Führungswechsel bei VW? : Der ewige Ferdinand Piëch

Ferdinand Piëch dementiert Presseberichte, er werde sich vom Vorsitz des VW-Aufsichtsrat zurückziehen. Angeblich geht es ihm bestens.

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Ferdinand Piëch
Ferdinand PiëchFoto: dpa

Ein echter Piëch: „Totgesagte leben länger“, kommentierte der 76-Jährige am Freitag gegenüber dem „Spiegel“ einen Bericht über seine angeblich angeschlagene Gesundheit. Zuvor hatte bereits die Wolfsburger Konzernkommunikation ein Bulletin verbreitet: „Prof. Dr. Ferdinand K. Piëch ist bei bester Gesundheit und bleibt noch lange Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG.“

Die Aufregung war groß in der VW-Zentrale am Mittellandkanal, nachdem das „Handelsblatt“ über eine umfangreiche Personalrochade berichtet hatte. Demnach zieht sich Piëch in absehbarer Zeit aus dem Aufsichtsrat zurück. Der Vorstandsvorsitzende Martin Winterkorn würde ihn als Aufsichtsratsvorsitzenden ersetzen; an die Stelle Winterkorns sollte Finanzvorstand Hans Georg Pötsch aufrücken, und für Pötsch wiederum könnte Rupert Stadler, Chef der VW-Tochter Audi, Finanzvorstand in Wolfsburg werden. So weit, so schlüssig.

Bei VW will niemand etwas davon wissen, dass Ferdinand Piëch vom Aufsichtsratsvorsitz zurücktritt

Grober Unfug, hieß es am Freitag in den offiziellen Konzernverlautbarungen. Alles bleibe wie es ist, also auch Winterkorn „noch lange Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG“. Für den groben Ton sah sich VW-Betriebsratschef und Aufsichtsratsmitglied Bernd Osterloh zuständig. „Die Geschichte ist Quatsch. Und es ist eine Sauerei, 550 000 Menschen eines Weltkonzerns so verantwortungslos zu verunsichern und das Unternehmen zu schädigen.“

Offensichtlich ist da etwas zu einem ziemlich blöden Zeitpunkt nach draußen gesickert – oder ganz gezielt nach draußen gegeben worden. Kommende Woche beginnt in Frankfurt am Main die IAA, die größte Autoshow der Welt. Die neuen Produkte von VW und Audi, Skoda und Seat, Bentley und Lamborghini werden nun nicht gerade im Mittelpunkt stehen, wenn VW am Montagabend Hunderte Journalisten aus aller Welt einlädt. „Ich freue mich auf den Konzernabend im Vorfeld der IAA am kommenden Montag, an dem ich auch in Zukunft als Aufsichtsratsvorsitzender teilnehmen werde“, sagte Piëch dem „Spiegel“.

Am kommenden Montag wird er teilnehmen müssen. Vermutlich wie immer in den letzten Jahren an der Seite seiner Gattin Ursula. Trotzdem haben die Konzernstrategen in Wolfsburg einen Plan B durchgespielt, für den Fall, dass der Alte nicht mehr kann. Und dieser Plan schaffte es irgendwie in die Presse.

Pikanterweise ist der Autor des „Handelsblatt“-Artikels bestens vertraut mit dem Personal in Wolfsburg, da er an einer autorisierten Biografie über Martin Winterkorn schreibt. Die sollte eigentlich schon im vergangenen Jahr, zum 65. Geburtstag Winterkorns, erscheinen, wurde dann aber verschoben. Angeblich auf Betreiben Piëchs. „Sie lassen eine Biografie schreiben? Wollen Sie schon aufhören?“, soll Piëch Winterkorn gefragt haben. Der ließ daraufhin die Veröffentlichung stornieren, ist in Konzernkreisen zu hören. Viel geredet und intrigiert wurde schon immer in Wolfsburg. Zumal seitdem Piëch dort alle Fäden in der Hand hat, also seit 20 Jahren.

