Wirtschaft : Frust im Praktikantenstadl

Jahrelang sonnten sich Hans Eichels Beamte im Glanz ihres Ministers. Jetzt fühlen sie sich ungeliebt, verlacht und verfolgt

Antje Sirleschtov

Berlin. Bei der letzten Attacke hat sich schon niemand mehr so richtig aufgeregt. Allenfalls ein verächtliches Schulterzucken haben die Beamten in Hans Eichels Finanzministerium übrig, wenn sie sich fragen, warum die angeblichen Pläne für eine neue Aktiensteuer genau so schnell wieder verschwanden, wie sie in der vergangenen Woche aufgetaucht waren.

In der Kantine des Ministeriums an der Berliner Wilhelmstraße stehen sie geduldig nach Kohlsuppe und Fruchtdessert an, die Beamten. „Frust“, sagt einer von ihnen, nichts als Frust sei übrig geblieben. Nach all den schönen Jahren, in denen sich Fotografen vor dem Schreibtisch von Finanzminister Hans Eichel drängelten, regiere jetzt das Chaos. Nach den Monaten, in denen dankbare Bürger ihm Sparschweine zum Sammeln schickten, die im Land als Synonym für die neu entdeckte Sparlust der Deutschen galten, herrsche Lethargie und Orientierungslosigkeit.

Hans Eichels Leute stellen in diesen Tagen fest, wie gemein es ist, wenn man man plötzlich aus der Mode kommt. Nachdem sie gerade erst registriert hatten, wie sexy Finanzministeriale in den ersten Eichel-Jahren auf einmal geworden waren. Ja damals, da galt die Arbeit noch etwas. Da ließ man sich bestaunen für die super-gelungene riesengroße Steuerreform. Da sausten die Aktienkurse nach oben, als die Details bekannt wurden. Und ehrfürchtig nahm die Öffentlichkeit zur Kenntnis, wie es gelang, bei Haushaltsberatungen die Bittsteller anderer Ministerien abblitzen zu lassen.

Und jetzt? Da beschweren sich die Unternehmerverbände beim Kanzler über Eichels Leute, die Gesetze erdenken würden, ohne den Sachverstand der Praxis einzuholen. Einer wie Sigmar Gabriel darf Hans Eichels Haus mal eben so mit einem „Praktikantenstadl“ vergleichen. Nein, so macht die Arbeit keinen Spaß mehr.

Zumal die Pannen immer offensichtlicher werden. Erst das Steuervergünstigungsabbaugesetz, an dessen Details wochen- und nächtelang gefeilt wurde und das dann Stück für Stück wieder in der Schublade verschwand. Dann das Zinsabgeltungsgesetz, das es bis heute nicht mal bis ins Parlament hinein schafft: weil erst die Kontrollmitteilungen politisch nicht gewollt waren und nun die SPD-Linken opponieren, kreist der Gesetzentwurf durch die Büroflure der Wilhelmstraße, braucht immer neue Überstunden, obwohl die Bearbeiter kaum noch wissen, wozu sie das eigentlich machen.

Überhaupt, die Unentschlossenheit der Politik sei das Schlimmste, sagt einer von Eichels Mitarbeitern. Erst soll gespart werden, dann wieder nicht. Mancher Mitarbeiter von Eichel rechnet damit, frühestens ab Sommer mit belastbarem Zahlenmaterial rechnen zu können. Kein Wunder, dass allerlei wilde Theorien durch die Kantine kreisen. Dass etwa die geplante Besteuerung von Aktiengewinnen die ganze letzte Woche lang für Ärger gesorgt hat, obwohl im Finanzministerium kein Mensch an solchen Plänen gearbeitet haben will. Das könne nur eine Intrige sein, deuteln die Frustrierten. Wahrscheinlich säge mal wieder einer am Minister herum. An dem Mann, der noch vor einem Jahr ein Held war.

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