Wirtschaft : Frühjahrsmüdigkeit an der deutschen Börse

Veronika Csizi

Der Börsenmonat Mai beginnt mit einer Zitterpartie: Der Dax pendelt seit Tagen um die Marke von 5000 Punkten und hat noch keine verlässlichen Signale gegeben, wie es in den kommenden Tagen weitergeht. Zu groß ist die Unsicherheit der Anleger über Zeitpunkt und Ausmaß des Aufschwungs in den USA und die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft. Getrübt wird die Stimmung von der Bilanz des Vormonats April: Der Dax verlor 354 Punkte und notiert um stolze 6,6 Prozent niedriger als Ende März. Der deutsche Markt bewegte sich damit im Gleichschritt mit den US-Börsen, die ebenfalls starke Verkäufe verkraften mussten. So tauchte der Dow Jones nun schon zum dritten Mal seit September unter die 10 000-Punkte-Linie ab. Auch die Nasdaq nahm erneut Kurs auf ihr Jahrestief. Zur Saison der Quartalsberichte setzte sich wieder der Pessimismus durch - obwohl 60 Prozent der Unternehmen die Erwartungen der Analysten schlagen konnten.

Der Finanzdienstleister MLP beispielsweise, im März noch auf der Gewinnerseite, sank im April um 17 Prozent. Da half auch ein blendendes Zahlenwerk inklusive Dividendenerhöhung nicht. Bei gut 65 Euro notiert MLP damit nur noch halb so hoch wie vor einem Jahr. Gerüchten zufolge waren daran die Shortseller Schuld, die wegen des ambitionierten Kurs-Gewinn-Verhältnisses auf einen Kursverfall setzten - mit Erfolg.

Infineon unter Druck

Bei Infineon hingegen - mit minus 22 Prozent der Monatsverlierer - finden sich eine ganze Reihe von Gründen für den Kurssturz. Belastet hat vor allem der düstere Geschäftsausblick von Nokia, aber auch brancheneigene schlechte Nachrichten: Die Preise für Speicherchips sind in der zweiten Monatshälfte wieder deutlich gefallen. Die soeben gescheiterte Übernahme des koreanischen Halbleiter-Herstellers Hynix durch den US-Konkurrent Micron Technology könnte, so fürchten die Märkte, weiteren Preisdruck auslösen. Denn die heillos überschuldete Hynix trug mit enormen Überkapazitäten die Hauptschuld am Preisverfall des letzten Jahres.

Auch bei den anderen Technologie-Aktien im Dax fanden die Anleger im April Haare in der Suppe. Zum Beispiel SAP: Geschrumpfte Einnahmen aus Softwarelizenzen in den USA wurden als Hinweis darauf gedeutet, dass erfreulichere makroökomische Daten in den Unternehmen noch nicht angekommen sind. Die IT-Budgets, hieß es, würden weiterhin nicht aufgestockt. SAP kostete dies knapp 17 Prozent seines Werts zu Monatsbeginn. Nur wenig besser erging es im April den Telekom-Aktionären. Wer nicht ebenfalls verkauft hatte, verbuchte am Ende 16 Prozent weniger im Depot. Auch hier fanden die negativen Aspekte mehr Beachtung als die Lichtblicke. Man werde im ersten Quartal wieder auf den Wachstumspfad zurückkehren, ließ Konzernchef Ron Sommer die Anleger wissen. Die standen jedoch unter dem Eindruck des Worldcom-Kursverfalls und der - laut Telekom nur vorübergehend - gestiegenen Schulden.

Gerüchte um Telekom-Bilanz

Zum Monatsende dann der nächste Schock, der jedoch vorläufig nur von einem Gerücht verursacht wurde: Im Rahmen der Bilanzierung nach dem strengeren amerikanischen Standard könnte das Ergebnis der Telekom, so wurde kolportiert, durch weitere 4,3 Milliarden Euro belastet werden. Am Ende schloss die Telekom fast auf dem Tiefstniveau vom September bei 14,80 Euro.

Vergleichsweise gut halten konnten sich Autos, Banken und Versicherungen. Die Deutsche Bank pendelt um ihren März-Schluss, etwas stärker verlor die Commerzbank, die Hypo-Vereinsbank entwickelte sich parallel zum Index. Daimler-Chrysler und BMW konnten den Dax dagegen - trotz Kursverlusten - mit Abstand schlagen.

Beim Branchenprimus Deutsche Bank bestach ausnahmsweise mal das gute Quartalsergebnis tatsächlich. Nach milliardenschwerem Verlust im Vorquartal steht nun ein Vorsteuergewinn von 1,3 Milliarden Euro in der Bilanz, zu dem allerdings auch größere Anteilsverkäufe ihren Beitrag leisteten. Handelsergebnis und Risikovorsorge bleiben weniger ermutigend.

Gesucht blieben im April nur drei Werte: Schering mit einem Mini-Plus von 0,82 Prozent, Henkel und BASF. Auch der Ludwigshafener Chemieriese hätte den Monat ohne den letzten Handelstag im Minus beendet. Hier aber waren die Analysten ausnahmsweise rundum zufrieden mit den aktuellen Quartalszahlen: Zwar sind der Umsatz um über eine Milliarde Euro und der Gewinn um 15 Prozent geschmolzen. Trotzdem blieb BASF der Renner des Tages, schließlich hatten die Anleger noch Schlechteres erwartet. Fazit: Entscheidend für die Kursentwicklung sind nicht die Fakten selbst, sondern deren Interpretation.

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