderen Seite betrachten, sagt ein Installateur von einem benachbarten Betrieb. „Wer weiß, wie viele Leute noch entlassen worden wären, wenn sich Siemens die Aufträge nicht über Schmiergelder gesichert hätte.“

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