Wirtschaft : Für die Fusion von Thyssen-Krupp beginnt der Endspurt

ERWIN SCHNEIDER KARLHEINZ VOSS (HB)

DÜSSELDORF .In dieser Woche soll der Pakt endgültig besiegelt werden: Am Montag sind die rund 30 000 Aktionäre der Fried.Krupp AG Hoesch-Krupp, Essen, aufgerufen, die Fusion mit der Thyssen AG, Düsseldorf, abzusegnen.Am Donnerstag sollen die 140 000 Thyssen-Anteilseigner beziehungsweise ihre Stimmenvertreter ihr Plazet geben.Soll das Werk Thyssen Krupp AG gelingen, müssen 75 Prozent der anwesenden Stimmen für den größten Firmenzusammenschluß an Rhein und Ruhr votieren.

Nach Darstellung der Vorstände würden sie damit ein Vorhaben in Gang setzen, daß "die einmalige Chance bietet, die internationalen Marktpositionen schneller, effizienter und nachhaltiger auszubauen, als es jedem Partner im Alleingang möglich wäre".Am Sinn der Fusion zu einem Global player in den Geschäftsfeldern Steel, Automotive, Industries, Engineering und Materials & Services mit rund 70 Mrd.DM Umsatz und 173 000 Mitarbeitern werden denn auch die wenigsten Zweifel laut.Wohl aber an der Angemessenheit der Bewertung und dem Modell des Zusammenschlusses.

So äußert die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf "Bedenken, was die Bewertung der Unternehmen angeht".Die Aktionärsvereinigung wird deshalb bei beiden Unternehmen Spruchstellenverfahren einleiten, die allerdings die zum 1.März 1999 geplante Eintragung ins Düsseldorfer Handelsregister nicht verhindern können.Dies ist nur durch die Verweigerung der Zustimmung der Aktionäre oder nachgewiesene Formfehler auf der Hauptversammlung möglich."Um die Interessen sowohl der Aktionäre von Krupp als auch von Thyssen zu wahren, soll gerichtlich geklärt werden, ob die Unternehmensbewertung korrekt war", betonen die Aktionärsschützer.Die Wirtschaftsprüfer der beiden Konzerne hatten für Thyssen einen Wert von 23,67 Mrd.DM und für Krupp von 11,835 Mrd.DM ermittelt.Das ergibt die für Außenstehende überraschende Wertrelation von genau zwei zu eins.Unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Kapitalgrößen errechnet sich ein kompliziertes Umtauschverhältnis: Thyssen-Aktionäre erhalten für eine 50-DM-Aktie 10 Stückaktien der neuen Thyssen Krupp AG.Die Krupp-Anteilseigner bekommen für jede 50-DM-Aktie 7,88 Stückaktien und einen Barausgleich von drei Pfennig.

Die DWS verweist darauf, daß eine gerichtlich festgestellte Bewertungsänderung "durchaus teuer" werden kann: "Eine Änderung von nur einem Prozent entspräche bei Krupp einem Betrag von rund 117 Mill.DM und bei Thyssen von 238 Mill.DM." Im übrigen geht die DWS davon aus, daß die Machtverhältnisse zwischen den beiden Unternehmen "endgültig festgezurrt" sind, der Zusammenschluß quasi also unter Dach und Fach ist.

Andere Aktionäre haben nach eigener Darstellung schwerwiegendere Vorbehalte.Für beide Hauptversammlungen sind vier Gegenanträge eingereicht worden - jeweils von denselben Anteilseignern: Bernd Günther, Otto Petersen, beide Hamburg, Prof.Nico Stehr, Vancouver, sowie dem Dachverband der Kritischen Aktionäre, Köln.Der Kölner Antrag wird wohl am schnellsten abgehandelt werden.Darin wird verlangt, daß die Hälfte der Vorstands- und Aufsichtsratsposten mit Frauen besetzt werden soll und Aufsichtsrats-Tantiemen gestrichen werden sollen.

