Wirtschaft : "Für die Steuermoral ist das tödlich"

ANDREAS HOFFMANN

Es ist eines von diesen Themen, von denen sie im Schwabenland sagen, sie hätten Gschmäckle.Nicht unbedingt ein Fall für das Gericht, eher für die Moral.Dieter Ondracek nimmt so auch drastische Worte in den Mund."Das ist doch eine Sauerei, was die DaimlerChrysler-Manager planen", sagt der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuergewerkschaft.Und fährt fort: "Für die Steuermoral des normalen Bürgers ist das absolut tödlich." Was den obersten Lobbyisten der Finanzbeamten aufregt, ist der Plan der obersten DaimlerChrysler-Manager ihre Steuerschuld zu senken.Vorstandsvorsitzender Jürgen Schrempp sowie seine Kollegen Jürgen Huppert, Manfred Gentz, Klaus Mangold, Dieter Zetsche, Kurt Lauk und Eckhard Cordes wollen einen Teil ihrer Einkommen in den USA versteuern.Mit Absicht: Dort liegt der Spitzensteuersatz - je nach Bundesstaat - höchstens bei 43 Prozent.Hierzulande beträgt er 53 Prozent plus 5,5 Prozent Solidaritätszuschlag.Insofern könnte jeder ein schönes Sümmchen sparen.Manche Fachleute veranschlagen sie bei einem Manager, der mehr als eine Million in den USA veranlagt auf 120 000 DM.Andere sehen die Vorteile geringer, da die US-Finanzbehörden nicht so viele Werbungskosten wie hierzulande anerkennen würden - um das zu versteuernde Einkommen zu mindern.

Aber dürfen Schrempp und Co.das so einfach? Schließlich haben die deutschen Vorstände ihren Wohnsitz in Deutschland und beziehen hier ihr Einkommen.Der einfache Schlossermeister in Untertürkheim dagegen kann nicht im Ausland Steuern sparen, wohl aber der Millionen-Verdiener Jürgen Schrempp? In Stuttgart bei DaimlerChrysler kann man die Aufregung nicht verstehen.Es ginge doch nur um ein normales Verfahren, sagt ein Sprecher des Konzerns."Die Vorstände könnten doch nicht doppelt - im Inland und Ausland - Steuern zahlen", sagt er und verweist auf das entsprechende Doppelbesteuerungsabkommen.Überhaupt habe man noch gar keinen Antrag beim Stuttgarter Finanzamt gestellt, es gebe lediglich "einige Überlegungen" der Steuerexperten.

Tatsächlich hat die Bundesrepublik mit zahlreichen Ländern sogenannte Doppelbesteuerungsabkommen beschlossen - damit der Fiskus nicht zweimal zugreift.Unter gewissen Umständen kann der Arbeitnehmer dabei wählen, wo das Finanzamt zuschlägt.Zwischen den USA und Deutschland gibt es seit 1989 ein solches Abkommen.Danach wird Einkommen aus Deutschland grundsätzlich hierzulande erfaßt, was jenseits des Teiches verdient wurde, verbleibt dem US-Fiskus.Es gibt aber zahlreiche Ausnahmen, in denen alles hierzulande versteuert werden muß.Wollen Schrempp und Co.also dem deutschen Fiskus entgehen, wird es kompliziert.Sie müssen möglicherweise nachweisen, wieviel Tage sie für das Ausland arbeiten und wie viele fürs Inland.Und sie müssen sich mit den örtlichen Finanzbeamten über die entsprechende Aufteilung einigen, sagt der Konzernsprecher.Das könnten lustige Verhandlungen werden, getreu dem Motto: Montags arbeitet Schrempp für Deutschland, dienstags dagegen für die USA.Bislang hat dieses Problem kaum eine Rolle für die Finanzämter gespielt.Die Globalisierung ändert das, meint Peter Runge.Auch durch den Einsatz neuer Kommunikationstechnologien.Wie wolle der Fiskus künftig den Arbeitsort festlegen, wenn die Manager über Videoleitungen konferierten."Dieses Problem wird bei Weltkonzernen zunehmen", sagt der Fachmann vom Deutschen Steuerberaterverband.Abhilfe sieht er nur, wenn Bonn die zahlreichen Doppelbesteuerungsabkommen ändern würde.Aber ob der jeweilige Vertragspartner zustimmt? In Stuttgart will man die Sache niedriger hängen.So sei noch unklar, welche Vorstände überhaupt davon berührt würden, sagt der Konzernsprecher.Vielleicht kommen auch weitere DaimlerChrysler-Beschäftigte in den Genuß der Regelungen.Beschwichtigung scheint nötig - angesichts der laufenden Metall-Tarifrunde, in der die Unternehmer nur bescheidene 2,3 Prozent Lohnerhöhung zubilligen wollen.IG Metall-Bezirksleiter Berthold Huber ist verärgert, wie auch der Betriebsratsvorsitzende des Mercedes-Werks in Sindelfingen, Erich Klemm, der auf den Posten des Gesamtbetriebsratsvorsitzenden spekuliert.Dabei kommen auf DaimlerChrysler weitere Probleme zu.Im neuen Weltkonzern verdienen die Vorstandsmitglieder recht unterschiedlich.Schrempp darf etwa 2,7 Mill.DM jährlich nach Hause tragen.Sein Vize Robert Eaton umgerechnet etwa 20 Mill.DM.Derzeit basteln die Stuttgarter daran, wie die deutschen Gehälter entsprechend aufgestockt werden.Bei der kommenden ersten Hauptversammlung von DaimlerChrysler im Mai werden die Kleinaktionäre viele Fragen haben.

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