Gerhard Schröder soll in an der Spitze von VW durchgesetzt haben

Ferdinand Karl Piëch wurde am 17. April 1937 als drittes Kind des Anwalts Anton Piëch und dessen Frau Louise in Wien geboren. Louise war die Tochter von Ferdinand Porsche, der den Volkswagen Käfer entwickelte und damit die Grundlage für das Porsche-Piëch-Imperium legte. Er sei aufgewachsen wie ein Hausschwein, hat der Internatsschüler Ferdinand einmal über sich gesagt, und musste sich dann in der Wildnis durchschlagen. Vor allem auch gegen die Porsches aus dem anderen Familienstamm. Und im Beruf sowieso. Piëch ackerte sich bei Audi hoch, wurde Chef in Ingolstadt und machte die Marke mit den Ringen stark und zu einem gleichwertigen Wettbewerber von BMW und Mercedes. Auch deshalb wurde er 1993 VW-Chef. Angeblich setzten der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder und IG Metall-Chef Franz Steinkühler Piëch an der VW-Spitze durch.

Andere hätten gerne Daniel Goeudevert gehabt, der damals im VW-Vorstand saß und ein Image als Querdenker und Paradiesvogel mit grünem Touch pflegte. Piëch wurde also Vorstandsvorsitzender und nicht viel später trennte sich der Konzern von Goeudevert und vielen anderen Führungskräften. Der neue Chef räumte auf. „Die Vorstellung einer höchstkarätigen inneren Mannschaft von fünf bis zehn Leuten, deren Zusammenspiel wiederum nur ein Einzelner im Detail lenkt, hat mich ein Leben lang nicht losgelassen“, hat Piëch 2002 in seiner „Auto.Biografie“ geschrieben. Der „Einzelne“, keine Frage, war er selbst.

Als Vorstands- und seit 2002 als Aufsichtsratschef hat Piëch Volkswagen zu einem Konzern mit inzwischen zwölf Pkw- und Lkw-Marken ausgebaut und zu einem der weltweit stärksten Fahrzeughersteller gemacht. Unterwegs gab es reichlich Pannen – Piëch hat sie alle überlegt.

Mit Hilfe von Peter Hartz sanierte Ferdinand Piëch VW

„Auf unseren Stühlen werden Asiaten sitzen“, mahnte er in den 90er Jahren und griff zu besonderen Abwehrmaßnahmen. Er holte den Kostenkiller José Lopez, der damals als einer der besten Automanager der Welt galt, von General Motors nach Wolfsburg. Aber Lopez wurde der Spionage verdächtigt und musste gehen. Piëch überstand den Skandal und VW zahlte in einem Vergleich eine dreistellige Millionensumme an GM. Mit Hilfe von Peter Hartz, der die Vier- Tage-Woche bei VW einführte und dadurch erheblich Lohnkosten sparte, sanierte Piëch Volkswagen. Jahre später stürzten Hartz und Betriebsratschef Klaus Volkert über die Lust- und Luxusreisenaffäre. Piëch blieb. Kurz darauf versuchte der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Bernd Pischetsrieder gemeinsam mit VW-Aufsichtsrat Christian Wulff, Piëch aus dem Aufsichtsrat zu entfernen. Das ging schief. Pischetsrieder flog raus und wurde durch Winterkorn ersetzt. Und Wulff legte sich nie wieder mit dem Alten an. Im Gegenteil. Im Machtkampf um die Übernahme durch Porsche zählte Wulff zu Piëchs Truppe. Auf der anderen Seite: Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und Piëchs Vetter Wolfgang Porsche. Wiedeking ist schon lange weg, Wolfgang gibt Ruhe und Piëch schraubt weiter an seinem Lebenswerk: VW zum größten und schönsten Autohersteller der Welt machen. Bis spätestens 2018, dieses Zieldatum hat Winterkorn ausgegeben. Dann ist er 71 und Piëch 81.

Die Spekulationen über die VW-Spitze haben gerade erst begonnen

„Man wird jetzt alles medizinisch Mögliche machen, um ihn fit zu halten“, hieß es am Freitag in Wolfsburger Konzenkreisen. Das Duo an der Spitze wird noch gebraucht - zumal jetzt, wo die Pläne mit Pötsch öffentlich wurden und Pötsch als Notkandidat gilt und deshalb so gut wie verbrannt ist für die Vorstandsspitze. „Alle weiteren Spekulationen erübrigen sich“, wollte die Wolfsburger Konzernspitze am Freitag glauben machen. In Wirklichkeit haben die Spekulationen über die künftige Führung von Volkswagen gerade begonnen.

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