Frust der Fahrgäste : Die Bahn und ihre Pünktlichkeit

Die Deutsche Bahn hat ein Problem. Zu viele Menschen verzweifeln an ihren Gleisen. Weil die Züge zu spät kommen. Insgesamt fallen jede Woche 200 Züge ganz aus.

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Dem Auto, dem Flugzeug, allen wird Unpünktlichkeit verziehen. Der Bahn aber nicht.
In vollen Zügen. Die Bahn hat es schwer mit ihren Kunden. Dem Auto, dem Flugzeug, allen wird Unpünktlichkeit verziehen. Ihr aber...Foto: Paul Langrock/Agentur Zenit

Schladming war schön. Im Gleitschirm über dem Ennstal zu fliegen, unter blauem Himmel, mit Sicht auf den Dachstein. Axel Linde war zufrieden, als er nach ein paar Tagen Urlaub sein Gepäck in den Eurocity wuchtete, zweite Klasse, Großraumwagen. Zweimal würde er umsteigen müssen. Für die Fahrt nach Berlin hatte sich Linde, von Beruf Architekt, ein dickes Buch mitgenommen. Das reicht für die zehn Stunden, dachte der 43-Jährige.

In Nürnberg schwante ihm, dass er sich verschätzt hatte. Bis hier war alles nach Plan verlaufen. Linde wartete auf den ICE nach Berlin. Aber der kam nicht. 20 Minuten Verspätung zeigte die Abfahrtstafel, daraus wurden 40 Minuten, dann 60. Warum, das behielten die Bahnhofsleute für sich. Irgendwann doch eine Durchsage: Ein Gewitter habe den Zug gestoppt. „Wir bitten um Entschuldigung“, quäkte es aus dem Lautsprecher.

Nach drei Stunden ging es weiter. Das Zugpersonal hatte die Äste auf eigene Faust vom Gleis geräumt. Tief in der Nacht erreichte der ICE die Hauptstadt. „Ich gehöre nicht zu den Nörglern“, sagt Linde. „Aber das war zum Abgewöhnen.“

Die Deutsche Bahn hat ein Problem. Es gibt zu viele Geschichten über sie, in denen Menschen wie Axel Linde vorkommen. Eine weitere erzählt Peter Cornelius, 61 Jahre alt, der gerne Zug fährt, auch wenn ein Flugzeug nur anderthalb Stunden bis nach Brüssel gebraucht hätte. Mit der Bahn sollten es laut Fahrplan acht sein. Aber schon auf der Strecke von Berlin nach Hannover hatte sein Zug zweieinhalb Stunden Verspätung, weil eine ICE-Strecke überflutet war. In Hamm musste er außerplanmäßig umsteigen, ebenso in Köln, in Aachen wieder – ein ICE-Computer war abgestürzt. In Lüttich setzte der Schaffner Cornelius vor die Tür, das Ticket sei nicht gültig. Brüssel erreichte er sechs Stunden später als geplant.

Bei der Bahn sind Kunden besonders kritisch

Zwei Erlebnisse von vielen, aber die Ursache ist immer dieselbe: Die Bahn kommt zu spät, man kann sich nicht mehr auf sie verlassen. Immer wieder, vor allem im Fernverkehr. Und jetzt, zur Herbstferienzeit, wird es vermutlich wieder tausende Reisende treffen. Es scheint, als stünde die Bahn mit ihrem eigenen Fahrplan auf Kriegsfuß. Auch andere Verkehrsmittel bedeuten oft Verspätung. Mit dem Auto steht man im Stau, ein Flugzeug fällt aus.

Kommt die Bahn zu spät, fällt das Urteil gnadenlos aus. Der Zug ist dann auch noch verdreckt gewesen, der Schaffner unfreundlich, der Kaffee im Bordbistro ungenießbar. Mal sind es nur zehn Minuten, mal gleich 840 Minuten, wie vor einigen Wochen Euronachtzug 452 von Paris nach Moskau. Und die Bahner wussten noch nicht einmal, warum.

Sie hätten bloß Erik Hinke zu fragen brauchen. Hinke, 48, steht in Pankow in einem abgedunkelten Großraumbüro und starrt auf eine Wand aus Flachbildschirmen wie an der Börse. Darüber ziehen sich rote und blaue Linien – die roten stehen für Personenzüge, die blauen für Güterzüge. Jeder davon, der sich in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern auch nur einen Meter vom Fleck bewegt, hinterlässt Spuren. In der Betriebszentrale Ost überwachen 350 Menschen den Bahnverkehr, Tag und Nacht. Hinke ist ihr Chef, er muss dafür sorgen, dass der Fahrplan eingehalten wird.

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