Die anderen drei Gegenanträge mit dem Ziel, den Verschmelzungsvertrag zu kippen, argumentieren damit, daß dieses Modell die teuerste aller Varianten sei.Bei Krupp tragen sie vor, daß das Neugründungsmodell Mehrkosten von 50 bis 115 Mill.DM nach sich ziehe."Aus Prestigegründen ist dem Wunsch eines Großaktionärs offensichtlich entsprochen worden, ein zu teures Verfahren zu wählen.Das bedeutet eine schwere Verfehlung gegen die Aktienkultur und ist ein Nachteil für die freien Aktionäre", heißt es bei Petersen.Eine normale Fusion wäre kostengünstiger, bemängelt Stehr, die Risiken bei einem Einbringungsmodell niedriger, meint Günther.

Auf der Thyssen-Hauptversammlung werden die drei Fusionsgegner Vermögensnachteile für die Thyssen-Aktionäre von einer Mrd.DM befürchten.Thyssen könne sich "dank der Ertragskraft alleine prächtig entwickeln".Stehr kritisiert zudem, daß es im Gegensatz zum Shareholder-value-Gedanken stehe, wenn die neue AG die Kosten für die Krupp-Stiftung tragen müsse.

Ob sie mit der Argumentation für andere Fusionsmodelle ein Viertel der Anteilseigner überzeugen können, ist mehr als fraglich.Zumindest bei Krupp sind keinerlei Zweifel am Vollzug der Fusion angebracht.Mit der Alfried von Bohlen und Halbach-Stiftung (Aktienanteil 50,47 Prozent), dem Staat Iran (22,92 Prozent) und der Westdeutschen Landesbank (5,08 Prozent) verfügt der Verwalter des Krupp-Erbes, Berthold Beitz, über ein festgefügtes Bollwerk, das nicht zu knacken ist.

Bei Thyssen mit den einzigen beiden größeren Aktionärsgruppen Thyssen Beteiligungsverwaltung GmbH (10,49 Prozent) und Fritz-Thyssen-Stiftung (7,44 Prozent) sowie einem Streubesitz von knapp über 80 Prozent hat sich auf der Hauptversammlung im März gezeigt, daß das Protestpotential nur gering war.Damals hatten die Verweigerer gegen den Fusionswillen des Aufsichtsrates mit dem Antrag auf Nichtentlastung des Gremiums gekämpft.Bei einer Präsenz von 58,5 Prozent des Grundkapitals von 1,715 Mrd.DM - was am oberen Rand der üblichen Bandbreite zwischen 50 und 60 Prozent lag - konnte gerade einmal ein Verweigerungspotential von knapp drei Prozent aktiviert werden.Für deutsche Hauptversammlungen gilt dies angesichts von Zustimmungsquoten von durchschnittlich um die 99 Prozent schon als Rumoren, aber die Ablehnungshürde wird deutlich gerissen.

Dennoch haben beide Unternehmen ihre Hauptversammlungen vorsorglich für die Dauer von zwei Tagen festgesetzt.Sollte die Tagesordnung nicht durch umfangreiche Diskussionen an einem Tag abgeschlossen werden können, werden die Versammlungen am folgenden Tag fortgesetzt.

Begonnen hatte alles im März 1997 mit dem Versuch einer feindlichen Übernahme von Thyssen durch Krupp.Er scheiterte, als die Pläne vorzeitig publik wurden, am massiven Widerstand bei Thyssen.Doch auf Drängen der Politik wurden im ersten Schritt die Stahlaktivitäten zusammengelegt.Die Fusion beider Konzerne wurde dann im Sommer in Angriff genommen und lange durch eine quälende Personaldebatte behindert.Erst als für Thyssen-Chef Dieter Vogel, den erklärten Gegner einer Verschmelzung, das Handtuch geworfen wurde, konnten die Fusionsarbeiten vorangebracht werden.

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