Wirtschaft : Für Auskünfte und Angebote in Reisebüros sollen Kunden künftig zur Kasse gebeten werden

Wer sich im Reisebüro über Zug- und Flugverbindungen informieren will oder eine individuelle Reiseplanung wünscht, soll künftig dafür zahlen. Das Branchenfachblatt "FVW International" berichtete am Freitag, einige der wichtigsten Reisebüro-Ketten in Deutschland, darunter Branchenprimus First, wollten ab spätestens Mitte 2000 zunächst versuchsweise Gebühren für bislang kostenfreie Beratungsdienste erheben. Hintergrund der Gebührenpläne sind nach Darstellung des Fachblatts Provisionskürzungen der Leistungsträger wie Fluggesellschaften und Deutsche Bahn. Bisher könnten sich die Reisebüros hauptsächlich aus Provisionen finanzieren. Doch nun würden die Renditen vor allem bei beratungsintensiven Dienstleistungen zu gering. Einige Ketten zögen deshalb die Notbremse, um weitere Umsatzrückgänge zu verhindern. Die Entgelte werden nach FVW-Recherchen zwischen drei DM für einfache Zug-Auskünfte und bis zu 100 DM und mehr für individuelle Reiseangebote betragen. Für Pauschalreisen sollen sie nicht gelten.

Der Deutsche Reisebüro-Verband (DRV) bestätigte die Überlegungen, die bereits "seit einiger Zeit" heranreiften. Geschäftsführer Leonhard Reeb betonte aber, dass die Entgelte bei Festbuchung verrechnet würden. Nur wer sich beraten lasse und dann woanders oder gar nicht buche, müsse mit einem Extra-Entgelt rechnen. Den Reisebüros brechen laut FVW durch gekürzte Provisionen auf verkaufte Tickets, den Trend zu Billig-Reisen und -Tickets sowie durch den zunehmenden Direktvertrieb von Fluggesellschaften und Bahn via Call-Center verstärkt Umsätze weg. Außerdem sei es in anderen Branchen auch nicht üblich, Dienstleistungen und Know-how kostenlos anzubieten. Die Entgelte seien in diesem Sinne als Aufwandsentschädigung zu begreifen, so das Blatt weiter.

Gebührenpläne gibt es dem Fachblatt zufolge außer bei First auch bei der Bahn-Tochter DER, der Atlas-Kette, den Reiseland-Büros des Otto-Konzerns und den Lufthansa-City-Center-Filialen. "Für ein Ticket von 299 DM kann ich nicht mehr mit fünf Prozent Provision leben", zitiert FVW den DER-Vertriebsleiter Peter Munzing. Die Gebührenhöhe sei noch nicht bei allen entschieden und werde voraussichtlich unterschiedlich ausfallen. First plane beispielsweise, ab November 25 Mark für eine Visa-Beschaffung und 20 bis 50 Mark extra für die Vermittlung eines Hotelzimmers zu verlangen.

Einzelne Reisebüros verlangen schon jetzt Gebühren für Leistungen wie etwa die aufwendige Zusammenstellung einer Individualreise. Die Liste der Aufgaben, die erledigt werden müssen, sei lang, sagte DRV-Chef Reeb. Es müssten Routen geplant, Fluggesellschaften abgefragt, Hotelkapazitäten per Fax erkundet, Reiseleiter per Einzelanfrage organisiert und die anfallenden Reisekosten veranschlagt werden. Dies sei teilweise "sehr aufwendig". In der Schweiz und Österreich sei es längst üblich, Beratungsleistungen separat abzurechnen, falls der Kunde dann nicht buche.

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