Wirtschaft : „Für 99 Euro in die Karibik zu fliegen, ist Unsinn“

Air-Berlin-Chef Joachim Hunold über neue Ferienziele, den geplanten Börsengang und die Grenzen des Billigflieger-Modells

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Herr Hunold, Sie haben gerade das Sommerfest von Air Berlin in Berlin gefeiert. Standen Sie wieder am Zapfhahn?

Dieses Mal nicht, aber . . .

Sie feiern an allen Firmenstandorten regelmäßig Feste. Ist das Strategie?

Ja, diese Feste tragen auch dazu bei, dass bei Air Berlin ein ganz besonderes Klima herrscht, das auch für unseren Erfolg entscheidend ist. Ich bin stolz darauf, dass wir es geschafft haben, ein Gemeinschaftsgefühl, einen Familiensinn bei unserer Unternehmensgröße entwickelt zu haben. Alle ziehen an einem Strang und sind sich bewusst, dass ihr Arbeitsplatz in ihrer eigenen Hand liegt. Und nicht abhängig ist von irgendeinem Chef. Ob Air Berlin Kunden gewinnt oder behält, liegt vor allem an unseren Mitarbeitern, und das wissen die.

Gewerkschafter kritisieren zu lange Arbeitszeiten bei Air Berlin. Bei Ihnen gibt es nicht einmal einen Betriebsrat.

Die Gewerkschaften versuchen von außen, diese Dinge zu uns hineinzutragen. Wenn das stimmen würde, dann wären wir nicht so erfolgreich. Denn wenn unsere 800 Stewardessen nicht von innen heraus überzeugt wären und Spaß an ihrem Job hätten, dann würden wir ja nicht im Service Bestnoten bekommen. Der Wunsch nach gewerkschaftlicher Organisation ist überhaupt nicht vorhanden.

Sie wollen an die Börse. Dann können Sie einen Betriebsrat und Arbeitnehmer im Aufsichtsrat gar nicht mehr verhindern.

Das ist natürlich auch ein wesentlicher Faktor, den man überlegen muss. Unsere Stärke beruht ja zum großen Teil darauf, dass bei uns eben nicht die Gewerkschaften das Sagen haben.

Also kein Börsengang?

Wir prüfen noch alle Optionen. Es kann aber durchaus sein, dass wir mit dem Jahresergebnis wieder soviel Geld in der Kasse haben, dass wir in vernünftigem Maße von innen heraus wachsen können. Am liebsten wäre mir das. Wir sind beim Umsatz in den ersten fünf Monaten um 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr im Plus, damit sind wir sieben Prozent über der Planung. Seit Anfang des Jahres kumuliert schreiben wir jetzt schon gute schwarze Zahlen. Gerade im City Shuttle Bereich läuft es gut. Da treten Gedanken, an die Börse zu gehen, auch in den Hintergrund. Wenn man auf einmal merkt, ich habe ja doch genug eigenes Geld.

Was stört sie noch an einem Börsengang – außer dem Gewerkschaftseinfluss?

Man ist dann zum Großteil fremdbestimmt. Als nicht börsennotiertes Unternehmen kann man viel besser Langfriststrategien fahren, weil man nicht die vierteljährliche Veröffentlichungspflicht hat. Außerdem müssten wir dann viel mehr Energie in die Außendarstellung stecken als jetzt.

Sie wollen 70 neue Flugzeuge kaufen. Ginge das ohne Börsengang?

Ja. Wenn ich die Erneuerung der Flotte in Erwägung ziehe, dann realisiere ich ja auch Veräußerungsgewinne aus dem Verkauf der alten Flugzeuge.

Kaufen Sie die Flugzeuge auf jeden Fall?

Wir haben uns noch nicht dafür entschieden. Wir sind jetzt seit einem Jahr in dem neuen Geschäftsfeld tätig, bei dem wir neben unserem Platzverkauf an Reiseveranstalter auch Tickets direkt an den Endkunden verkaufen. Wir müssen jetzt erst einmal gucken, wie schnell sich das rentiert.

Die britische Billig-Gesellschaft Easyjet fliegt seit einem Monat von Schönefeld. Spüren Sie das schon?

Das kann man innerhalb eines Monats nicht merken. Wir haben uns natürlich preislich sehr gut dagegen aufgestellt, aber das geht dann letztendlich auch auf das Ergebnis. Wettbewerb finde ich gut, aber gegen Ungleichbehandlung wehre ich mich. Die Berliner Flughafengesellschaft hat Easyjet in Schönefeld viel günstigere Konditionen gewährt, als wir sie in Tegel bekommen. Deshalb haben wir auch geklagt. Ein Gesellschafter, der in Berlin drei Flughäfen mit unterschiedlichen Konditionen auf denselben Strecken betreibt, das geht nicht. Das ist fast schon ein Affront.

Werden Sie die Preise weiter senken?

Wir brauchen ja gar nicht drum herum zu reden: Wenn das Angebot auch künstlich durch Subventionen größer wird, der Kuchen aber nicht viel größer, dann gibt es irgendwann ein Problem. Am Anfang kann ich immer jeden mit einem Preis von null Euro hinter dem Ofen hervor locken. Auf Dauer geht das nicht, und das sieht man ja nun bei Ryanair. Unser Durchschnittspreis lag in den ersten fünf Monaten dieses Jahres bei 88 Euro. Das ist im Vergleich zu letztem Jahr eine Preiserhöhung um zehn Prozent. Auch bei Easyjet ist der Preis nicht nach unten, sondern nach oben gegangen.

