Wirtschaft : Führungskrise am Finanzplatz

TCI will Fusion mit Euronext/Kritik am Vorgehen der Fonds/SPD greift Friedrich Merz an: „Die Heuschrecken haben ein Gesicht“

M.Döbler[H. Mortsiefer],A. Sirleschtov

Berlin/Frankfurt am Main - Die Führungskrise bei der Deutschen Börse hat eine Diskussion über die strategische Ausrichtung des Unternehmens und die Rolle ausländischer Finanzinvestoren am Finanzplatz Deutschland ausgelöst. Der Aktienkurs der Deutsche Börse AG stieg abermals – um 1,7 Prozent auf 63,04 Euro.

Großaktionär TCI, auf dessen Betreiben Börsenchef Werner Seifert und Aufsichtsratschef Rolf Breuer am Montag ihren Rücktritt erklärt hatten, will den Kurs des Unternehmens weiter bestimmen und plädierte für eine Fusion mit der Euronext-Börse. „Das wäre fantastisch“, sagte TCI-Partner Patrick Degorce dem Handelsblatt. Unter dem Euronext-Dach sind die Finanzplätze Amsterdam, Brüssel, Paris und Lissabon zusammangefasst. Eine Fusion der Deutschen mit der Londoner Börse LSE hatten TCI und andere Großaktionäre verhindert. Fraglich ist allerdings, ob die Deutsche Börse noch den finanziellen Spielraum für Übernahmen hat: Nach der Ausschüttung von 1,5 Milliarden Euro an die Aktionäre bezweifeln Experten, dass ihr noch freie Mittel übrig bleiben.

Rüdiger von Rosen, Vorstand des Deutschen Aktieninstituts (DAI) und Vorgänger von Werner Seifert als Chef der Frankfurter Börse, sagte dem Tagesspiegel, das Vorgehen der Fonds schaffe eine für Deutschland neue Situation, auf die sich die Unternehmen einstellen müssten. „Eine gewisse Unsicherheit bei den Emittenten ist sicherlich feststellbar, die weit über das Beispiel Deutsche Börse hinausreicht.“ Auch der Ende 2005 als Aufsichtsratschef ausscheidende Breuer warnte vor dem wachsenden Einfluss der Fonds: „Es ist gefährlich, wenn sich die Hedge-Fonds zu Herren der Szene machen und der Mehrheit der stabilitätsorientierten Anleger ihre Sicht aufzwingen“ , sagte er dem Magazin „Capital“

DAI-Chef von Rosen erwartet von den ausländischen Finanzinvestoren mehr Transparenz. „Die Unternehmen wissen häufig nicht, welche Anlagestrategien beispielsweise die Fonds verfolgen.“ Es sei deshalb gut, wenn diese auf den Hauptversammlungen ihre Rechte wahrnähmen. Die Unternehmen müssten ihrerseits lernen, engeren Kontakt zu ihren Eigentümern zu halten.

Christian Strenger, Mitglied der Corporate-Governance-Kommission der Bundesregierung, sieht die Versäumnisse vor allem beim Vorstand der Deutschen Börse. „Die Vorgänge zum Debakel oder Testfall für die deutsche Wirtschaft zu erklären, halte ich für ziemlich überdreht“, sagte er dieser Zeitung. So ein Fall könne sich aber natürlich wiederholen, wenn einflussreiche Aktionäre eines Unternehmens dem Vorstand klarmachten, dass sie seine Strategie nicht mehr mittragen. „Das ist keine Revolution, sondern normales marktbezogenes Verhalten von Eigentümern“, glaubt Strenger.

Die Bundesregierung zeigte sich besorgt über die Zukunft der Deutschen Börse. Wirtschafts-Staatssekretär Bernd Pfaffenbach sagte dem Tagesspiegel: „Von den Akteuren muss verlangt werden, dass sie verantwortungsvoll mit dem Finanzplatz Frankfurt umgehen.“ In der SPD entzündete sich Kritik an der Rolle des CDU-Politikers Friedrich Merz, der als Anwalt TCI vertritt und als neuer Aufsichtsrat der Deutschen Börse gehandelt wird. Die SPD-Finanzpolitikerin Nina Hauer sagte dem Tagesspiegel, Merz beteilige sich an der Schwächung eines „sehr erfolgreichen deutschen Unternehmens“ und müsse dem Bundestag Rechenschaft ablegen. Sie fügte hinzu: „Die Heuschrecken haben jetzt ein Gesicht – Friedrich Merz.“ Die Börse versorge Unternehmen mit Kapital und erfülle daher einen öffentlichen Auftrag. Hauer bezeichnete die Vorgänge als „erschreckendes Beispiel, wie Hedge-Fonds ein Unternehmen gefährden“.

Merz selbst dämpfte Erwartungen, er werde unternehmerisch bei der Börse tätig. Er stehe „derzeit“ nicht zur Verfügung, sagte er dpa. „Ich werde bei der Bundestagswahl 2006 wieder in meinem Wahlkreis kandidieren.“ Merz fügte hinzu, er habe den Konflikt zwischen Management und Anteilseignern der Börse „nicht entschärfen“ können.

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