Wirtschaft : Führung und Kontrolle: Machtkampf in den Unternehmen

Henrik Mortsiefer

Diskretion ist Rolf E. Breuers Geschäft. Selten fährt der Chef der Deutschen Bank öffentlich aus seiner Haut. Unlängst jedoch ließ sich der Banker zu einer Gefühlsregung hinreißen. Der Grund: Daimler-Chrysler, Deutschlands größter Industriekonzern, an dem die Deutsche Bank mit zwölf Prozent beteiligt ist, ist ins Gerede gekommen. Der Absturz der Aktie hat Daimler-Chrysler zu einem Schnäppchen auf dem Parkett gemacht. Breuer, der sonst kein Wort über seine Kunden fallen lässt, witterte Gefahr: "Die Deutsche Bank berät Daimler-Chrysler bei seiner Verteidigungsstrategie", ließ er wissen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl: Daimler-Chrysler - ein Übernahmekandidat?

Die Intervention Breuers zielte auf seinen Vorgänger und heutigen Aufsichtsratschef der Deutschen Bank Hilmar Kopper. Der sitzt zugleich an der Spitze des Daimler-Chrysler-Aufsichtsrats und pflegt ein eher freundschaftliches Verhältnis zu Daimler-Chrysler-Chef Jürgen Schrempp. Zu freundschaftlich, wie Breuer findet. Deshalb macht er dem Alt-Banker Dampf: Im kommenden Jahr will die Deutsche Bank ihre Daimler-Chrysler-Aktien verkaufen - und zwar zu einem deutlich höheren Kurs als den aktuellen 55 Euro. Ein Shareholder muckt auf.

Das Manöver Breuers demonstriert, in welchen Grenzen auf den verflochtenen Führungsetagen deutscher Großbanken und Konzerne um den Shareholder-Value, also die Interessen der Anteilseigner, gerungen wird. Doch der Spielraum dürfte sich bald vergrößern. Mit der Steuerreform können vom kommenden Jahr an Gewinne aus dem Verkauf von Beteiligungsbesitz steuerfrei kassiert werden. Dann, so erwarten Experten, wird nicht nur die Industrielandschaft in Deutschland umgegraben. "Auch die personellen Verflechtungen zwischen Vorständen und Aufsichtsräten werden sich lockern", sagt Jürgen Matthes, Volkswirt beim Institut der deutschen Wirtschaft in Köln.

Was bisher noch unter dem Label Deutschland AG diskutiert - und beklagt - wird, trägt künftig den Titel Corporate Governance: Während der Interessenausgleich in den deutschen Unternehmen heute noch stark von Banken, Gewerkschaften und Eigentümer-Familien diktiert wird, zielt die Unternehmensführung und -kontrolle der Zukunft vor allem auf die Wertschöpfung im Sinne internationaler Shareholder. Un dies zum Nutzen aller - der Aktionäre, Fremdkapitalgeber, Mitarbeiter, Geschäftspartner und der Öffentlichkeit. Treibende Kraft dieses Wandels vom Stakeholder- zum Shareholder-Value-Denken (siehe Glossar) ist die wachsende Internationalisierung. Immer mehr Unternehmen gehen an die Börse und betreten damit die internationale Bühne. Der Horizont weitet sich, das Interesse ausländischer Investoren wächst. "Sie werden den größten Druck auf das deutsche System ausüben", sagt Jürgen Matthes, der in einer Studie nachweist, dass das traditionelle deutsche Modell der Unternehmenskontrolle noch nicht nennenswert ins Wanken geraten ist.

Symbolcharakter für das Aufbrechen al-ter Gewohnheiten hatte die feindliche Übernahme von Mannesmann. Trotz seines hohen Börsenwertes unterlag Mannesmann im Ringen um die Gunst der Shareholder Vodafone. Der Grund: Die Mehrheit der Aktien des vermeintlich deutschen Industriekonzerns lag bereits in der Hand ausländischer Investoren. Und die räumten am Ende Vodafone die besseren Chancen ein.

Ein gewichtiges Wort hatten große Fondsgesellschaften mitgeredet. Vor allem amerikanische und britische Fonds geben international den Ton an. Milliardenschwere Pensionskassen, die für die private Altersvorsorge der Amerikaner zuständig sind, üben massiven Druck auf die Führungsetagen der Konzerne aus, an denen sie beteiligt sind. Eine Entwicklung, die in Deutschland erst am Anfang steht. "80 Prozent der deutschen Fonds sind Töchter der Banken", sagt Theodor Baums, Rechtsprofessor in Frankfurt und Vorsitzender der Regierungskommission "Corporate Governance" (siehe Interview). "Die Konkurrenz internationaler Pensionsfonds wird diesen Markt in Bewegung bringen." Beschleunigt wird die Öffnung vom drohenden Kollaps des deutschen Rentensystems. Immer mehr Deutsche legen ihr Geld an der Börse an: 8,2 Millionen sind inzwischen Aktien- oder Fondssparer.

Nicht wenige haben dabei Mut zum Risiko bewiesen und sind am Neuen Markt eingestiegen. Doch die Euphorie ist lange vorbei: Pleiten und Skandale haben das Bild der Wachstumsbörse eingetrübt. Im Fokus der Kritik: Unprofessionelle Vorstände und lasche Aufsichtsräte. "Viele Anleger wissen nicht mehr, wer eigentlich die Strippen zieht, und wo ihr Geld geblieben ist", sagt IW-Volkswirt Matthes. Corporate Governance - am Neuen Markt scheint der Begriff ein Fremdwort zu sein. Was die Großen vormachen, kopieren die Jungen: "Langjährige Berater des Vorstands werden zu Aufsichtsräten bestellt, die das Gegenteil von dem sind, was der Neue Markt braucht: gestandene Unternehmer", sagt Christian Strenger, Aufsichtrat der Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS. Strenger hält die Nähe von Vorstand und Aufsichtsrat nicht automatisch für schädlich. Kurze Wege, schnelle Informationen und Gremien "die auf den Punkt kommen", seien von Vorteil für wachsende Unternehmen. "Was häufig fehlt, ist ein klares Rollenverständnis von Vorstand und Aufsichtsrat." Und da geht bei börsennotierten Start-ups häufig vieles durcheinander. Strengers Diagnose: "Es gibt zu wenig gute Aufsichtsräte." Seine Empfehlung: Ein neues Berufsbild und eine schärfere Auslese.

Beleben wird sich die Diskussion um die Modernisierung des Unternehmensrechts spätestens in diesem Sommer. Dann legt die von der Bundesregierung eingesetzte Expertenkommission "Corporate Governance" ihre Vorschläge vor. Das Gremium prüft auf der Basis vorliegender Diskussionsbeiträge, ob ein Verhaltenskodex zur Unternehmenskontrolle sinnvoll ist. Ein solcher "Code of Best Practise" könnte ein international anerkanntes Gütesiegel für das deutsche Corporate-Governance-Modell sein. Vor allem von ausländischen Investoren, die nur mit dem amerikanischen Board-System vertraut sind, würde dann besser verstanden, "dass es ein weltweit einheitliches, herausragendes Modell der Unternehmenssteuerung nicht gibt", wie der BDI und Price-Waterhouse-Coopers in einer Studie zeigen. Die Experten können auf eindrucksvolle Zahlen verweisen: Eine Umfrage von McKinsey ergab, dass vier von fünf Fondsmanagern bereit sind, für die Aktien eines professionell beaufsichtigten Unternehmens mehr zu zahlen als für ein nachlässig geführtes.

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