• „Für die Firmen ist die Osterweiterung ein Jungbrunnen“ Gesamtmetall-Chef Kannegiesser über die Folgen der EU-Erweiterung

Wirtschaft : „Für die Firmen ist die Osterweiterung ein Jungbrunnen“ Gesamtmetall-Chef Kannegiesser über die Folgen der EU-Erweiterung

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Herr Kannegiesser, rund 15 Prozent aller deutschen Metallfirmen sind bereits in den Beitrittsländern tätig. Wird es ab Mai einen neuen Verlagerungsschub geben?

Es gibt unterschiedliche Gründe für ein unternehmerisches Engagement in Mitteleuropa. Die Markterschließung ist dabei eher zu vernachlässigen, weil die Märkte ja vor unserer Tür liegen. Aber wenn sich die Frage einer Kapazitätserweiterung stellt, dann werden sich viele Unternehmen für die Beitrittsländer entscheiden. Dort lässt sich Wertschöpfung eben deutlich kostengünstiger erbringen als hier. Und das wiederum erhöht die Wettbewerbsfähigkeit unserer exportorientierten Industrie auf den Weltmärkten.

Die Osterweiterung macht die deutsche Industrie stärker?

In jedem Neuanfang liegt eine Chance, und für manchen Unternehmer wird die Erweiterung wie ein Jungbrunnen sein. Die Aufbruchstimmung in den neuen EU-Ländern wird hoffentlich auf die ganze EU ausstrahlen. Das kann für viele wie eine Frischzellenkur wirken, denn in den Beitrittsländern findet das Wachstum statt, nicht bei uns.

Bei den Arbeitnehmern dürften eher die Ängste überwiegen.

Es wird nicht so sein, dass Unternehmen ihre Fabriken hier schließen und in Tschechien oder in der Slowakei wieder aufbauen. Vielmehr werden Teile der Wertschöpfung verlegt und gegebenenfalls neue Kapazitäten in den Beitrittsländern aufgebaut.

Selbst ein weltweit wettbewerbsfähiges Unternehmen wie Siemens droht mit Verlagerung.

Auch Siemens braucht für Teile seiner Sortimente günstigere Kostenstrukturen in Deutschland. Die Angriffe auf Siemens-Vorstandschef Heinrich von Pierer zeigen im Übrigen, wie schief die Diskussion läuft. Von Pierer ist jemand, der sich der Debatte stellt und sich ausdrücklich zu Deutschland und den Arbeitsplätzen hier bekennt, allerdings auch deutlich ausspricht, welche Voraussetzungen zu schaffen sind.

Von Pierer hat die Debatte auch angestoßen, weil er sauer ist über die Tarifpolitik.

Unser Tarifabschluss ist eine flankierende Maßnahme zur Verbesserung der Bedingungen hier zu Lande. Denn wenn es dem Unternehmen und seinen Arbeitsplätzen dient, können die Betriebs- und die Tarifparteien tarifliche Standards unterschreiten. Das soll dazu beitragen, eine Situation in den Betrieben zu vermeiden, die zu Kapazitätsabbau und Verlagerung führt.

Mit welchen Argumenten geht der Arbeitgeber Martin Kannegiesser auf die Ängste der Arbeitnehmer vor der Osterweiterung ein?

Wir sollten uns bei manchen Schwächen vor allem die Stärken vor Augen halten. Zu unseren Stärken gehören das Know-how, die technischen Anlagen, Netzwerke und Infrastruktur. Davon werden wir noch einige Jahre leben können, weil es den Kostenvorteil der neuen EU-Länder zum Teil aufhebt.

Und in zehn Jahren?

Da die anderen aufholen, müssen wir unsere Strukturen verbessern – sonst steigen wir ab. Also noch mehr Mittel in die Produktentwicklung stecken, den Service verbessern, den Vertrieb stärken und die Qualitätssicherung ausbauen. Dazu muss auch bei Bedarf mehr gearbeitet werden. Für eine gewisse Zeit muss das grundsätzlich auch möglich sein, ohne dass die Mitarbeiter den vollen Lohnausgleich erhalten.

Also sind die Ängste der Arbeitnehmer sehr wohl berechtigt?

Wir müssen die Realitäten sehen. Die Kostensituation ist in den meisten Ländern viel günstiger als hier. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, können wir das nicht ausblenden. Kein Arbeitnehmer in Deutschland zahlt für sein Auto 20 Prozent mehr, nur weil es zu 100 Prozent in Deutschland gebaut wird.

Wie stark ziehen die niedrigen Steuern in Mitteleuropa die Investoren aus Westeuropa an?

Steuerpolitik muss nachhaltig sein und funktioniert nicht nach dem Motto „Mit Speck fängt man Mäuse“. Aber bei uns bleibt natürlich – bei Unternehmen wie bei den Arbeitnehmern – wegen der im Vergleich immer noch zu hohen Steuern netto zu wenig übrig. Niedrige Steuern würden gerade dem Mittelstand bei der Finanzierung von Investitionen helfen. Auf den Punkt gebracht: Bei einer niedrigeren Steuerbelastung kann man auch mal wieder ein riskanteres Projekt anfassen.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

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