Wirtschaft : Für ein Drittel weniger

Viele arbeitslose Amerikaner haben ihre Ansprüche gesenkt und einen neuen Job gefunden

Matt Murray

In seinem letzten Job beim Telekomausrüster Nortel Networks wurde Jimmy Richter ständig befördert. In den fünf Jahren verdoppelte sich sein Jahresgehalt auf 94000 Dollar (82729 Euro). Richter dachte, es ginge immer so weiter. Doch im März 2002 wurde er entlassen. Richter nahm an, er sei schnell wieder in Lohn und Brot. Doch der 30-Jährige fand in der Telekommunikationsbranche keinen neuen Job. Kein Wunder – die Branche entließ Tausende von Mitarbeitern.

Nach sechs Monaten kam Richter bei einem Kabelunternehmen unter; allerdings zu einem Gehalt, das etwa halb so hoch ist wie sein altes. „Ich habe mich früher sehr stark über die Arbeit identifiziert“, sagt Richter. „Jetzt bin ich einfach Jimmy. Ich bin über meinen Job froh und mache ihn, so gut ich kann – aber es ist eben nur ein Job.“

Richter ist keine Ausnahme. Die schwache US-Wirtschaft und der Arbeitsplatzabbau lassen eine neue Klasse boomen: die Klasse der nach unten Mobilen. Viele der entlassenen Amerikaner finden irgendwann eine neue Arbeit. Doch sie rutschen die Karriereleiter nach unten. Auch wenn die Entlassungswelle aufhört, werden viele Beschäftigte einen viel niedriger qualifizierten Job haben als vor einigen Jahren, sagen Ökonomen.

Die Entlassungswelle erfasst gleichermaßen Arbeiter und Akademiker, Berufsanfänger und Profis. Viele Betroffene sind qualifizierte Leute, die noch vor kurzem heiß begehrt waren. Sie verdienten viel mehr, als normalerweise Leute in ihrem Alter und mit ihrer Berufserfahrung nach Hause getragen haben. Möglich machte es der Boom der 90er Jahre. Doch als die Börsenblase platzte, zersprang auch die Gehaltsblase. Tausende hoch bezahlter Jobs in der Technologie-, Telekommunikations- und anderen einst boomenden Branchen verschwanden, weil die Unternehmen ihre Kapazitäten abbauten.

Die entlassenen Angestellten mussten feststellen, dass ihr Marktwert sehr geschrumpft ist. Das zwingt sie, ihre Karrierepläne zurückzuschrauben. Einige von ihnen dürften niemals wieder das gleiche Einkommen erreichen. Die betroffenen Menschen haben gemischte Gefühle. Einerseits sind sie erleichtert über den neuen Arbeitsplatz, andererseits sind sie frustriert. Richter sagt, er stehe finanziell wieder dort, wo er vor dem Studium stand. Er hat Schulden, seine Ersparnisse aufgebraucht und er lässt sich gerade scheiden. Und doch nennt er sich glücklich. „Meine Situation hat sich zwar verschlechtert. Aber ich kenne Leute, die haben ganz den Boden unter den Füßen verloren.“

Trish Dennehy war ebenfalls rasant die Karriereleiter emporgestiegen. Die Finanz-Managerin beim Telekomausrüster Telcordia Technologies wurde in sieben Jahren siebenmal befördert und verdiente ein Gehalt im niedrigen sechsstelligen Bereich. Zu ihrer Überraschung wurde sie im Dezember 2001 entlassen. Sie war optimistisch, schnell einen neue Stelle zu finden. Doch Trish Dennehy musste bald feststellen, dass ihr Marktwert nach dem Boom in die Tiefe gestürzt war. Sie bewarb sich auf 200 Stellen und „bekam etwa acht Brocken“, wie sie sagt. „Es war eine äußerst demütigende Erfahrung.“

Dennehy arbeitet nun als Finanzmanagerin beim US-Rüstungskonzern Northrop Grumman. Sie verdient ein Drittel weniger als zu ihren besten Zeiten. Und sie ist die Karriereleiter viele Sprossen hinuntergeklettert: Ihr neuer Job ist in der Hierarchie sehr viel niedriger angesiedelt.

Immer weniger Erwerbstätige

Die Rezession ist in den USA vorbei. Doch die Erholung ist die erste seit dem Zweiten Weltkrieg, in der die Erwerbstätigenzahl 20 Monate in Folge gesunken ist. Fast drei Millionen Arbeitsplätze sind seit dem Beginn der Rezession im März 2001 gestrichen worden. Außerdem dauert die Jobsuche viel länger als früher. Die Arbeitslosenquote ist zwar zuletzt leicht gesunken. Doch der Rückgang kommt vor allem daher, weil viele die Arbeitssuche aufgeben.

Der 43-jährige Ingenieur Craig Heier hätte nie gedacht, dass er mal Arbeit suchen müsste. Er hatte in der Internet- und der Telekombranche gearbeitet. 2001 verdiente er 150000 Dollar und kaufte ein größeres Haus in einem Vorort von Washington. Er träumte davon, sich früh zur Ruhe zu setzen. Es kam anders: Heier musste zweimal in zwei Jahren seinen Hut nehmen. Seit er im Februar entlassen wurde, sucht er erfolglos einen neuen Job. Derweil versucht er, eine Unternehmensberatung aufzubauen.

Während Heier die Selbstständigkeit wagt, fügen sich viele gescheiterte Unternehmer in eine neue Rolle: für andere zu arbeiten. So hat der 39-jährige Jeff Chase in den 90er Jahren in San Francisco ein Unternehmen gegründet, das Firmen bei einem Standortwechsel half. Das Unternehmen mit seinen rund zehn Mitarbeitern profitierte vom Technologie-Boom. Doch als es bergab ging, sank auch der Stern von Chases Unternehmen. Innerhalb weniger Monate musste er seine Angestellten vor die Tür setzen und das Unternehmen dichtmachen. Die nächsten 16 Monate arbeitete Chase im Consulting. Gleichzeitig quälte er sich mit Zweifeln. „Ich hielt mich für einen absoluten Loser“, sagt er. Im vergangenen Jahr rief ein früherer Konkurrent bei Chase an. Sein Bekannter suchte einen Marketing-Chef. Ob er ihm jemanden empfehlen könne? Chase sagte, er selbst sei interessiert – und bekam den Job. Inzwischen hat er sich an das bescheidenere Gehalt und die niedrigere Verantwortung gewöhnt. Trotzdem ist es ihm unangenehm, auf frühere Kollegen zu stoßen. Sie fragen ihn, ob er wieder ein Unternehmen aufbauen werde. Chase hält das für unwahrscheinlich. Die Risikofreude ist weg.

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