Wirtschaft : Fünf bis zehn Jahre hinter der US-Konkurrenz zurück

SIEGFRIED HOFMANN/HB

Angeheizt durch staatliche Förderprogramme erlebte Europas Biotech-Industrie in den vergangenen zwei Jahren einen regelrechten Gründerboom. Aber gemessen am Reifegrad der Unternehmen liegt sie fünf bis zehn Jahre hinter der US-Konkurrenz zurück. Das gilt auch für die Mehrzahl der gut 70 börsennotierten Biotech-Unternehmen. Schwarze Zahlen sind eine Rarität. Und noch fehlt es zum Beispiel an ersten umsatzstarken Pharmaprodukten. Anleger, die ein Investment wagen, müssen sich in den meisten Fällen in einer relativ frühen Forschungsphase engagieren. Auch die üppige Versorgung der Branche mit Risikokapital mahnt aus Sicht mancher Experten zur Vorsicht bei Biotech-Aktien. Dies habe zu relativ hohen Bewertungen im Vorfeld der Börsengänge geführt, warnte kürzlich die Münchener HypoVereinsbank in einer Studie über den Sektor. Die Zurückhaltung der Börsianer gegenüber Biotech mag schließlich auch daraus resultieren, daß sie die Welle der Enttäuschungen noch nicht völlig verdaut haben, die in den vergangenen Jahren von mehreren britischen Biotech-Unternehmen losgetreten wurde.Insbesondere der Niedergang des einstigen Flaggschiffes British Biotech, die nach schlechten Resultaten in der Forschung und Entwicklung und Management-Querelen mehr als 90 Prozent ihres Wertes verlor, hat die Risiken der Branche in drastischer Weise beleuchtet. Die Gesamtperformance des Sektors wird durch diese Vorgänge indessen negativ überzeichnet. Kontinentaleuropäische Biotech-Werte haben sich deutlich besser behauptet. Und auch längst nicht alle britische Firmen wurden von dem Abwärtstrend erfaßt. Zudem mehren sich inzwischen die Zeichen, daß der Sektor eine Basis gefunden hat und wieder Vertrauen zurückgewinnt. So haben sich Problemfälle wie Cortecs, Scotia und auch British Biotech von ihren Tiefständen wieder ein Stück weit erholt. Im Falle British Biotech haben dazu Spekulationen beigetragen, Pharma-cia & Upjohn sei an einer Übernahme stark interessiert.Als positives Signal gilt ferner die Fusion von Celltech und Chiroscience, aus der ein Biotech-Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro Marktkapitalisierung und relativ breitem Spektrum in der Forschung und Entwicklung hervorgeht. Und schließlich bleibt daran zu erinnern, daß die akademische Forschung in Europa nach Ansicht der meisten Branchenbeobachter weiterhin eine sehr gute Ausgangsbasis für den Sektor bildet. Biotech wird nach Meinung von Pharmaanalyst Oliver Maier von Dresdner Kleinwort Benson "eine Riesenbranche, auch in Deutschland". Bei einigen Unternehmen handele es sich allerdings eher um eine "Langfrist-Story". Wer die Risiken der langwierigen Pharma-Forschung scheut, findet die attraktivsten Anlagemöglichkeiten vermutlich im Bereich der Biotech-Zulieferer. Herausragendes Beispiel ist die an der New Yorker Nasdaq und am Neuem Markt gelistete Qiagen-Gruppe, die als Marktführer in der Nukleinsäure-Reinigung eine Schlüsselposition in der Branche besetzt. Aus Sicht von HypoVereinsbank-Analystin Christiane Dienhart ist die Hildener Gruppe damit ein "sehr guter Wert, wenn man Biotech spielen will".In die Gruppe der Zulieferer ist auch der Börsenneuling MWG Biotech AG einzuordnen. Dieser Service- und Gerätelieferant für die DNA-Analyse zeichnet sich durch kräftiges Umsatzwachstum und schwarze Zahlen aus. Die anfänglichen Kursverluste wurden denn auch relativ schnell wieder wettgemacht. Wesentlich schwieriger sind dagegen die Perspektiven der zahlreichen sogenannten "Plattform-Unternehmen" zu beurteilen, die nicht mit dem Ziel antreten, eigene Pharmaprodukte zu entwickeln, sondern sich als reiner Technologie-Partner für andere Unternehmen, insbesondere größere Pharmahersteller, positionieren. Der Charme dieser Strategie besteht in der Chance, bereits relativ früh einen operativen Cash-flow zu erwirtschaften. Aber es gilt als extrem schwierig, daraus ein wirklich dauerhaftes und tragfähiges Geschäftsmodell zu entwickeln. Denn die Markteintrittsbarrieren für Konkurrenten sind relativ niedrig und der technologische Wettbewerb äußerst intensiv.Das hat in den USA dazu geführt, daß sich die anfängliche Begeisterung der Wall Street für diese Gruppe von Biotech-Unternehmen wieder abgekühlt hat. Nicht zuletzt dieser Stimmungswandel dürfte auch zu den enttäuschenden Börsendebüts von Unternehmen wie Morphosys oder Rhein Biotech sowie zu dem Kursrückgang bei dem französischen Genomforschungsunternehmen Genset beigetragen haben. Andererseits zeigen Beispiele in den Vereinigten Staaten, daß derartige Unternehmen über ihre Plattformstrategien auch eine Basis schaffen können, um in einem zweiten Schritt in die Pharma-Produktentwicklung einzusteigen. Dieser Weg steht auch den europäischen Biotech-Unternehmen offen und wird von einigen bereits angesteuert. Aber auch hier müssen Anleger vermutlich viel Geduld und eine gehörige Portion Risikobereitschaft mitbringen, bevor sie die Früchte ihrer Engagements in Form steigender Kurse genießen können.

0 Kommentare

Neuester Kommentar