Sie haben schon mehrmals gedroht, von Berlin wegzugehen, wenn die Flughafengesellschaft bei Easyjet nicht einlenkt.

Ich muss mir als Unternehmer immer wieder überlegen, welcher Standort für mich in welcher Situation der richtige ist. Es gibt Regionen, die versuchen, Unternehmen anzulocken, um Arbeitsplätze zu schaffen. In Berlin hat man den Eindruck, das ist nicht das Entscheidende. Sie gehen ja auch nicht in eine Kneipe, in der Sie der Wirt laufend anblafft. Dabei sind wir maßgeblich am Wachstum des Flughafens Tegel beteiligt. Unsere Verwaltung muss aber nicht unbedingt in Berlin stehen. Unser stärkstes Einzugsgebiet ist Nordrhein-Westfalen. Das wäre auch attraktiv, da haben wir schon eine Tochtergesellschaft mit 180 Mitarbeitern.

Werden Sie die Preise wegen der steigenden Treibstoffkosten erhöhen?

Wir haben die Kostensteigerungen eingepreist, aber erst für die Wintersaison. Das bewegt sich zwischen fünf und neun Euro im Mittelstreckenbereich. Wir müssen schon sehen, dass wir beim Durchschnittspreis unsere Kosten reinbekommen. Die Veranstalter müssen diese Preiserhöhung direkt bezahlen, im Einzelplatzverkauf geht das über unser flexibles Preissystem. Es gibt also immer noch 29-Euro-Tickets, aber dann vielleicht ein paar weniger.

Planen Sie neue Strecken?

Wir gucken uns die Märkte in Ruhe an. London-Palma läuft zum Beispiel gut, und wir überlegen, ob wir weitere Strecken von England nach Spanien fliegen. Gerade jetzt im Juni haben wir die Strecke Berlin-Warschau aufgenommen.

Wie sieht es aus bei den Passagieren?

In den ersten fünf Monaten hatten wir einen Zuwachs von 30 Prozent bei den Passagierzahlen. Auf der Mallorca-Strecke werden wir noch für den Sommer zusätzliche Kapazitäten auflegen.

Die Fluggesellschaft Condor kopiert Ihr Modell und verkauft jetzt neben den Pauschalreisen auch Einzelplätze zum Billigpreis. Condor will jetzt sogar für 99 Euro in die Karibik. Ziehen Sie nach?

Ich halte es für Unsinn, auf einer Langstrecke nach dem Billigflieger-Konzept zu fliegen. Weil es einfach nicht geht. Der Preisvorteil, den ich durch die Anzahl der Passagiere und bei den Abfertigungsgebühren auf den Flughäfen habe, den kann ich nicht auf eine Langstrecke transferieren. Die Billigflieger fliegen alle Strecken von einer bis drei Stunden. Bei etwas längeren Strecken fängt das Konzept schon an, schwierig zu werden. Dann müssen Sie ganz andere Flugzeuge haben. Natürlich kann ich immer ein Sonderangebot für 99 Euro machen und habe da vier Plätze buchbar. Aber nicht mehr, denn sonst mache ich Verluste.

Aus dem Finanzministerium hört man wieder von Plänen, die Mehrwertsteuer für grenzüberschreitende Flüge und die Besteuerung von Flugbenzin einzuführen.

Der Luftverkehr ist der einzige Verkehrsträger, der alle seine Wegekosten selbst trägt. Auf innerdeutschen Strecken zahlen wir bereits Mehrwertsteuer. Der grenzüberschreitende Verkehr ist weltweit davon befreit. Wenn ich einen weiteren Standortnachteil für Deutschland schaffen will, dann muss ich das als Politiker machen. Dann muss man sich natürlich fragen, ist das richtig, hier eine Fluggesellschaft zu betreiben.

Das Gespräch führte Flora Wisdorff.

DER MANAGER

Der 54-jährige Düsseldorfer ist ein echter Selfmademan. Die Schule hat er abgebrochen, das Abitur später nachgeholt, das Jura-Studium ohne Abschluss beendet. Seinen Traum, Pilot zu werden, machte eine Sportverletzung zunichte. Trotzdem stieg er in die Luftfahrtbranche ein. Zunächst arbeitete er als Abfertigungsmanager am Düsseldorfer Flughafen. Dann wechselte er zur Fluggesellschaft LTU und stieg dort als Marketingchef zur Nummer zwei des Unternehmens auf.

SEINE CHANCE

Die Gelegenheit, selbst Unternehmer zu werden, kam 1991. Der ehemalige PanAm-Pilot Kim Lundren hatte Air Berlin 1978 in den USA gegründet, als nur Fluglinien der Alliierten nach Berlin fliegen durften. Dieses Privileg verlor die Airline nach der Wiedervereinigung. Hunold stieg selbst als Gesellschafter bei Air Berlin ein und hält heute neun Prozent.

SEINE STRATEGIE

Air Berlin ist ein typischer Ferienflieger, der die Plätze in seinen Flugzeugen an die Reiseveranstalter verkauft. Mit dem Aufkommen der Billigflieger wie Easyjet verkauft Air Berlin immer mehr Tickets direkt. Air Berlin will in diesem Jahr mit 45 Flugzeugen 11,6 Millionen Passagiere befördern und rund eine Milliarde Euro Umsatz machen. Foto: M. Wolff

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