Wirtschaft : Für alle Fälle: Expeditus

In Zeiten wirtschaftlicher Not wenden sich immer mehr Brasilianer an ihren Lieblingsheiligen. Doch der ist äußerst umstritten

Matt Mofeet

Als ihr Ehemann infolge eines konjunkturellen Abschwungs im vergangenen Jahr seinen Arbeitsplatz verlor, musste die 44-jährige Hausfrau Maria Aparedica Ferreira Pichirilo auf Jobsuche gehen. Als sich nach wochenlanger Suche Absagen und unbezahlte Rechnungen gleichermaßen stapelten, entschloss sie sich zu einem verzweifelten Schritt: Sie betete zum Heiligen Expeditus, der von vielen Brasilianern als Schutzheiliger für dringende Fälle verehrt wird. Prompt erhielt sie einen Anruf: Ein Importgeschäft benötigte auf der Stelle eine Verkäuferin. „Heutzutage in Brasilien einen Job zu finden, grenzt an ein Wunder“, sagt Frau Pichirilo.

St. Expeditus, ein in der katholischen Tradition früher unbekannter Heiliger, wird für immer mehr Brasilianer zum Objekt der Verehrung. Der Kirche, die zunehmend mit Konkurrenz durch die evangelischen Kirchen zu kämpfen hat, kommt das Phänomen Expeditus durchaus gelegen. Doch mancher Kirchenführer fragt sich, wer dieser Mann wirklich war und welche Werte er repräsentiert.

In ganz Brasilien sind Darstellungen des Heiligen auf Heiligenbildchen, Plakatwänden, behelfsmäßigen Altären und Webseiten zu sehen: Ein Soldat, der ein Kreuz mit der Inschrift „hodie“ (lateinisch für „heute“) trägt, tritt auf einen Raben, auf dem „cras“ (morgen) steht. „Er ist der Heilige für Lösungen im wirklichen Leben“, sagt Fernando Altemeyer, Theologieprofessor an der katholischen Universität Sao Paulo.

In der Stadt wurden zu den Feierlichkeiten rund um sein Namenspatronat in dieser Woche 200 000 Menschen gezählt – zehnmal mehr als noch vor acht Jahren. Im ganzen Land werden neue Kirchen nach ihm benannt. Seine Lebensgeschichte ist der Bestseller unter den Heiligenbiographien. Zwei Radiosender in Sao Paulo ermuntern ihre Hörer, Fürbitten auszusprechen oder über erhörte Gebete zu berichten. Zu den erklärten Anhängern des Heiligen gehören auch ein Star des brasilianischen MTV, ein Profi-Fußballer, ein Top-Modell sowie einige Politiker.

Gemessen an der Begeisterung, die Expeditus entfacht hat, sind die historischen Fakten über sein Leben recht dürftig. Der Legende zufolge war er Befehlshaber einer römischen Legion in Armenien, konvertierte zum Christentum und wurde im Jahre 303 von dem römischen Kaiser Diokletian enthauptet. Im führenden „Dictionary of Saints“ heißt es: „Es gibt keinen Beweis, dass er je existierte.“

Doch wahrscheinlich ist alles – wie einige Kirchenhistoriker vermuten –, nur ein Missverständnis: Pariser Nonnen sollen eine Kiste mit Reliquien aus Rom erhalten haben, die die Aufschrift „expedited delivery“ (unverzügliche Lieferung) getragen habe. Weil sie irrtümlich annahmen, die Aufschrift beziehe sich auf den Namen eines Heiligen, „begannen sie, den imaginären Heiligen zu verehren und rasch verbreitete sich der Kult, ihn bei dringenden Angelegenheiten anzurufen“, sagt das Lexikon. Im offiziellen Kalender der katholischen Kirche kommt Expeditus nicht vor.

Theologieprofessor Altemeyer meint: „Die Menschen, die zum Heiligen Expeditus beten, sind weniger an Religionsgeschichte, sondern vielmehr daran interessiert, wie sie in der heutigen unsicheren Weltwirtschaft einen Anker finden können.“ Und tatsächlich: Obwohl die erste Kapelle, die nach Expeditus benannt wurde, bereits 1942 in Sao Paulo gebaut worden war, hatte er bis zu den 90er Jahren, als Brasilien sich der Weltwirtschaft öffnete, wenig Anhänger. Das Land hatte zu Beginn des letzten Jahrzehnts eine Inflationsrate von 5000 Prozent, Mitte der 90er Jahre einen kurzen Aufschwung. In in Sachen Währung fällt es seitdem von einer Ohnmacht in die nächste. „Je schlechter die Wirtschaftszahlen sind, desto mehr Menschen wenden sich an Expeditus“, sagt Cecilia Mariz, Studentin der Religionswissenschaften. Heute, bei Zinssätzen für Privatkredite von 150 Prozent und einer Arbeitslosigkeit von fast 20 Prozent, wird Expeditus sehr oft bemüht.

Dutzende von Petitionen, die täglich in ein Weidenkörbchen auf dem Altar der St. Expeditus Kapelle gelegt werden, zeugen von der wirtschaftlichen Not. Auf einem Blatt Papier wird der Schutzpatron dort um Hilfe bei der Finanzierung einer Nieren-Dialyse gebeten. Eine andere Bittstellerin fleht um Hilfe bei den Ratenzahlungen für ihr Handy. „Eine sehr verzweifelte Mutter“ bittet um Hilfe bei der Kündigungsschutzklage ihres Sohnes gegen dessen früheren Arbeitgeber. Aber nicht nur die Armen rufen den Heiligen an. Ein arbeitsloser Fabrik-Manager hinterließ einen dreiseitigen detaillierten Bericht über seine frühere Tätigkeit in der Kirche.

Für die katholische Kirche ist das Interesse am Heiligen Expeditus angesichts der immer schärferen Konkurrenz durch die Protestanten ein Segen. Brasiliens größte evangelische Kirche, die Universal Church of the Kingdom of God, hat unter anderem damit Erfolg, dass sie verbreitet, Religion könne ein Weg zum Wohlstand sein. Wenngleich die Katholiken diese „Wohlstandstheologie“ ablehnen, räumen einige Kirchenführer ein, dass auch die Anhänger des Heiligen Expeditus auf spirituell wackligem Boden wandeln. „Ich glaube, manche verwechseln die Heiligen mit einem Geldautomaten“, sagt Pfarrer Luiz Andrade Meirellez in Minas Gerais.

Die Stücke wurden übersetzt und gekürzt von Tina Specht (Terroristen), Svenja Weidenfeld (Expeditus), Christian Frobenius (Demokratie), Matthias Petermann (Köhler), Karen Wientgen (Monti).

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