Wirtschaft : Fünfzehn Jahre zurück Niederländischer Metallarbeitgeberchef zu Gast bei Gesamtmetall

ANTJE KULLRICH[KÖLN]

VON ANTJE KULLRICH, KÖLN

Sinkende Arbeitslosigkeit auf derzeit sieben Prozent, eine stabile Währung, steigende Beschäftigtenzahlen und ein Rückgang des Staatsdefizits ­ die Daten der niederländischen Wirtschaft bieten ein erfreuliches Bild."Doch wir sind noch lange nicht dort, wo wir hinwollen", sagt Hans van den Akker, Präsident des holländischen Metallarbeitgeberverbandes, und meint damit die internationale Wettbewerbsfähigkeit im Vergleich zu den USA und Südostasien.Für das niederländische Erfolgsmodell interessieren sich mittlerweile auch deutsche Spitzenverbände der Wirtschaft.Vergangene Woche war van den Akker zu Gast beim Arbeitgeberverband Gesamtmetall in Köln, um über den erstaunlichen wirtschaftlichen Aufschwung im westlichen Nachbarland zu berichten. 1982, als der Staat hochverschuldet war und es immer mehr Arbeitslose gab, ergriffen Arbeitgeber und Arbeitnehmer mit ihrem damaligen Gewerkschaftsführer und heutigem Ministerpräsidenten Wim Kok gemeinsam die Initiative.Das Abkommen von Wassenaar war der Grundstein für die folgende Politik eines nationalen Konsens, zu der auch der Staat seinen Teil beitrug.Drei Merkmale zeichnen laut von den Akker das niederländische Modell aus: Die Arbeitnehmer erklärten sich mit einer Lohnmäßigung einverstanden.So habe es seit 15 Jahren keine Reallohnerhöhung in den Niederlanden gegeben.Zudem wurde der Gulden an die D-Mark gekoppelt.Und der Staat unterzog sich einer Schlankheitskur, indem er die Gemeinschaftsausgaben senkte, was zu geringeren Steuern und Sozialabgaben führte.Das soziale Sicherungssystem wurde umgebaut.Statt den Beitrag zu einer kollektiven Versicherung zahlen die Unternehmer ihren Arbeitnehmern im Krankheitsfall ein Jahr lang 70 Prozent des Lohnes weiter.Diese gesetzliche Regelung wurde in den Tarifverträgen ergänzt, so daß viele kranke Arbeitnehmer weiterhin 100 Prozent ihres Lohns bekommen.Seit der Aufgabe des anonymen kollektiven Versicherungssystems ist der Krankheitsausfall in den Niederlanden um ein Viertel zurückgegangen.Die Kehrseite der Medaille sind Kontrollbesuche von Vorgesetzten bei ihren krankgemeldeten Mitarbeitern. Van den Akker stellte fest, daß die 1982 vereinbarte Kürzung der Arbeitszeit von 40 auf 38 Stunden pro Woche wohl am wenigstens zum wirtschaftlichen Aufschwung beigetragen und keine Arbeitsplätze geschaffen habe.Viel effizienter sei die maximale Flexibilisierung der Arbeitszeit.Mit rund 37 Prozent haben die Niederlande die höchste Teilzeitquote der westlichen Welt.Der Arbeitgebervorsitzende wies außerdem darauf hin, daß in dem Abkommen von Wassenaar von der Industrie keine Versprechen für neue Arbeitsplätze gemacht worden sei.Bei Gesamtmetall sah man darin eine Bestätigung der eigenen Politik, das 1995 von IG Metall-Chef Klaus Zwickel vorgeschlagene Bündnis für Arbeit wegen der geforderten konkreten Zusagen für neue Jobs scheitern zu lassen."Wer glaubt, eine Garantie für die Schaffung von Arbeitsplätzen zu bekommen, versteht die Marktwirtschaft nicht", sagt Gesamtmetall-Sprecher Werner Riek.Van den Akker sieht bei den niederländischen Gewerkschaften ein größeres Vertrauen in Marktmechanismen.Ein weiteres Problem in Deutschland sei der mangelnde echte Willen zu einer gemeinsamen Initiative."Deutschland steht im Augenblick ungefähr dort, wo die Niederlande 1982 waren", sagt van den Akker.Vollkommen vergleichbar seien beide Länder jedoch nicht, da Deutschland durch die Wiedervereinigung besondere Lasten zu tragen hatte. Bei Gesamtmetall will man sich das niederländische Modell trotzdem zum Vorbild nehmen.Hans Peter Becker, Ausschußvorsitzender bei Gesamtmetall und zugleich Personalvorstand der Kölner Ford-Werke, sieht Reformschwierigkeiten vor allem bei den Spitzenverbänden.Auf Betriebsebene seien viele Vereinbarungen getroffen worden, die holländische Idee des permanenten sozialen Dialogs teilweise verwirklicht.Der Konsens auf höherer Ebene jedoch fehle.

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