Wirtschaft : Für die Börse ist die Politik der Sündenbock

LONDON / DÜSSELDORF (tik/qdt/HB).Das Durcheinander in der deutschen Steuerpolitik ist Gift für die Börse.Darin sind sich Aktien-Analysten, die das Düsseldorfer Handelblatt zu Beginn dieser Woche befragte, einig.Das Urteil der Börsenexperten über den Einfluß der Politik auf die deutschen Aktien: Je länger die rot-grüne Regierung im Amt ist, desto deutlicher fallen deutsche Aktien gegenüber Titeln aus anderen Staaten in Euroland ab.Dies zeigt offenbar der Vergleich des Deutschen Aktienindexes (Dax) mit dem europäischen Marktbarometer Euro Stoxx 50, das die 50 wichtigste Werte Eurolands führt.

Besonders weit vor mit seinem kritischen Urteil über die Bonner Politik wagt sich ein Experte der Deutschen Bank: "Die schlechtere Kursentwicklung der deutschen Börse gegenüber den europäischen Nachbarn ist zum Großteil politisch bedingt", sagt Günter Dielmann, Leiter Aktienresearch Deutschland bei der Deutschen Bank.Insbesondere das "Hickhack über die Steuerreform" laste auf dem Markt, viele Investoren hätten inzwischen das Vertrauen in die Bundesregierung verloren.

Michael Harms vom Bankhaus Delbrück verweist auf die Steuerdiskussionen in anderen Ländern des Euroraums und sagt: "Auch in Italien und Frankreich wird über Steuerreformen diskutiert; dort werden aber nicht dauernd neue Konzepte vorgelegt und alte wieder verworfen, so daß Investoren keine Planungssicherheit haben." Ein Analyst von M.M.Warburg findet gar, die geplanten Maßnahmen schafften noch nicht einmal neue Arbeitsplätze.Das liefe in anderen europäischen Ländern wesentlich besser.

Allerdings glauben die Experten auch, daß die politische Unsicherheit nun schon stark in den deutschen Kursen enthalten sei, daß es also kaum zu weiteren politikbedingten Abschlägen in den Aktienkursen kommen werde.Zumal es auch andere schwerwiegende Gründe für das Hinterherhinken des Dax hinter den anderen Börsen in Europa gibt.Zum Beispiel die schleppende Konjunkturentwicklung, die der deutschen Börse derzeit keine Stütze bieten kann."Deutschland flirtet mit der Rezession", sagt Stephan Monissen von Salomon Smith Barney in London.Er erwartet für Deutschland nur noch ein Prozent gesamtwirtschaftliches Wachstum in diesem Jahr.

J.P.Morgan geht davon aus, daß sich die Ertragslage deutscher Unternehmen kurzfristig deutlich verschlechtern wird.Statt 13,9 Prozent Gewinnwachstum sei im Schnitt nur noch mit 12,7 Prozent in diesem Jahr zu rechnen, urteilt das Investmenthaus.Der Markt leide unter einer starken Präsenz konjunktursensibler und zyklischer Werte, die eine Eintrübung der Erträge sofort mit Kursabschlägen an der Börse quittierten.

Delbrück-Analyst Harms sieht einen weiteren Grund für die schleppende Dax-Entwicklung: Internationale Investoren schichteten in Deutschland angelegte Mittel in den übrigen Euroraum um.Immer deutlicher entwickelt sich der Wirtschaftsraum Europa und immer attraktiver werden Werte aus anderen Regionen des vereinigten Währungsraums.Viele Investoren gingen nun stärker in die westlichen und südlichen Randmärkte wie Italien, wo im Finanzsektor immer noch jede Menge Fusionsphantasie herrsche.

Darüber hinaus hielten sich angloamerikanische Anleger gegenwärtig in Deutschland zurück.Sie seien aufgeschreckt worden durch Forderungen aus den USA nach hohen Entschädigungszahlungen für Zwangsarbeiter und jüdische Opfer aus der Zeit des Nationalsozialismus.Betroffen seien vor allem Banken und Versicherungen.So ist das Zusammengehen der Deutschen Bank mit dem US-Unternehmen Bankers Trust aus diesem Grund nach wie vor nicht sicher.

Dennoch glauben die Analysten nicht, daß sich das schwache Abschneiden der deutschen Werte zu einer anhaltenden Stagnation ausweiten wird.Ende 1999 sehen einige Beobachter wie die Deutsche Bank den Dax bereits wieder bei rund 6000 Punkten.Die Aktienexperten der Münchner HypoVereinsbank erwartet dieses Niveau sogar schon im Sommer.

Deutsche-Bank-Analyst Dielmann hält den Markt für unterbewertet.Der derzeit schwache Euro könnte den Gewinnen der deutschen exportlastigen Industrie schon in wenigen Monaten wieder auf die Sprünge helfen und sogar die jüngsten hohen Lohnabschlüsse überkompensieren, meint er.Im Jahresverlauf könnten sich auch die Gewinnaussichten für die Unternehmen wieder bessern.

Spätestens vom kommenden Jahr an werde sich die Konjunktur in Europa insgesamt wieder beleben, glauben die Börsenanalysten.Auch in Asien zeichne sich mittlerweile eine Stabilisierung der Wirtschaft, der Finanzsysteme und ein Ende der tiefen Krise ab.In den USA und Europa - mit Ausnahme Deutschlands - sei die Konjunkturlage insgesamt ohnehin besser als befürchtet.Von diesem robusten Umfeld dürften die Firmen hierzulande später im Jahr auch wieder positiv beeinflußt werden.Sie könnten dann auch von der fortgesetzten Konzentrationsbewegung profitieren, die zu höherer Produktivität führe.Dann stünden auch in Deutschland die Zeichen für eine Trendwende gut, meinen die Experten.

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